Unser Bayern

28.05.2010

Hudelwetter im Juni

Die seltsamen Methoden der "Muotathaler Wätterschmöcker" aus der Schweiz

Und nun zum Wetter: Hier hat die Schweiz mal wieder etwas ganz Besonderes zu bieten. Statt der langweiligen Prognosen über Tief- und Hochdruck haben es sich sechs gestandene Schweizer zur Aufgabe gemacht, wie anno dazumal dem Wetter nachzuspüren. Sie kommen aus dem Kanton Schwyz und nennen sich „Muotathaler Wätterschmöcker“ (Wetterriecher). Bereits 1947 haben sie ihren eigenen „Meteorologen-Verein Innerschwyz“ gegründet. Und seither wagen sie zwei Mal im Jahr eine Wettervorhersage. Die Auftritte der landesweit bekannten Wetterfrösche sind inzwischen ein Medienevent, wobei sich Spaß mit dem berüchtigten Körnchen Wahrheit mischt, denn ihre Trefferquote kann sich sehen lassen. Oberhalb von Engelberg, auf der Trübseealm am Titlisgletscher (3238 Meter), warten die Skifahrer schon ungeduldig auf Alois und Martin Holdener, Martin Horat, Karl Reichmuth, Peter Suter und Benny Wagner. Bei herrlichem Frühlingswetter spielt das Ländlertrio Niedwaldnergruess zünftig auf, bis die sechs Männer mit Gondel endlich einschweben. Trotz der voll besetzten Almterrasse wird heute noch nichts verraten – vielleicht ein paar Andeutungen, aber nichts Genaues. Martin Holdener, genannt „Musers“, macht launige Witze über Feldmäuse und wie wichtig beim Wetterspüren sein Bart sei. „Tannzäpfler“, Alois Holdener, mit der knallroten Strickmütze, bringt als Forstwart die Tannenzapfen ins Spiel. „Wachsen sie zuerst nach oben oder nach unten“, orakelt er, je nachdem könne man das Wetter bestimmen. Die Männer mit dem Gespür für Regen und Wind sind zwar amüsant, aber trotz neugieriger Zurufe aus dem Publikum plaudert keiner aus dem Nähkästchen, wie das Wetter 2010 wohl werden wird. Denn dafür gibt es ja bald die Sommerprognose und für die gilt es Werbung zu machen. Um den Wetterpropheten beim „Schmöckern“ ein bisschen über die Schulter zu schauen, führt der Weg ins abgelegene Muotathal (Wildwassertal), wo einige von ihnen wohnen. Das 3,5 Kilometer lange Straßendorf ist kein Tourismusort. Reißend fließt hier die Muota durch den Ort. An ihren Ufern reihen sich schmucke Bauernhäuser aus dem 16. Jahrhundert. Die Wiesen und Wälder an den Berghöhen sind ein beliebtes Wandergebiet für Einheimische und Tagesbesucher. „Im Tal verdienen wir unser Geld“, so der Muotathaler Adolf Hediger, „mit Holzverarbeitung, Möbelherstellung und Landwirtschaft“. Und dann gibt es da auch einige urige Wirtshäuser wie die „Post“ oder den „Adler“, wo einst der „Wätterschmöcker“-Verein gegründet wurde. Heute servieren sie dort Forellen, fangfrisch aus der Muota als Spezialität, wofür Wirt Daniel Jann-Annen eine Extraauszeichnung erhielt. Peter Suter (83), „Sandstrahl“ genannt, und Martin Horat, der Wettermissionar, wohnen nicht weit vom Forellengasthof. Beide sind Landwirte und kennen diese Gegend wie ihre Westentasche. Schon als Kinder haben sie auf die Wetterzeichen geachtet. Suter konzentrierte sich dabei vor allem auf Mäuse, Spinnen, Pilze und Vögel. Denn es ist eine uralte Erkenntnis, dass ihr Verhalten mit dem Wetter in Verbindung steht. Schneekristalle knabbern „Wenn die Waldameisen zum Beispiel in der Früh gezielt arbeiten“, erklärt Suter, „dann wird das Wetter gut. Klettern hingegen zwei Schnecken nach oben, so ist das ein schlechtes Zeichen.“ Der frühere Bergsteiger und Skifahrer berichtet von den Rotkehlchen, dass, wenn sie auf 2000 Meter Höhe fliegen, es nach zwei Tagen schneit. Vor seinem Haus zeigt der rüstige Muotathaler seine selbst gebastelten Apparaturen. Da vermag die Astgabel einer Tanne die Launen des Wetters anzuzeigen, indem sie sich auf wundersame Weise nach außen oder innen biegt. Seine Wetterstation, die mittels eines Kirschzweigs funktioniert, und das Windrad hinter dem Haus sind sowieso unermüdlich im Einsatz. Martin Horat (66), der Wettermissionar, knabbert gerne an Schneekristallen, um zu kosten, wann beispielsweise der Frühling kommt. Außerdem beobachtet er wie Walter Laimbacher (81), Schriftführer des Vereins, die acht verschiedenen Winde und wälzt zusätzlich alte Wetterchroniken. Aus diesen und noch viel mehr Mosaiksteinen, die geheim bleiben, ergibt sich die Sommer- und Herbstprognose 2010, die kürzlich öffentlich in der Gemeinde Schwyz vorgestellt wurde: Da prophezeit Peter Suter „viele schöne heiße Tage, wüchsiges Wetter mit örtlichen Gewittern und Hagel. Im Herbst wird sich auch schon der Winter als weißer Maler zeigen.“ Wettermissionar Horat hingegen spricht von einem „unvergesslich nassen Sommer“, während der Herbst noch auszuhalten sei. Weder Frühling, noch Sommer bekommen von Karl Reichmuth, dem Steinbockjäger, und Holdener Martin, Musers, eine gute Prognose. Nur im Herbst soll ab und an die Sonne lachen. Benny Wagner, Geissdaddy genannt, verkündet einen extrem heißen Juli, viel Regen im August und „wunderbares Herbstwetter“. Nach Alois Holdener, dem Tannzäpfler, wird es ein schöner, heißer Sommer. Der Herbst hingegen ließe mit Hudelwetter (Regenwetter) zu wünschen übrig.

(Eva-Maria Mayring)

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