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Etwa 1,3 Millionen Besucher zieht das Straubinger Volksfest heutzutage an. (Foto: Stadtarchiv Straubing)

27.07.2012

Ein Trumm von Paradies

Das Gäubodenvolksfest wird 200 Jahre alt. Seit 1898 findet es ausschließlich in Straubing statt

Es gibt einen Termin im Jahr, denn will so schnell kein Straubinger verpassen. Kein Einheimischer ist im Urlaub und die Ex-Straubinger versuchen, ihre Ferien in der alten Heimat zu verbringen. Im Gegensatz zu vielen Münchnern, die das Oktoberfest längst meiden, ist das Gäubodenvolksfest, das respektvoll auch als fünfte Jahreszeit bezeichnet wird, für die Straubinger ein Muss. Denn es ist „ein Trumm vom Paradies". So nannte der Heimatdichter Max Peinkofer 1927 das Fest. Sein Vergleich wird immer noch gerne zitiert.

Alljährlich im August ist die niederbayerische Stadt die Bühne für das zweitgrößte Volksfest Bayerns. Wenn 2000 Kostümierte mit geschmückten Pferdegespannen und Wagen zur Festwiese ziehen ist Gäubodenzeit. Straubing wird zum Magneten für rund 1,3 Millionen Besucher, die meisten Gäste stammen traditionell aus Niederbayern. In einem Park mit sieben Bierzelten und rund 120 Amüsier-Geschäften kommt jeder auf seine Kosten: die Kinder zum Beispiel auf der Wildwasserbahn, die Wagemutigen bei einem Looping im Starflyer oder im Cyber Space und die, die es beschaulicher mögen bei einer gemächlichen Runde mit dem 50 Meter hohen Riesenrad. Für Bequemlichkeit in den Festzelten mit ihren 26.000 Plätzen ist gesorgt, zum Beispiel ist ein Großteil der Bierbänke mit Rückenlehnen ausgestattet.

Vor 200 Jahren hatte das Fest noch einen ganz anderen Charakter. Im Jahr 1812 wurde das Gäu-bodenvolksfest als landwirtschaftliches Vereinsfest im Unterdonaukreis, der in etwa mit dem heutigen Regierungsbezirk

Niederbayern vergleichbar ist, durch ein Dekret König Maximilians I. ins Leben gerufen. Weil er um „der Bayern Wohl und Glück" bemüht war, erlaubte der König „allergnädigst" die Veranstaltung. Im Mittelpunkt standen Zuchtschauen, landwirtschaftliche Anbaumethoden und ein Pferderennen.

Vorausgegangen war ein vergleichbares Fest in München. Am 12. Oktober 1810 hatten der bayerische Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen geheiratet. Anlässlich dieser Hochzeit wurde auf der Theresienwiese ein Pferderennen in Szene gesetzt. Das Oktoberfest war geboren. „Mit allerhöchstem Wohlgefallen" äußerte Kronprinz Ludwig: „Volksfeste freuen mich besonders. Sie sprechen den Nationalcharakter aus, der sich auf Kinder und Kindeskinder vererbt. Ich wünsche nun auch, Kinder zu erhalten; und sie müssen gute Baiern werden." Braut und Bräutigam ließen sich von 16 mit bayerischen Trachten bekleideten Kinderpaaren huldigen. Je zwei Kinder aus Straubing und dem Gäuboden durften dem Hochzeitspaar Blumen überreichen. Dies bedeutete eine besondere Ehre für die Region. Das Wort Gäuboden bezeichnet das flache Land („Gäu") südlich der Donau; seine Fruchtbarkeit verdankt es dem Lössboden

Es ist dem landwirtschaftlichen Verein in Bayern zu verdanken, dass das Oktoberfest keine einmalige Angelegenheit blieb. 1810 war der Verein, der Vorläufer des Bauernverbandes, gegründet worden mit dem Ziel, die rückständige Landwirtschaft, die aber nichtsdestotrotz ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war, zu reformieren. Mit Landwirtschaftsfesten wollte man die Bauern motivieren, indem man beispielsweise über neue Anbaumöglichkeiten informierte. Dank der Initiative des landwirtschaftlichen Vereins fand das Münchner Pferderennen nun jährlich immer in Verbindung mit einem Zentrallandwirtschaftsfest statt.

