Unser Bayern

Die Vorstellung, schon nach wenigen Wochen wieder zuhause sein zu können, erwies sich im Herbst 1914 als Illusion. Stattdessen bezogen die Soldaten Position in Schützengräben. Der Stellungskrieg hatte begonnen. (Foto: SZPhoto)

24.10.2014

Fatale Erstarrung

Schon im Herbst 1914 kritisierte Kronprinz Rupprecht die mangelnde Kompetenz in der deutschen Kriegsführung

Im Oktober 1914 zerplatzte die Vision vom schnellen Krieg: Der Stellungskrieg begann. Von den gegenseitigen Schuldzuweisungen liest man unter anderem in Aufzeichnungen von Bayerns Kronprinz Rupprecht. „Ein jeder der von mir erlassenen Befehle", notierte er zum Beispiel frustriert, wurde „mitten in der Ausführung durch neue Anordnungen der Obersten Heeresleitung über den Haufen geworfen." Ein paar Wochen vorher war alles noch ganz anders. Da war der 45-jährige Thronfolger zuversichtlich, der Krieg sei eine Sache von nur wenigen Wochen.

Das glaubten oder hofften viele der Soldaten, die sich damals in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 in München gesammelt hatten. Ob in Kasernen, in öffentlichen Gebäuden, in Schulen oder auf den Straßen: Überall beherrschte das Militär die Szene. Selbst in den Vorstädten tummelten sich die Einberufenen; unter ihnen auffällig viele junge Gesichter, mal mit freudiger, mal mit ernster Mine, mal mit verstörtem, mal mit zuversichtlichem Blick. Mit Köfferchen oder notdürftig verschnürten Kartons eilten sie zu den Meldestellen, während andere schon zur Westfront aufbrachen. Mit dabei war König Ludwig III., der es sich nicht nehmen ließ, ein Regiment nach dem anderen zu verabschieden. Unablässig hallten die Schritte der Marschkolonnen und die Klänge der Militärkapellen, nicht immer ganz harmonisch rein, dafür aber sehr schneidig. Blumen regneten auf die ausrückenden Soldaten, und Blumen schmückten die Gewehrläufe – dank der zahllosen Passanten, die ihre Hüte schwenkten und dank der vielen Kinder, die nebenher liefen.

Als die bayerischen Soldaten zur Front aufbrachen, kannten die meisten von ihnen den Krieg nur aus Erzählungen. Ganz vorne standen die Erinnerungen an den siegreichen Kampf um Deutschlands Einheit anno 1870/71, doch auch die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 waren noch nicht vergessen. Erst ein Jahr zuvor hatte sich Deutschlands Freiheitskampf gegen Napoleon zum hundertsten Mal gejährt: ein Medienereignis, das von zahlreichen Gedenkfeiern, Reden und Zeremonien begleitet war. Unzählige Gedenkmedaillen wurden geprägt, während die Tageszeitungen einen Rückblick nach dem anderen druckten. So nahm der Preis auf die Helden von damals kein Ende und fast jeder wusste, wer ein York von Wartenburg, wer ein Blücher, wer ein Scharnhorst oder wer ein Schwarzenberg war.

Auch der erste Soldat des Königreichs hatte noch keinerlei Kriegserfahrung: Kronprinz Rupprecht, der 1869 geborene Sohn König Ludwigs III. war von Anfang an für die Offizierslaufbahn bestimmt worden und seit 1913 Generalinspekteur der bayerischen Armee. Zuvor hatte er sämtliche Truppengattungen durchlaufen und sich als fähiger und pflichtbewusster Soldat erwiesen.

Dann kam der 1. August 1914: Der Kronprinz werde „das Kommando über eine, voraussichtlich aus drei bayerischen und einem norddeutschen Armeekorps zusammengesetzte Armee erhalten und mit dieser an die Westgrenze abrücken". Am 2. August 1914 ging diese Meldung des österreichischen Gesandten in Wien ein und traf auch weitgehend zu. Bereits einen Tag zuvor war der Kronprinz von Kaiser Wilhelm II. zum Oberbefehlshaber der 6. Armee ernannt worden.

Zunächst erfuhr Rupprecht keine weiteren Details zu den Aufmarschplänen. Wie so viele Zeitgenossen fühlte er sich von den Ereignissen überrollt und auch von Freude über die Beförderung zum kommandierenden General konnte kaum die Rede sein. „Werde er den schweren Auftrag erfüllen können?"– solche und ähnliche Fragen gingen Rupprecht durch den Kopf, als er Anfang August mehrere schlaflose Nächte verbrachte. Schon einst, bei der Wahl des Offiziersberufs, war er nicht gefragt worden; mehr aus Pflichtbewusstsein als aus innerer Neigung hatte er die Aufgabe seines Lebens angenommen. Doch in den ersten Augusttagen 1914 stand sehr viel mehr auf dem Spiel: das Schicksal Bayerns, Deutschlands, ja ganz Europas.

