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Das Bauernhaus in Oberndorf (Landkreis Kelheim) ist möglicherweise das älteste erhaltene Bauernhaus Deutschlands; die frühesten Fragmente, ein dreiseitig gemauertes Raumgeviert aus Bruchsteinen wird auf die Zeit zwischen 1130 und 1160 datiert. Das Anwesen ist seit 2008 restauriert. (Foto: Kirchner)

19.02.2010

Schutz und Komfort versteinerter Wohnlandschaften

Serie Wohnen in Bayern: Sandstein, Granit, Nagelfluh – Nummer eins beim Baustoff Stein wurde der Ziegel

Wohngebäude aus Stein waren im alten Bayern eine Seltenheit. Freilich kannten die Römer das Baumaterial, errichteten auch auf bayerischem Boden Wachtürme, Grenzwälle, Gutshöfe und Kastelle aus Naturstein oder Backsteinen. Doch die Germanen respektive die Bajuwaren wohnten noch Jahrhunderte lang in Hütten aus Holz, Lehm und Stroh, auch in den Städten – sieht man einmal von so günstigen Vorbedingungen wie in Regensburg ab, wo man sich des römischen Erbes bedienen konnte. Erst nach und nach verwendete man in den Städten und Märkten feuerbeständiges Baumaterial. Und war schon einmal ein fest gemauertes Wohnhaus zu finden, war es in der Regel aus gebrannten Ziegeln errichtet. Die „Versteinerung“ der Bauernhöfe, selbst in Gegenden mit Natursteinvorkommen, folgte erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Veränderungen in der Methodik der Landwirtschaft, vor allem aber immer höhere Ansprüche an den Wohnkomfort seit der Zeit der Aufklärung, förderten auch dort die Errichtung gemauerter Häuser. Steinbauten waren im frühen Bayern eine solche Seltenheit, dass eine steinerne Kirche für den ganzen Ort Namen gebend wurde. Selbst die frühmittelalterlichen Burgen erinnerten mit ihren Holzpalisaden eher an Forts aus Wildwestfilmen, als an die wehrhaften Festen, die wir aus den Geschichtsbüchern kennen. Diese kamen erst im Hochmittelalter in Mode. Und so dienten auch die frühen steinernen Wohn- und Wehrbauten als Namengeber für Steinhaus bzw. Steinhausen, Steingaden oder Steingädele, wobei mit Gaden ein Haus mit nur einem Zimmer bezeichnet wurde. Erst die großen Burgen der Salier- und Stauferzeit wurden aus dicken Steinquadern errichtet, und für so manchen kleineren Wehrturm trug man größere Steine der Umgebung zusammen. Dann drängte in jenen mittelalterlichen Tagen mit Vehemenz ein anderer Baustoff auf den bayerischen Markt: der Ziegel. Durch die Jahrhunderte blieb er gegenüber dem Naturstein der weitaus bedeutendere Baustoff. Vor allem in lehmreichen Gegenden, etwa rund um München, in den heutigen Stadtteilen Laim oder Berg am Laim – das mittelhochdeutsche Wort Laim bedeutet nichts anders als Lehm – aber auch in anderen Laimgruben entlang der Isar und darüber hinaus, fand man die Grundsubstanz in beliebiger Fülle. Man brauchte sie nur noch in Form zu bringen und zu brennen. Das tat man zunächst vor allem in der Nähe der Städte. Die Ziegelindustrie mit ihrem großflächigen Lehmabbau griff tief in die Landschaft ein und veränderte im Laufe der Zeit mit Industrieanlagen und rauchenden Schloten das Bild der Gemeinden etwa östlich der Isar. Die „Loam-Barone“ und die Fremdarbeiter zur Ziegelherstellung prägten nicht nur die Industrialisierungsphase Münchens. Auch an anderen Flüssen fand sich geeigneter Lehm, etwa an der Donau, wo heute in Flintsbach das einzige bayerische Ziegel- und Kalkmuseum zu finden ist. In dem 1968 geschlossenen Werk wird jedoch nicht nur die fast 1000jährige Geschichte des dortigen Kalkabbaus erzählt, die eng mit dem Kloster Niederaltaich verknüpft ist. Eines der größten Exponate ist ein antiker Ziegelbrennofen aus römischer Zeit, den man in Essenbach bei Landshut ausgegraben hat. Die Kunst Ziegel zu brennen verdanken die Bajuwaren den Römern, die seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. Legionsziegeleien nördlich der Alpen errichteten. ??? Auch in der Provinz wollten sie nicht auf römischen Komfort verzichten, zu dem aus Ziegel errichtete Mauern, Dächer und Heizsysteme zählten. Neben den Heeresziegeleien boten bald auch Privatziegeleien ein gutes Auskommen, wie etwa jene des Herr Surini, dessen Ziegelei in der Nähe von Regensburg durch rund 40 erhaltene, mit seinem Namen gestempelte Ziegel überliefert ist. Doch mit dem Abzug der Römer verlor auch das Ziegeleiwesen an Bedeutung, mancherorts geriet es gar gänzlich in Vergessenheit. Zwar fand der Ziegel schon in der Lex Baiuvariorum aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts fand Erwähnung, doch die ersten nachgewiesenen Backsteinbauten in Ober- und Niederbayern sind meist jüngeren Datums, wie der kürzlich von den Archäologen als sensationeller Neufund gefeierte Bau des frühen 13. Jahrhunderts in Unterweilbach. Er gilt als der älteste aus Ziegeln errichtete Profanbau im Landkreis Dachau. Auffällig ist, dass die bayerischen Ziegel – im Gegensatz zu den von Hand mit Messern geschnittenen und folglich recht unterschiedlichen römischen Ziegeln – in Holzkästen gestrichen und deswegen gleichmäßig groß waren. Man geht davon aus, dass dieses so genannte Handstreichverfahren in Bayern entwickelt worden war, lange bevor im 12. Jahrhundert in Norddeutschland die großen Backsteinbauten errichtet wurden. Auch wenn man heute Backstein vor allem mit Norddeutschland in Verbindung bringt – die Backsteingotik gibt es auch in Bayern und beschränkt sich nicht auf die Frauenkirche in München. In Landshut steht mit dem 130,6 m hohen Turm von St. Martin sogar der höchste Ziegelturm der Welt. Allein für ihn wurden rund zwei Millionen Ziegelsteine verbaut.

(Cornelia Oelwein)

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