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Das Hans-Böhm-Denkmal in Markt Helmstadt von Erich Gillmann entstand nach einer gemeinsam entwickelten Idee von Burkard Weis, Bernd Schätzlein, Helmstadts Bürgermeister Edgar Martin und dem örtlichen Arbeitskreis für Denkmal- und Heimatpflege geschaffen. (Foto: Markt Helmstadt)

25.11.2016

Wortgewaltiger Revoluzzer

Vorreformatorischer Protest: Der Laienprediger Hans Böhm begeisterte mit seinen radikalen Ansichten die Massen

Die Reformation brach nicht aus heiterem Himmel über Deutschland herein. Sie baute auf religiösen Strömungen auf, die sich in den Jahrhunderten zuvor in Europa entwickelt hatten. Bereits in den schriftlichen Dokumenten aus dem Hochmittelalter finden sich gehäuft Klagen über den Zustand der abendländischen Christenheit. Zielscheibe der Kritik war meist der Klerus. Vielen Geistlichen wurde vorgeworfen, dass sie ein – nach biblischen Maßstäben –fragwürdiges Leben führten. Die Kritik am Papsttum wuchs, es mehrten sich die Stimmen, die den universellen Anspruch der Päpste leugneten.

Jene Phase, die der eigentlichen Reformation vorausging, bezeichnet man als „Vorreformation“. Einer der „Vorreformatoren“ stammte aus Franken:  Der Laienprediger Hans Böhm machte sich mit seinen sozialrevolutionären Forderungen einen Namen. Zentrum seiner Wirkens war die Marien-Wallfahrtskirche im Dorf Niklashausen nahe Würzburg. Durch seine mitreißenden Reden mobilisierte er eine beeindruckend große Anhängerschaft. Böhms Kampf gegen die etablierten Herrschenden – weltliche und geistliche Adelige – endete am 19. Juli 1476 auf dem Scheiterhaufen.

An der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert brachte eine Persönlichkeit die Stellung der katholischen Kirche ins Wanken: Jan Hus (1372 bis 1415). Der tschechische Prediger warf dem Klerus Habgier und Laster vor und vertrat die Ansicht, dass die Bibel die einzige Autorität in Glaubensfragen darstelle. Er wurde Theologieprofessor, Rektor der Prager Universität und erhielt zunehmend Unterstützung von der Bevölkerung. Revolutionär war seine Neuerung, die Messe nicht mehr auf Latein zu zelebrieren, sondern in der Volkssprache. Ebenso führte Hus den „Laienkelch“ ein: Er ließ während der Eucharistiefeier die Gemeindemitglieder aus dem Kelch den Wein trinken, was eigentlich nur Geistlichen gestattet war. Hus entwickelte sich zu einer Gefahr für den Autoritätsanspruch von Kirche und Kaiser. Daher wurde er am 6. Juli 1415 während des Konzils von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Hus war gestorben, doch seine Anhängerschaft blieb bestehen. Unter dem Namen „Hussiten“ bekamen die religiösen Rebellen immer größeren Zulauf. Auch in Franken konnten sie Fuß fassen. Dort waren schon seit längerem kirchenkritische Wanderprediger tätig: Um das Jahr 1340 kritisierte der Laienprediger Konrad Hager in Würzburg den „Pfaffengeiz“ und den „Raub des Almosens“. Im Juli 1429 sorgte im Taubertal der  Pfarrer Johannes Rugger für Aufsehen: Als Anhänger der Waldenser predigte er gegen die Heiligenverehrung – er starb den Feuertod. 1447 wurden etwa 100 Waldenser aus der Region Unterfranken verhaftet und nach Würzburg zum Verhör gebracht: Die meisten bereuten und taten Buße, weshalb sie glimpflich davonkamen.

In diesem religiösen Treibhausklima betrat Hans Böhm die Bühne der Kirchenpolitik. Über seine Jugendzeit ist kaum etwas bekannt. Der Name Böhm – in anderen Dokumenten liest man auch „Beheim“ – deutet auf eine familiäre Abstammung aus Böhmen hin. Sein Geburtsort war Helmstadt bei Würzburg; das Geburtsdatum ist nicht überliefert. Irgendwann zog Böhm nach Niklashausen in einem Talkessel am Unterlauf der Tauber; dieses Dorf ist heute Teil der Gemeinde Werbach in Baden Württemberg. Böhm übte zwei Berufe aus: Hirte und Musiker. Von letzterem leitet sich auch sein Beiname ab: „der Pauker von Niklashausen“. Es ist anzunehmen, dass Böhm in Wirtshäusern, auf Tanzveranstaltungen und Feiern Unterhaltungslieder sang und mit der Pauke den Takt dazu trommelte.

Um das Jahr 1475 durchlitt Böhm eine ernsthafte Identitätskrise. Alles in seinem Leben erschien ihm öd, leer und vergänglich. Seine Musikantentätigkeit hing er an den Nagel. Fortan wollte er sich ausschließlich Predigt und Marienverehrung widmen. Warum kam es zu diesem radikalen Sinneswandel? Offenbar wurde Böhm vom Strudel des vorreformatorischen Stimmung erfasst, die damals sprichwörtlich in der Luft lag. Da hörte man von Hussiten und Waldensern, hinzu kamen das Bedürfnis vieler Menschen nach Wallfahrten sowie der Zorn gegenüber zwielichtigen Priestern, denen man lasterhaftes Leben und mangelnde theologische Bildung vorwarf. In einem  zeitgenössischen Quellentext, der von einer Fehde handelt, die 1437 in Wertheim nahe Niklashausen stattfand, liest man: „Ich höre viele in der Gemeinde klagen wegen der Pfaffen Übermut, die sich hier zeigt, so dass man sie strafen sollte.“

Seinen neuen Lebensabschnitt inszenierte Böhm öffentlichkeitswirksam. Am 24. März 1476 verbrannte er vor der kleinen Marien-Wallfahrtskirche in Niklashausen seine Pauke als Symbol für den Abschied von Musikantentum und weltlichem Treiben. Den versammelten Schaulustigen erzählte er eine wundersame Begebenheit: Eines Nachts habe er sich auf der Weide aufgehalten, um nach seinem Vieh zu sehen. Da sei ihm die leibhaftige Gottesmutter Maria in einem weißen Gewand erschienen. Plötzlich habe er seine ganze Umwelt als sündhaft empfunden. Daher werde er jetzt alles dafür tun, um sich selbst und seine Mitmenschen auf den Pfad der Tugend zu führen.

Böhm muss eine außergewöhnliche Ausstrahlung besessen haben. Er war ein junger Mann aus offenbar einfachsten Verhältnissen, der weder lesen noch schreiben gelernt hatte und anscheinend nicht einmal das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis fehlerfrei aufsagen konnte. Aber hatte die Begabung, in leidenschaftlichen Predigten seine Hörerschaft mitzureißen. Seine  sketische Lebensweise machte ihn glaubwürdig. Böhm lebte somit das Gegenteil zum Zerrbild des verweltlichten Priesters... (Daniel Carlo Pangerl)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der November-Ausgabe von UNSER BAYERN (BSZ Nr. 47 vom 25. November 2016)

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