„Die Lage ist ernst, aber mit dem Segen Gottes und unserer ausgezeichneten Armee hoffe ich, dass wir siegen werden". Die letzten ermahnenden Worte König Ludwigs III. lagen Kronprinz Rupprecht noch in den Ohren, als er am Abend des 7. August 1914 zum Münchner Hauptbahnhof fuhr und die Reise in Richtung Lothringen antrat. Es sei ihm „wie eine Erlösung" vorgekommen als der Zug um 22 Uhr die bayerische Landeshauptstadt verließ, doch auch das Gefühl, die „innere Ruhe wiedergefunden" zu haben, gab ihm neue Kraft und Zuversicht. Als es am nächsten Morgen hell wurde, sah der Kronprinz an den Bahnhöfen jedes Mal „dichtgedrängte Menschenmengen, die patriotische Lieder sangen". Neben den Blumen fielen zahlreiche Liebesgaben, Jubelrufe wurden laut, und auch die vielen, feierlich geschmückten Bahnhöfe stimmten ihn zuversichtlich.

Den vielen einfachen Soldaten, die seit dem 1. August mit dem Zug in Richtung Westen rollten, erging es nicht viel anders. Noch einmal konnten sie sich Mut machen vor dem großen Kampf im Westen: zuerst die Reservisten, dann die Landwehrleute und seit Oktober jene Tausenden von Freiwilligen, die zuvor eine harte Grundausbildung in der Heimat absolviert hatten. Schon am 20. August 1914 wurde mit knapp 409 000 Mann die planmäßige Kriegsstärke des bayerischen Heeres leicht überschritten. Nicht weniger als 3050 Militärzüge rollten bis zum 16. August aus dem rechtsrheinischen Bayern in Richtung Lothringen, dazu weitere 2500 Eisenbahntransporte aus der Pfalz. So erreichte die Massenmobilisierung Dimensionen, die alles Bisherige in den Schatten stellten.

Nach den Plänen des deutschen Generalstabes sollte die bayerische Armee wie die meisten deutschen Truppen zunächst im Westen aufmarschieren. Dies sah auch der sogenannte Schlieffen-Plan von 1905 vor, der im Fall eines Zweifrontenkrieges alles auf die Karte einer raschen Niederwerfung Frankreichs setzte. Der Kapitulation des Erzfeindes sollte eine rasche Truppenverlegung nach Osten folgen, mit dem Ziel, die russischen Armeen weit nach Osten zurückdrängen und zu besiegen. Das Volk erwartete einen kurzen Krieg und einen schnellen Sieg wie einst 1870/71– und genau diese Option verfolgten auch die Militärs.

Er habe „unbedingtes Vertrauen zu seiner Führung", und zum „Geist und der Schlagkraft der von ihm befehligten Armeen". Als Kronprinz Rupprecht Mitte August dieses Telegramm des Kaisers in der Hand hielt, hatte er bereits das zusätzliche Kommando über die 7. Armee im Elsaß übernommen. Nach den Vorstellungen des Generalstabschefs Helmut von Moltke sollten Rupprechts Verbände zum Schutz der Reichslande Elsaß und Lothringen eingesetzt werden und die rechte Flanke der weiter nördlich operierenden Invasionsarmeen bilden. Der Grund: Moltke erwartete den französischen Hauptvorstoß genau in Elsaß-Lothringen, nicht jedoch weiter im Norden, wo das neutrale Belgien einen Korridor bildete. Genau dieses Belgien sollte der Nordflügel der deutschen Invasionsarmeen erobern und anschließend in Frankreich einfallen. Geplant war eine Umfassungsoperation des äußersten rechten Flügels um die französische Hauptstadt sowie die folgende Einkesselung und Kapitulation der um Metz und Verdun massierten französischen Truppen.

Tatsächlich setzte Moltke diesen Plan nicht konsequent um, da er es unterließ, alle Kräfte auf einen Entscheidungspunkt zu konzentrieren. Dies war jedoch nicht der einzige Grund, warum Kronprinz Rupprecht den Generalstabschef kritisierte. Vor allem mit dem defensiven Auftrag der 6. und 7. Armee, ihrer Zuschauerrolle an der deutsch-französischen Grenze, wollte er sich nicht abfinden. Wie so viele Militärs träumte er von einem schnellen deutschen Sieg im Westen und vom Ruhm der bayerischen Armee; eine Kombination aus Ausweichs- und Vorstoßtaktik erschien ihm deshalb der beste Weg zum Sieg. „Der 6. Armee wird eine ähnliche Rolle wie jene der Schlesischen Armee unter Blücher im Jahre 1813 zufallen: ein Ausweichen und Wiedervorgehen". Die Lage an der Front schien Rupprecht Recht zu geben, da sich der erwartete französische Vorstoß in Lothringen Mitte August als Fata Morgana erwies. Am Entschluss, baldmöglichst anzugreifen, bestand für ihn nun kein Zweifel mehr, doch auch seine Soldaten drängten zur Aktion; nur der Generalstab im Großen Hauptquartier in Koblenz zögerte immer noch... (Martin Hille)

Lesen Sie den vollständigen und reich bebilderten Beitrag in der Oktober-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 43 vom 24. Oktober 2014)

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