Unser Bayern

Mit dem goldenen Telefon begann 1970 Erwin Eischs Werkgruppe mit verfremdeten Dingen. (Foto: Dionys Asenkerschbaumer)

21.12.2012

Zweckfrei und funktionslos

Die Studioglasbewegung wird ungefähr 50. Ihre Keimzelle lag in Frauen im Bayerichen Wald


Schon Anfang der 60er Jahre rumorte es in der Glasszene, und deshalb lässt sich auf zwei Jahre hin oder her gar nicht genau festlegen, wann die Studioglasbewegung „geboren" wurde. Glasmacher an verschiedenen Orten der Welt arbeiteten unabhängig voneinander an der Idee, Glas an Öfen individuell zu gestalten. In Paris saß Jean Sala, ein Einzelgänger, in Murano arbeiteten die Glasmacher an ihren kleinen Öfen, 1959 fand in den USA ein American Crafts Council statt, bei dem die Frage nach den Möglichkeiten des Glases in der Bildenden Kunst diskutiert wurde. 1961 installierte die Gruppe RADAMA um den Frauenauer Künstler Erwin Eisch in der Ausstellung über den fiktiven Künstler Bolus-Krim in der Galerie Malura in München-Schwabing ein Environment, bei dem Bilder, Plastiken und Glas von Eisch einbezogen waren. 1962 gab es im Glas- und Porzellanhaus Tritschler in Stuttgart eine Ausstellung mit Glas, das „eine Rebellion gegen die gute Form" war, wie ein Kritiker damals schrieb. An die Wand geheftet war die These von Erwin Eisch, die noch heute für ihn Gültigkeit hat: „Ihr sollt Euch nicht vom Zweck, der Funktion der Dinge erniedrigen lassen."

In Amerika war derweil der Industriedesigner und Keramikprofessor Harvey K. Littleton (1922 geboren), dem das Glas als „Erblast" im Blut lag, auf der Suche nach Glasmachern, die neue Wege einschlagen. Er hatte die richtige Spürnase. Anlässlich eines Seminars des Toledo Museums of Art (Ohio) traf Littleton auf Dominick Labino (1910 bis 1987), einen der innovativsten Techniker und Forscher im Bereich des Glases. Gemeinsam gaben die beiden ein äußerst effizientes Kunst-Technik-Tandem ab. 1962 fand im Toledo Museum der erste Glas-Workshop statt, bei dem interessierte Zuschauer in Amerika zum ersten Mal erleben konnten, wie Künstler mit Glas arbeiten. Die Studioglasbewegung war „geboren" – und Littleton gilt seither als Vater der Studioglasbewegung. Workshops, transportable, temporäre Werkstätten, die das Zusehen bei der Arbeit erlauben, wurden ein Charakteristikum der Bewegung. Kleine Studioglasöfen, die man den Glasarbeitern in Murano abgeschaut hatte, ermöglichten die Mobilität.

Die Künstler hatten kaum Erfahrung im Umgang mit dem Glas; es ging aber auch nicht darum, perfektes Glas herzustellen, das machten die herkömmlichen Glasmacher. Es ging um zweckfreies Gestalten, man wollte herauszufinden, was sich alles mit dem Stoff anstellen ließ. Entsprechend krumm und „ungekonnt" sehen Littletons erste Arbeiten von 1962 aus.

