Unser Bayern

Pferde sieht man schon hier im Gut Laufzorn - aber als Zugtiere. Heute befindet sich ein größes Gestüt dort, wo einst die Schlote einer Ziegelei qualmten. (Foto: Sammlung Kindl)

21.11.2014

Frischer und lustiger Ort

Schafe, Ziegel, Pferde: Das ehemalige Wittelsbacher Gut Laufzorn hat eine wechselvolle Geschichte

Idyllisch eingebettet in den Grünwalder Forst findet sich abseits der viel befahrenen Straßen ein architektonisches Kleinod mit langer Geschichte: Schloss und Gut Laufzorn. Diese Ansammlung von Gehöften wurde bereits im 8. Jahrhundert urkundlich unter dem Namen „Laufzoro" erwähnt, was so etwas wie einen „Sammelplatz für erlegtes Wild" bedeuten soll. Die Wittelsbacher Herzöge interessierten sich bald für diesen Flecken, der so nahe an der Burg Grünwald lag, dem Jagdschloss der Familie, das seit Ende des 13. Jahrhunderts in ihrem Besitz war. Herzog Albrecht VI. (der Leuchtenberger) erhielt es 1616 von seinem Bruder Herzog Maximilian I., der die Regierungsgeschäfte übernahm. Bereits ihr Vater Herzog Wilhelm IV. hatte dort an Stelle eines Hofes, eines Sölden- und eines Bethauses eine fürstliche Schwaige einrichten lassen, die der Schwaige in Schleißheim ähnelte. Wilhelms Herz gehörte besonders der Jagd, der er nun häufig in der Umgebung seines Landguts frönen konnte.

Albrecht VI. eiferte seinem Bruder und dessen Altem Schloss Schleißheim nach, indem er um 1620 in Laufzorn ein neues Haupthaus errichten ließ, dessen doppelläufige Freitreppe unmittelbar in das Obergeschoss mit einem weitläufigen Bankettsaal führt, während im Erdgeschoss die Ökonomieräume lagen. Auch eine Kapelle zur Heiligen Dreifaltigkeit wurde ein Stück davon entfernt gebaut.

Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Herzog Albrecht fühlte sich gelegentlich von Bettlern und anderem Gesindel aus Giesing und der Au belästigt, die in den Wäldern nach Essbarem suchten, und fürchtete überdies die „Pestilenz". deshalb bar er seinen Bruder, die Waldwege sperren zu lassen. Schließlich waren es aber plündernde schwedischen Truppen, die das Anwesen 1662 heimsuchten und dort plünderten, es aber nicht zerstörten. 1670 erbte Albrechts Neffe Maximilian Philipp die Schwaige und nutzte sie bis zu seinem Tod 1705.

Da sich das Gut im Besitz des Herrscherhauses befand, nahm 1701 Michael Wening es in seine Historico Topograhica Descriptio Bavariae auf und berichtet in seiner „Beschreibung von Laufzorn", dass „Ihre Hochfürstliche Durchlaucht Hertzog Albrecht in Bayern … mit nit geringen Unkosten... ein schönes kleines Schlößl oder Lusthauß hat erbauen lassen". Er lobt das Anwesen: „Liegt gantz eben und ist ein angenemmes frisches gesundes und lustiges Orth", wohin die fürstlichen Personen zu Frühlings- und Sommerzeit des öfteren kamen und ihre fürstliche „Recreation" zu suchen pflegten. Für den Unterhalt dieser „Schwaig" sorgten Schlachtochsen, schweizerische Kühe und „türckische" Schafe, die auch für die Versorgung der fürstlichen Tafel in München gedacht waren.

Anders als das Schloss Schleißheim wurde das „Schlößl" der Laufzorner Schwaige nie prächtig erweitert oder umgebaut und schließlich nach 1760 als Lehen vergeben, wodurch das Landgut in wechselnde Hände geriet. Dazu gehörten auch ehemals Bürgerliche, jetzt geadelte Personen wie der aus Österreich stammende Freiherr Philipp Reinhard von Klingenberg, der in der kleinen Kapelle des Anwesens bestattet wurde. Für 20 Jahre hatte es dann der kurfürstliche Münz- und Bergrat Johann Georg von Linprun inne, wie Klingenberg ein interessierter Naturwissenschaftler, der die römische Heerstrasse wieder entdeckte, die nahe Laufzorn vorbei führt. 1820 war eine protestantische Siedlerfamilie namens Haßler mit sieben Kindern dort untergebracht; die 290 Tagwerk an Äckern und 110 Tagwerk Wald, die zu dem Gut gehörten, werden sie kaum bearbeitet haben.

