Unser Bayern

Wie der Blick in eine Schneekugel: Mühle am Walkerspund. Die zu „Domkröten“ mutierten Löwen werden auch bald wieder ihre Schnee-Shirts ablegen können. (Foto: Harald Grill)

28.03.2013

Die Welt hat ein neues Gesicht

Zum Ausklang des Winters: Harald Grills Spaziergänge durch Bamberg

Schnee. Bamberg leuchtet. Die Barockfiguren im Garten der Villa Concordia haben weiße Hauben auf. Ich spüre die Lust des Kindes, ihnen die Mützen vom Kopf zu hauen und dann, den Fußweg flussaufwärts an der Regnitz entlang zu gehen in eine noch unberührte Welt. Ein Spaziergang ins Bekannte bedeutet, die gleiche Strecke wieder und wieder neu zu sehen. Heute wird das Schwarz jeder einzelnen Baumsilhouette, ja, jedes Astes, durch die weißen Konturen hervorgehoben. Drüben am anderen Ufer der Hain, der Park, in dem auch E.T.A. Hoffmann spazieren gegangen ist. Von 1808 bis 1813 hat dieses Multitalent hier gelebt. Auf meinem Spazierweg gäbe es Kanaldeckel mit Motiven zu seinem Werk zu sehen, merkwürdige gusseiserne Denkmäler, heute bleiben sie unterm Schnee verborgen: kein Kater Murr, kein Mäusekönig, keine Olympia, keine Undine… Schnee offenbart, was das ist: Erscheinen und Verschwinden. Und wie Spott, der weiße Rauch, der aus einem der Häuser auf der anderen Seite der Regnitz quillt, auch er ein Meister, wenn es ums Erscheinen oder Verschwinden geht. Eine Schar Möwen bringt Unruhe in die Szene. Leuchtend weiß heben sie sich ab vom dunklen Spiegel der Wasserfläche. Weiße Blitze, Winterblitze. Statt des Donnerns ein Aufkreischen. Und fort sind sie.

Gegenüber das Hainbad – auch im Winter markieren gelbe Bojen jene Wasserfläche, die allein den Badenden gehört. Daneben das Bootshaus, das ist tatsächlich die Heimat des Rudervereins mit Bootsschuppen und allem was dazugehört. Zugleich ist es eine Gaststätte mit einem Biergarten unter mächtigen alten Eichen direkt am Wasser. Wenige Minuten später quert die Betonkonstruktion einer mehrspurigen Autostraße die Regnitz. Für kurze Zeit dringt der Lärm einer anderen Welt an meine Ohren, einer schnelleren Welt, die ein Stockwerk über mir existiert. Dort gibt es die Einkaufsmärkte und die Arena, in der die Bamberger Brose Basketballer bei ihren Heimspielen vor meist ausverkauften Rängen beweisen, dass sie zurzeit zu den besten Mannschaften Europas gehören.

Die Fußspuren werden weniger, der Lärm der Straßenbrücke ist nach hundert Metern kaum noch zu hören. Kurz vor der Ortschaft Bug führt eine Fußgängerbrücke zum Hain. Laut Auskunft der Spuren habe ich an dieser Stelle bisher nur einen „Vor-Gänger" mit Hund. Schnee liegt auf dem Brückengeländer. Es schaut aus, als wäre es über Nacht für unberührbar erklärt worden. Makellose weiße Linie. Niemand hat sie bis jetzt durchbrochen. Soll ich es wagen?

Die Hainspitze teilt das Wasser der Regnitz auf in einen linken und einen rechten Arm. Der rechte wird schon bald vom Rhein-Main-Donau-Kanal geschluckt. Am linken bin ich gerade entlang gegangen, der führt mitten in die Altstadt, ins Mühlenviertel. Früher hat es hier keine Brücke gegeben, nur eine Fähre für die Bamberger Ausflügler, die in Bug einkehren wollten. Auch E.T.A. Hoffmann kehrte einmal zu später Stunde nach einem Wirthausbesuch in Bug mit der Fähre zurück ans Hainufer. In seiner Geschichte Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza schreibt er, er habe sich „verspätet, und sollte nun noch eine Viertelstunde Weges durch den Park nach der Stadt zurücklaufen." Da begegnete ihm „ein schwarzer Bullenbeißer", der ihn ansprach. Er muss einen mordstrumm Rausch gehabt haben, der E.T.A. Hoffmann. Bis zum Morgengrauen will er sich mit dem Hund unterhalten haben. Es ging dem Herrn Hoffmann in Bamberg nicht besonders gut. Er musste gleichzeitig als Kapellmeister, Dichter, Bühnenmaler und Musiklehrer arbeiten um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In seinem Tagebuch bezeichnete er die Bamberger Jahre als „die boeseste aller Zeiten". Dort, wo er den sprechenden Hund Berganza getroffen hat, steht heute ein Gedenkstein.

