Unser Bayern

Von klein auf musste Jean Paul von Ort zu Ort ziehen, und als er sich in seinen letzten Lebensjahren in Bay- reuth niederließ, zog es ihn ständig hinaus vor die Tore der Stadt. Ist es da nicht bezeichnend, dass auch sein von König Ludwig I. initiiertes Denkmal umherwanderte? 1841 wurde es auf dem heutigen Jean-Paul-Platz aufgestellt, der Verkehr verdrängte es 1934 an den Rand, 1991 durfte es nach Platzumgestaltungen zurückkehren. (Foto: Bergmann)

25.01.2013

Stubenglücklicher Satzverwinder

Jean-Paul-Jahr: Eine topografische Annäherung an die Lebensstationen des Dichters in Oberfranken


Ans Lügen sei er durch seine Romane so sehr gewöhnt, verriet Jean Paul einem Freund, dass er zehnmal lieber jedes andere Leben beschreibe als sein eigenes. Als er im 54.Jahr stand, das Haar schon licht, die Leber zirrhotisch, hatte er sich dann doch darangemacht, aber über der Niederschrift der Kinderjahre abgebrochen. Dem die Kindheit durch das Leben folgte, dem sie als Schatten des Paradieses erschien, der in seinen Romanen ständig darauf zurückkam, blieb auch bei seiner Autobiografie darin stecken.

Die Kindheit war die Heimat seiner Fantasie, das bäuerliche Land am Fuß des Fichtelgebirges der Planet seiner Romane. Ein paar Reisen, die ihn darüber hinausführten, bis an Spree, Rhein und Isar, beeindruckten ihn kaum. Jean Paul ist der verführerischste Erzähler und der ärgste Provinzler der deutschen Literatur.

Angelesen waren Schilderungen wie die des Lago Maggiore im Titan, deren suggestive Kraft Heerscharen dorthin lockte. In Wunsiedel steht im Schatten der Stadtkirche das Haus noch, wo er 1763 geboren wurde, obwohl über die Jahrhunderte die Kleinstadt so viele Feuersbrünste erlebte, dass kaum ein Stein auf dem andern blieb. Nach dem bislang letzten Großbrand von 1843 befahl König Ludwig I. den Neuaufbau in luftigen Straßenzügen. Selberlebensbeschreibung schwärmte er von dem „langen, hohen Gebirge, dessen Gipfel wie Adlerhäupter zu uns niedersehen", behauptete keck, das Fichtelgebirge sei „fast die höchste Gegend Deutschlands". Seine Berufskollegen übertrieben allerdings kaum weniger. Das Romantikduo Tieck/Wakenroder geriet vor Begeisterung schier aus dem Häuschen, der Dichter Karl Immermann meinte „eine Beethovensche Symphonie in Stein" zu hören, und natürlich stolperte der geheime Rat aus Weimar, Goethe, durchs Felsengewirr auf der Luisenburg, klopfte Steine und tat wissenschaftlich.

Wunsiedel genügt sich in einem sympathisch schlichten Klassizismus, der von fern an die Münchener Ludwigstraße erinnert. Zum Abschluss goss der königliche Bildhauerfreund Schwanthaler den Kopf Jean Pauls in Bronze, und die Wunsiedler setzten ihn 1845, zum 20. Todestag, neben der Kirche auf einen granitenen Sockel. Dem freundlichen Stadtführer liegt der Hinweis am Herzen, dass der Stein aus dem Fichtelgebirge stammt: Weil keiner die Gegend schöner beschrieben hat wie der „Schobol". In seiner

Als die Wunsiedler ihren Schobol aufstellten, war der schon etwas aus der Mode, galt den deutschtümelnden Burschenschaftlern gar als Vaterlandsverräter und Franzosenfreund, weil er als Referenz an Rousseau seinen Namen Johann Paul Friedrich Richter zum halbfranzösischen Pseudonym Jean Paul verkürzt hatte. Idol der nationalistischen Jugend wurde stattdessen der hitzköpfige Student Karl Ludwig Sand, Wunsiedler auch er, weil er 1819 dem Dichter August von Kotzebue, Verfasser schrecklicher Dramen, wegen angeblicher Spionage den Dolch ins Gekröse gestoßen und dafür unter dem Schafott geendigt hatte.

Was Wunder, dass der Schobol irritiert vom Sockel blickt. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass die Büste eher dem Marc Aurel als einem fränkischen Sturschädel gleicht. Ins Blaue schweift der Dichterblick, wohin es ihn im Leben nie zog; dem heruntergekommenen Geburtshaus kehrt er despektierlich den Rücken, das er doch in Erinnerung bewahrte wie den Stall von Bethlehem. An seiner Geburt war ihm das Wichtigste, dass sie just auf den Frühlingsanfang fiel, wo „Scharbock- oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten". Tatsächlich kann man in der Nordostecke Bayerns vom idyllischen Frühling im März oft nur träumen. „Klein-Sibirien" wird die Gegend genannt und es heißt, dort dauere der Winter neun Monate und drei Monate sei es kalt.

Mag sein, dem Dichter wuchsen tröstliche Erinnerungsblüten, denn als er in die Welt trat, waren die Zeiten miserabel. Wunsiedel gehörte zur recht unbedeutenden Markgrafschaft Bayreuth und die hatte Markgräfin Wilhelmine mit ihrer hypertrophen Bauwut in den Staatsbankrott getrieben. Unbeschreibliche Zustände herrschten auf dem Land. Die Markgrafen verhökerten ihre Untertanen als Söldner nach Amerika. Auch in der Familie Richter hätte die Not kaum größer sein können... (Rudolf Maria Bergmann)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Januar-Ausgabe von Unser Bayern!

Rudolf Maria Bergmann

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