Es war ein umfangreicher Besitz, der zu seiner Unterhaltung Dienstboten und Tagelöhner bedurfte und nicht wie ein einfacher Bauernhof betrieben werden konnte. Diese Voraussetzung, nämlich Kapital, brachte der nächste Besitzer Joseph Ruederer mit, der durch glückliche Einheirat Mehrheitsaktionär der Bayerischen Handels-Bank und der Löwen-Brauerei war. Nach nur fünf Jahren, 1860, verkaufte er es aber schon wieder an einen Arzt aus München. Dieser Dr. Heinrich Ranke war damals erst 30 Jahre alt; er hatte im Krimkrieg als Lazarettarzt für die englische Regierung gearbeitet und war zum weiteren Studium nach England gegangen. Dort lernte er die reiche Louise Tiarks kennen und heiratete sie 1856. Sicher bot ihm für den Kauf von Laufzorn ihr großes Vermögen den nötigen Rückhalt; für seinen Erfolg war aber wichtiger, dass er ein äußerst anpackender und zielgerichteter Mensch war, der rasch in München Karriere machte: Königlich Geheimer Hofrat, Direktor der Haunerschen Kinderklinik, Universitätsprofessor und schließlich 1891 die Erhebung zum Ritter von Ranke. Rastlos betrieb er auch in Laufzorn wissenschaftliche Studien, schrieb über die „Hochäcker" der Gegend, fand bei Grabungen römische Münzen und war Zweiter Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins.

Das Leben als Großgrundbesitzer und Landwirt war dem Neffen des Historikers Leopold von Ranke nicht in die Wiege gelegt worden. Umso energischer nahm er sich des etwas herunter gekommenen Gutes an, auf dem seine ständig wachsende Familie regelmäßig die Sommermonate verbrachte, während der Vater in seinem Haus in der Sophienstraße Nr. 3 in München blieb, wo er seine kleinen Patienten behandelte, denn eigentlich war er Kinderarzt.

Trotzdem kümmerte er sich auch um seinen Neuerwerb: Im Februar 1872 ließ er sich eine Bierschenke im Haus für die Arbeiter genehmigen. Die erste Wirtin war seine Köchin Maria Schmid, dann finden sich als Betreiber auch italienische Namen. Ranke stellte gerne italienische Saisonarbeiter ein: Er brauchte billige Arbeitskräfte, denn er plante, die Produktion von Ziegeln auf Gut Laufzorn auszuweiten und profitabel zu machen.

Diese Ziegelei hatte nie die Bedeutung der Ziegelwerke, die sich um die zwei Kilometer breite und 18 Kilometer lange Lößzunge bildeten, die sich nördlich von München über Haidhausen bis nach Ismaning zieht und ihre Entstehung der Riß-Eiszeit verdankt. Die in Laufzorn gefertigten Bausteine waren wohl nie für die Bauernhäuser der Umgebung gedacht. Wer ein Haus bauen wollte, bediente sich lieber aus den Steinbrüchen des Ortes und errichtete aus den Nagelfluh-Brocken das Erdgeschoss, worauf dann das hölzerne erste Geschoss gesetzt wurde. Aber 1642 war Herzog Albrecht bereit, für den Bau des Pfarrhauses im nahen Oberhaching etliche tausend Ziegelsteine und 200 Stämme zu liefern, und 1725 verkaufte der Ziegelstadel in Laufzorn für 32 Gulden einen ganzen „Prandt" mit 14  000 Mauersteinen für den Kirchenbau St. Stephan im gleichen Ort. Ende des 18. Jahrhunderts war der Laufzorner Ziegelstadel bereits als Erwerbsquelle bekannt. Wer sonst kein Auskommen fand, arbeitete dort als „Ziegelpatscher"... (Andrea Hirner)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der November-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 47 vom 21. November 2014)

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