Unser Bayern

Viele Stars spielten auf Bubenreuther Instrumenten - auch die Begleiter von Udo Jürgens (Foto: Bubenreutheum)

23.01.2015

Musik verbindet

Das fränkische Bubenreuth ist für seinen Instrumentenbau berühmt und ein Ort vorbildlicher Integration

Die Einfahrt nach Bubenreuth, oder wie die Einheimischen sagen „Bumreith", bietet schmucke Einfamilienhäuser, rechts den Rathsberg, links den Frankenschnellweg. Merkwürdig kommt einem vor, dass eine Pension „Kontrabass" heißt, dass Schilder die Dienste eines Stimmbildners anbieten und an jeder Ecke, „Instrumentenbauer" oder „Instrumentenhandel" steht. Da ist man dann schon in der Birkenallee, an der auch das Rathaus liegt. Man ist dann schon über den Eichenplatz gefahren, hat auf dem dortigen Stadtplan die Adressen eines Laszlo Oh, Günter Lobe und Günter Waldau gefunden: alle Geigenbaumeister, die gelegentlich auch die Türen ihrer Werkstätten für die Öffentlichkeit aufmachen. Zum Beispiel wenn das Festival „Fränkische Sommer" mit seiner Musik in Bubenreuth einkehrt: Dieses Jahr kam der berühmte Freiburger Professor von der Goltz mit „Nordischen Impressionen". Immerhin war die berühmte Stradivari „Ex von der Goltz" von 1718 auch schon mal zu Pflege und Wartung hier.

Aber Geigen aus Cremona sind nicht das Thema von Bubenreuth, sondern die eigenen. Wie die Geigenbauer ins bäuerliche und höchstens mal durch die Erlanger Burschenschaften und ihre Kneipen und „Duelle" aufgemischte Bubenreuth kamen, das fragt man am besten Christian Hoyer und schaut sich dessen Museumsvision „Bubenreutheum" unten im Rathauskeller an. Da hat man an der Rathaustür dann schon das Bubenreuther Wappen gesehen. Das erzählt, auf welchen Säulen Bubenreuths Geschichte und Gegenwart stehen: dem Pflug des Ackerbaus, der Geige des Instrumentenbaus und dem Couleurband der Studenten. Über den latinisierten Namen des Museums muss man sich nicht mehr wundern, denn nach dem Verbot der Burschenschaften in der Metternichzeit des frühen 19. Jahrhunderts haben sich die hinter den Erlanger Rathsberg und in den Landgasthof Mörsbergei, wo der Kerwa-Baum von den Burschenschaftlern und den jungen Leuten vom Dorf gemeinsam aufgestellt wird.

1243 zum ersten Mal erwähnt, war Bubenreuth ein richtiges fränkisches Bauerndorf, in dem eben die „Kerwa" der Höhepunkt des Jahres war: „Ein Fest mit Traditionen, ein Fest für Leib und Seel‘, das alle trunken macht", wie es in dem Büchlein Bubenreuth einst und heut von Heinz Reiß und Gerd Leiser heißt. Mag sein, dass der Name Bubenreuth auf ein Räuberlager zurückgeht, auf Karl den Großen oder Heinrich III., es ist trotz naher Eisenbahn und Ludwigskanal ein Dörfchen von 30 Häusern geblieben. Bis Bubenreuths neueste Geschichte begann und den Ort berühmt gemacht hat: als Ort der Instrumentenbauer und als Ort vorbildlicher Integration.

Da muss Christian Hoyer weit ausgreifen, erzählt von den sächsischen und böhmischen Instrumentenmachern in der Ecke, die ein Musikfestival heute „Mitte Europas" nennt und die damals „Musikwinkel" hieß. Nach dem Rückgang des Bergbaus und im Zuge der Umsiedlungen nach dem „cujus regio, ejus religio"-Prinzip kamen die Böhmen nach Sachsen, wo sie doch 1669 erst auf böhmischer Seite eine Geigenbauerinnung gegründet hatten: Nun entstand eine mitteldeutsche Tradition, deren Ruf höchstens von den italienischen Geigen aus Cremona überlagert wurde.

So interessant das alles ist, man kann getrost ein paar Jahrhunderte überspringen – bis 1945 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Die vier Städte Schönbach, Graslitz, Markneukirchen und Klingenthal bildeten das Zentrum der Kleinmusikinstrumentenindustrie, will sagen der Streich- und Zupfinstrumente-Herstellung ebenso wie der Harmonika- und Blasinstrumentenmacher: 6222 Betriebe mit 15 598 Beschäftigten. Am 6. Mai 1945 wurde der „Musikwinkel" von den amerikanischen Truppen besetzt. Die mussten vom amerikanischen Stützpunkt in Tennenlohe bei Nürnberg logistisch versorgt werden: Und so kamen Fred Wilfer und Arnold Hoyer über die Versorgungstransporte zusammen. Die Trucks nämlich waren auf der Rückfahrt aus dem Musikwinkel leer, und bis Ende 1945 haben sie eine regelrechte Spedition von Werkzeug und Material nach Mittelfranken betrieben. Auch die Menschen wollten kommen, denn der Rückzug der Amerikaner auf die später geltenden Grenzen war zu erwarten und die Enteignungen setzten langsam ein.