Auch im Unterdonaukreis setzte der Verein die erste derartige Veranstaltung durch. Finanziert wurde sie vom Verein, der König genehmigte eine Unterstützung von 700 Gulden. Stolz konnte der Generalkommissar dem König vom „glänzenden Erfolg" des Festes berichten. Weil „Straubing überdies für landwirtschaftliche Erzeugnisse der lebhafteste Markt des Unterdonaukreises ist und ein großer Teil seiner Bewohner selbst Ökonomen sind", sei es nur folgerichtig, fürderhin Landwirtschaftsfeste in der Stadt zu veranstalten. Als Passau Protest einlegte, fand das Großereignis von 1814 – 1818 dort statt. Schließlich wurde das Fest abwechselnd in Passau und Straubing ausgerichtet, später kamen noch Landshut und Deggendorf als Veranstaltungsorte hinzu.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich die Veranstaltung zu verändern. Es ging nun nicht mehr nur um die Landwirtschaft, sondern zunehmend auch um Handel und Gewerbe. Zudem rückte das Vergnügen stärker in den Vordergrund. Neben dem Landwirtschaftsfest begann ein Volksfest heranzuwachsen: mit Kegelbahnen, Schießständen, Ringelreihen, Losbuden und allerlei Attraktionen. Zudem fanden schon damals festliche Umzüge statt, wie auch ein Feuerwerk, das noch heute den Abschluss am letzten Volksfesttag in Straubing bildet.

Das Jahr 1898 war ein Wendepunkt in der Geschichte des Straubinger Volksfestes. Die Stadt hatte überraschend die Absage für die Ausrichtung des Festes erhalten. Der Kreislandwirtschaftausschuss bevorzugte Passau. Da sich Straubing nicht länger „der Willkür des landwirtschaftlichen

 Kreisausschusses" aussetzen wollte, beschloss die Stadt, die Veranstaltung als Niederbayerisches Volksfest im Zweijahresrhythmus künftig selbst auszurichten. 1938 setzte sich der bis heute übliche Name Gäubodenvolksfest durch. Seit 1961 findet das Fest jährlich statt.

Untrennbar zum Gäubodenvolksfest gehört seit den 1950er Jahren die Ostbayernschau. Sie ist die größte Verbraucherausstellung der Region. Auf 55 000 Quadratmetern Fläche bieten um die 700 Aussteller in 16 Hallen und im weitläufigen Freigelände eine breite Palette von Produkten, Dienstleistungen und Informationen an. Bei freiem Eintritt können sich die normalerweise um die 440 000 Besucher in Bayerns „größtem Einkaufszentrum" über fast alles informieren, was die Wirtschaft zu bieten hat. Die Landwirtschaft spielt heutzutage nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Angebot in der Messewelt mit ihren 23 Warengruppen reicht vom Bauen und Baubedarf über moderne Einrichtung, EDV-Technik bis zu Werkzeugen, von Maschinen, Bekleidung, Mode, Nahrungsmitteln bis hin zu Freizeit, Sport, Touris-tik, Praktischem für Haus und Hof, Haushalt und Freizeit sowie Fahrzeugen und Arbeitsgeräten für die Land- und Forstwirtschaft.

Zum 200. Geburtstag wird in diesem Jahr die Geschichte zurückgedreht. Die „gute alte Zeit" darf wieder aufleben. Parallel zum modernen Gäubodenvolksfest kommen in einem historischen Bereich alte Fahrgeschäfte zum Einsatz: ein 52 Meter langer Toboggan, eine Hexenschaukel, eine Nostalgie-Geisterbahn und das historische Riesenrad, das sich um 1900 zum ersten Mal gedreht hat. Für das Flair von Anno dazumal sorgen auch Schuhplattler, Gstanzl-Sänger und Blasmusik. (Eva Meier)

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