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In sein Bischofswappen übernahm Faulhaber die Menora, den siebenarmigen jüdischen Kultleuchter: Dieses Wappen ziert in auffällender Größe die Giebelmalerei der 1934 geweihten Kirche Hl. Blut in München-Bogenhausen (Hans Döllgast).  (Foto: Jan Kopp)

25.02.2011

Faulhabers Gegenposition zur NS-Kriegspropaganda

Münchner Kirchenweihen zwischen 1933 und 1939 provozierten mit ihren Patrozinien


Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden unter Michael Kardinal von Faulhaber (seit 1917 Erzbischof von München und Freising) in der Erzdiözese 23 Kirchen eingeweiht, danach bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs noch einmal 21. Der Kardinal war laut Schreiben an Regierungsbaumeister H. M. Müller vom 10. Dezember 1929 in der Regel erst dann in einen Kirchenneubau involviert, „wenn der Architekt bereits Pläne entworfen hat und für die Ausführung des Baus verpflichtet ist". Anfangs zog er eine eher historistische Prunkarchitektur in Anknüpfung an den Kirchenbau vor 1914 vor. Schlichtere, moderne Lösungen gewannen erst ab 1930 die Oberhand. Der Kardinal aber war es, der die Kirchen- und Pfarreipatrozinien genehmig-
te und sicherlich auch anregte, wenn keine Fortführung eines bereits vorhandenen Namens aus Traditionsgründen gegeben war.

Dass eine neue Namenswahl durchaus programmatisch sein, gegen die NS-Ideologie Stellung beziehen konnte, ist offensichtlich (und auch keine ganz neue Erkenntnis mehr) bei der am 24. Oktober 1937 eingeweihten Kuratiekirche „Maria – Königin des Friedens" in München-Giesing: Das Frieden propagierende Patrozinium setzte einen christlich-katholischen Gegenakzent zu den Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten – und war in seiner gängigen Abkürzung „KdF" auch als Anspielung auf die Sonderdienststelle der Deutschen Arbeitsfront „Kraft durch Freude" zu verstehen. Zwar unterscheidet sich die trutzige wie bodenständige Architektur Robert Vorhoelzers auf den ersten Blick kaum von der gleichzeitiger Staats- und Parteibauten, doch zeigt das Programm der bildnerischen Ausstattung Albert Burkarts (1898 bis 1982) eine mutige Gegendarstellung zur NS-Kriegspropaganda.

Sein Fresko der Altarwand, ein riesiges, vom Chorbogen umrahmtes Votivbild, ist unten – dem Betrachter am nächsten und daher unübersehbar – mit einem Gebet beschriftet, das mit den Worten beginnt: „Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen, denn es ist kein anderer, der für uns streitet …" Darüber sind in der untersten Bildzone jammernde Frauen und Kinder dargestellt, die von Engeln gegen Krieg, Not, Tod, Teufel, Hass und Lüge verteidigt werden. In der nächsten Zone erscheinen – vor der Silhouette von Dom und neuer Kirche – der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber, Pfarrkurat Alfons Beer, Ministranten, Kommunionkinder, Architekt Vorhoelzer, Maler Burkart usw. bei der Einweihung der Kirche. Ganz oben thront übergroß und raumbeherrschend Maria als Königin des Friedens mit einem Ölzweig in der erhobenen Rechten und mit dem segnenden Jesuskind auf ihrem Schoß. Sie wird verehrt von Papst Benedikt XV., der mitten im Ersten Weltkrieg diese Anrufung der Muttergottes propagiert hat.

Zwei Jahre vor dieser Kirchenweihe in Giesing, am 14. Juli 1935 (dem Gedenktag der Französischen Revolution), hatte Kardinal Faulhaber in München-Sendling eine Kuratiekirche, diesmal ein zurückhaltendes Werk Hans Döllgasts (1891 bis 197w), weihen können, und zwar zu Ehren des hl. Kaisers Heinrich II. Das neue Viertel um das städtische Altersheim St. Joseph war nach Einschätzung des damaligen Kuraten Ludwig Endres Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre „eine Hochburg des Nationalsozialismus" gewesen. Auf den ersten Blick wirkt dieser Kirchenpatron sehr unzeitgemäß, genauso wie die beiden der Romanik entlehnten Löwen, die das Vorhallendach des Gotteshauses tragen. Doch wollte hierin der Erzbischof, der als Ideal eine im Gottesgnadentum verankerte Gesellschaft ansah, sicherlich dem Dritten Reich das Heilige Römische Reich beziehungsweise dem selbsternannten, gottlosen Diktator den sich von Gott eingesetzt und diesem in seinem Tun verpflichtet fühlenden Herrscher als christliches Gegenbild aus der deutschen Geschichte gegenüberstellen. In eine ähnliche Richtung zielte die Umbenennung der 1930 fertiggestellten Kirche St. Magdalena in Nymphenburg durch Kardinal Faulhaber zum 1. Januar 1936 in „Christkönig".

An einem 24. Oktober, damals Festtag des Erzengels Raphael, war die Kirche „Maria – Königin des Friedens" konsekriert worden. Schon 1932 hatte Kardinal Faulhaber die von Hans Döllgast gebaute Raphaelskirche in München-Hartmannshofen, einer Arbeitersiedlung, geweiht. Der im alttestamentlichen Buch Tobit genannte Gottesbote Raphael, dessen Name so viel bedeutet wie „Heiler mit Gottes Hilfe", begleitete – wie in den Glasgemälden Günther Graßmanns (1900 bis 1993) in der Hartmannshofener Kirche vor Augen geführt – den Tobias auf seiner Reise und gab ihm Ratschläge, wie er seine zukünftige Gemahlin vom Dämon befreien und seinen Vater von der Blindheit heilen könne. Im Buch Sohar der jüdischen Kabbala ist es die Aufgabe Raphaels, die Erde zu heilen, damit der Mensch auf ihr leben kann. Angesichts dessen fällt es schwer, in der Wahl dieses Patroziniums nur einen Zufall zu sehen.

Plakativ verheißt über dem Chorbogen von St. Raphael ein Zitat aus den Psalmen des Alten (das heißt jüdischen!) Testaments in Versalien: „Initium sapientiae timor Domini" – Die Ehrfurcht vor Gott ist der Anfang der Weisheit. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Michael Faulhaber von 1903 bis 1911 Professor für Alttestamentliche Exegese und Biblische Theologie an der Universität Straßburg gewesen war. Deshalb übernahm er in sein (Speyerer wie Münchner) Bischofswappen die Menora, den siebenarmigen jüdischen Kultleuchter. Das allein schon dürfte für das NS-Regime eine Provokation gewesen sein, erst recht, wenn das Wappen dann in oder an neuen Kirchen wie Namen Jesu (München-Neufriedenheim) oder Hl. Blut (München-Bogenhausen), beide von 1934, gut sichtbar angebracht wurde. Zudem galt Faulhaber bei den Nationalsozialisten seit seinen vielbeachteten Adventspredigten 1933 als offener Sympathisant des Judentums. (Lothar Altmann)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Februar-Ausgabe von Unser Bayern.

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