Ein neuer Morgen. Ich habe vor, das winterliche Bergviertel zu durchqueren und steige die Treppe durch den Alten Graben hinauf zum Stephansberg. Mein Weg führt von der Evangelischen Stephanskirche hinunter zum Unteren Kaulberg, bei der Oberen Pfarre schnell über eine der verkehrsreichsten Straßen der Innenstadt und hinauf zum Domberg. Vor den romanischen Portalen des Doms halten zwei steinerne Löwen Wache. Naja, vielleicht sollten es einmal Löwen gewesen sein, aber Sandstein ist in seiner Nachgiebigkeit verwandt mit dem Schnee und so gleichen sie eher modernen Plastiken als einem Wappentier. Die Einheimischen haben die Bezeichnung für die Domstufen, die Domgreden, auf die Steinlöwen übertragen. So wurden sie zu den Domkröten. Die Sage will wissen, dass sie der Teufel geschickt hat. Sie sollten den Dom zum Einsturz bringen. Das ist danebegegangen. Die Kröten haben ihr Gesicht verloren. Lustig schauen sie aus heute in ihren Schnee-T-Shirts. Gegenüber vom Dom ein modernes Kunstwerk des spanischen Künstlers Jaume Plensa, das vor kurzem mit fünf anderen gleich aussehenden an verschiedenen Orten der Innenstadt aufgestellt worden ist. Diese auf hohen Säulen kauernden „Poeten" unterscheiden sich erst nachts voneinander. Dann leuchten sie abwechselnd rot, blau, grün, gelb oder lila. Stadtchamäleons. Der hier am Domplatz hat jetzt fast die Farbe des Schnees und scheint furchtbar zu frieren.

Der Rosengarten hinter der Neuen Residenz hält Winterschlaf. Wo sonst Scharen von Touristen den Blick auf die Stadt verstellen, scharren heute ein paar Krähen nach Futter. An St. Jakob vorbei zieht’s mich Richtung Michelsberg. Ganz schön rutschig, so arschglatt, dass es eine Freude ist. Ein paar Kinder haben Schule aus, rennen schreiend und Schneeball werfend heim. Warum sehe ich später am Nachmittag nie Kinder. Wo spielen sie? Nur die Erwachsenen erzählen vom „Höscheln", vom Schlittern auf dem Eis, vom Schlittenfahren, von Schneeballschlachten und der Zeit, als sie noch Kinder waren. Es kann doch nicht sein, dass die Schulkinder heutzutage nachmittags nur noch lernen müssen und sich danach zur Entspannung ihren Computerspielen hingeben...

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der März-Ausgabe von Unser Bayern!

(Harald Grill)

Weiter, die Regnitz abwärts. Der Hain gehört zu den ältesten bayerischen Bürgerparks im Stil englischer Landschaftsgärten. Im Sommer tritt man aus den beschatteten Wegen immer wieder ins Offene. Jetzt leuchtet der ganze Park vom Schnee. Das Weiß, das uns, wenn es nicht gerade im Übermaß auftaucht, so deutliche Konturen, so klare Verhältnisse schenkt, und das endlose Weiß als kurzes schimmerndes Glück. Drüben am anderen Flussufer taucht wieder die Villa Concordia auf. Das Gelb des Sandsteins hat sich an vielen Stellen der Außenanlagen schon längst einem schmutzigen Schwarzbraun ergeben. Jemand hat einen Schneemann zwischen zwei der sieben Figuren auf die Balustrade gebaut. Was für ein trotziges Unterfangen. Ein kleiner weicher David gegen die steinernen Wächter des Gartens. So viel Mut zur Flüchtigkeit können nur Kinder aufbringen, denkt man – oder aber Erwachsene, die sich das Kindliche bewahrt haben.

Seit Herbst vergangenen Jahres liegt drüben am Fuße des Unteren Grabens neben der Villa wieder eine Fähre. Damit wurde der über viele Jahrzehnte gepflegte Zillen-Fährbetrieb nach längerer Unterbrechung mit einer geräumigen neuen Radfahrer- und Fußgängerfähre neu aufgenommen. Im Winter hängt sie an der Kette. Eine Wildente lacht und noch eine und dann kommt ein Entenpärchen herüber, als wolle es zeigen, hier, hier überquert die Barke im Sommer den Fluss. Neben der Mühle am Walkerspund eine fast zierliche, nur etwa fünf Meter breite, noch intakte Schleuse aus dem 19. Jahrhundert. An dieser Stelle zweigt der alte Ludwig-Kanal ab. Und ungestüm, als müssten sie noch immer Mühlen antreiben schieben die Wassermassen der Regnitz weiter auf das erste Wehr zu. Zwischen Kanal und Fluss entsteht eine Insel. Sie bildet das Herz der Altstadt. Im Westen die Stauwehre der Mühlen und das Brücken-Rathaus und östlich davon der alte Ludwig-Kanal. Ich schlendere vorbei am Schleusenwärterhäuschen weiter zum Nonnengraben. Hier gibt es noch Überreste des Alten Hafens: zwei altmodische Drehkräne zum Umladen des Frachtgutes, große schlafende schwarze Vögel. Am Schillerplatz, wo sich das Wohnhaus von E.T.A. Hoffmann und das nach ihm benannte städtische Theater befinden, schlage ich den Rückweg ein.

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