Fred Wilfer hat bei den bayerischen Behörden für eine Ansiedlung der böhmisch-sächsischen Instrumentenmacher geworben, hat selbst am 1. Januar 1946 in Erlangen die „Fränkische Musikinstrumenten Erzeugung", eine Gitarrenbaufirma, gegründet. Tennenlohe kam als Ort der Ansiedlung nicht in Frage: Die Amerikaner wollten dafür das Truppengelände nicht freigeben; Siemens wurde in Erlangen angesiedelt, die Staatsregierung dachte schon an Mittenwald als Ort der Ansiedlung für die Schönbacher. Flüchtlinge in Fremdenverkehrszimmern: Das gefiel den Oberbayern nicht. Und Instrumente gegen Zigaretten und Schokolade, das hatte sich im Erlanger Raum inzwischen als Tauschgeschäft schon etabliert. Nächstes Gedankenspiel: die Instrumentenmacher ins einstige Reichsarbeitsdienstlager nach Möhrendorf: Finanzierung durch den Marschallplan, Bauträger sollte der Bamberger Bischof sein. Die Baupläne waren fertig – da haben die Möhrendorfer die ganze Ansiedlung 1949 gekippt: „Wir brauchen keine Devisen, wir behalten unsre Wiesen."

Landrat Willi Hönekopp bekam schließlich Bubenreuth als Tipp – und so kamen 2000 Instrumentenbauer und ihre Familien nach Bubenreuth. 415 Ur-Einwohner, die ohnehin schon Flüchtlinge aufgenommen hatten, gingen das Wagnis ein und wurden zur Minderheit ab dem 3. Oktober 1949. 17 Tage später war die Grundsteinlegung für die Siedlung, Weihnachten konnten die ersten in die in Fertigbauweise erstellten Häuser einziehen. Und so wurde Bubenreuth zum Zentrum des Instrumentenbaus – und zum Vorbild einer geglückten Integration.

Wobei mit „Instrumentenmacher" das ganze Spektrum der angesiedelten Berufe unvollkommen beschrieben ist: Es gab Bogenmacher, Stegschnitzer, Kollophoniumgießer, Wirbeldreher, Plektrenhersteller. Saitenspinnmaschinen wurden installiert, der Instrumentenbau spezialisierte sich auf Kontrabässe, Geigen, Gitarren, Mandolinen, Lauten. Es gab hundert Betriebe, vom größten Hersteller Framus mit 350 Angestellten oder der Firma Winter für die Etuiherstellung mit 500 bis zum Einmannbetrieb. Heute sind es noch 120 Beschäftigte: Daran ist die Billigkonkurrenz aus Fernost schuld, und längst hatten Siemens oder Gossen auf dem Markt der Arbeitskräfte die Nase vorn. Wer in den letzten Jahrzehnten expandieren wollte und Grundstücke brauchte, für den waren die in Bubenreuth längst zu teuer: Man ging in die nahe Fränkische Schweiz oder wie die Firma Framus nach der Wende ins sächsische Markneukirchen, keine zehn Kilometer von der früheren Heimat Schönbach entfernt.

Wenn man von der Zeit nach 1990 spricht, hat man Bubenreuths „große Zeit" verpasst. Denn vorher, da war Bubenreuth die europäische Metropole des Saiteninstrumentenbaus geworden. „Legendäre Bands, Stars und Virtosen wie Yehudi Menuhin, das Bayerische Rundfunkorchester, Peter Kraus, Elvis Presley, die Beatles, die Rolling Stones – alle spielten auf Instrumenten aus Bubenreuth", heißt es stolz im Prospekt mit dem Titel „Bubenreuth hat was zu bieten…" Bundeskanzler Adenauer hat bei seinem Besuch in Bubenreuth eine Geige bekommen, Bundespräsident Theodor Heuss war da, Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, die ganze Beat-Generation in England und den USA kaufte Instrumente aus Bubenreuth. Der neue Nürnberger Flughafen brachte per Chartermaschine die Fans und exportierte die Gitarren. Die Bubenreuther hatten daneben Zeit, Kuriositäten zu basteln: Die kleinste spielbare Geige der Welt zum Beispiel, auf der Helmut Zacharias und Chris Howland gespielt haben.

Das alles kann man im „Bubenreutheum" erfahren. Das hieß nach seiner Gründung 1979 „Geigenbaumuseum":Verwechslungen mit Mittenwald lagen nahe, außerdem wollte sich Bubenreuth nicht auf den Geigenbau reduzieren lassen. So kam der neue Name zustande und sollte ein „Haus der Kultur" (so Hoyer) beschreiben: als Ausstellung, Museum, Lernort, Versammlungsraum. Aber trotz eines 2009 gegründeten Museumsvereins ist bislang daraus so recht nichts geworden... (Uwe Mitsching)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Januar-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 4 vom 23. Januar 2015)

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