1962 besuchte Littleton Europa, es zog ihn in den Bayerischen Wald. Er wollte sich vor Ort über die Situation des dort seit Jahrhunderten ansässigen Glashandwerks informieren. Er kam auch nach Frauenau. Dorthin war im gleichen Jahr Erwin Eisch mit seiner Frau Gretel zurückgekehrt – mit Akademieausbildung, Erfahrungen aus der Gruppenmalerei und einer Menge Flausen im Kopf. In einem Schaufenster im Glashaus Rimpler in Zwiesel entdeckte Littleton eine antifunktional verformte Glasvase. Er war elektrisiert: Da saß jemand, weit entfernt von Amerika, im tiefsten Bayerischen Wald und hatte die gleichen Ideen wie er. Er machte den Schöpfer dieses verrückten, unförmigen Glas-Dings ausfindig und stand kurz darauf mit seiner Frau Bess bei Erwin Eisch im Wohnzimmer. Eisch sagt dazu: „Man kann es Zufall nennen, ich aber glaube, dass es geheime Kräfte des Geistes gibt, die ihre Fäden spinnen und die wirken, wo sie wollen." Die Sprachbarriere war bald überwunden. 1964 flattert eine Einladung samt Flugticket zum ersten World Crafts Council nach New York in den Briefkasten von Erwin Eisch, der dann Gastlehrer beim ersten Glasseminar an der Universität von Madison, Wisconsin ist. Dort wird Labinos Ofen für Glasdemonstrationen aufgestellt, anschließend folgt ein Seminar in Madison. Die neue Art des Glas Blasens begeistert und schlägt Wellen. Eisch lernt wichtige Künstler kennen. Die Teilnehmer an dieser Veranstaltung wirken als Multiplikatoren und nehmen die Begeisterung mit nachhause, um sie ihren Schülern weiter zu geben. Die daraus entstehenden Departments an den Kunstschulen waren der Schlüssel zur schnellen Ausbreitung und zum Erfolg der Studioglasbewegung in Amerika und Europa.

1965 baute sich Erwin Eisch in der elterlichen Hütte den legendär gewordenen Studio-Ofen mit zwei Flügeln. Nun konnte er, unabhängig vom traditionellen Hüttenbetrieb, seine verrückten Gläser machen.

Neben Madison entwickelte sich Frauenau zum zweiten internationalen Kristallisationspunkt der Studioglasszene. Von 1965 bis 1975 betrieb Erwin Eisch den Studio-Ofen im Erdgeschoss der Glashütte, an dem viele Künstler arbeiteten und experimentierten. Er selbst war viele Male als Lehrer in den USA. Für den Freund und Geburtshelfer der Studioglasbewegung, Harvey Littleton, der die europäische und die deutsche Glasszene aus dem Effeff kennt, wurde Frauenau eine zweite Heimat. Während der Glassymposien sonnte sich der Bayerwaldort in internationalem Flair.

Doch so wichtig Erwin Eisch für die Glasszene in Amerika war und obwohl Frauenau als eine Keimzelle der Studioglasbewegung in Deutschland gelten kann, stand der Künstler im Bayerischen Wald mit seinen avantgardistischen Ideen ziemlich allein auf weiter Flur. Er entwickelte seinen unverkennbaren Stil, schuf 1969 das Environment Jungbrunnen auf der Bundesgartenschau in Deutschland, 1970 das legendäre gläserne Telefon, mit dem die Werkgruppe der verfremdeten Dinge in Glas beginnt. 1971 stellte er im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg sein Schlüsselwerk Narziss aus, das vom Museum der Stadt Regensburg angekauft wurde und sich heute im Glasmuseum Frauenau befindet. 

Narziss ist der Inbegriff dessen, was Studioglas ausmacht: Erstmals wurde Glas als Medium der Bildhauerei verwendet, um Figuren und Objekte frei zu formen und um es als gleichberechtigtes Material in der bildenden Kunst zu integrieren.

Die erste Ausstellung des Studioglases in Europa fand aber in den Niederlanden statt. 1969 zeigte das Museum Boymans van Beuningen in Rotterdam neues Glas von den Pionieren der Bewegung, Erwin Eisch, Sam Herman, Harvey Littleton und Marvin Lipofsky. In Deutschland wagte sich als erstes die Galerie Charlotte Henning in Darmstadt mit Studioglas an die Öffentlichkeit. 1970 war auch das Jahr, in dem Erwin Eisch zusammen mit dem Frauenauer Bürgermeister Alfons Hannes in Frauenau das erste Museum für Glas konzipierte, das 1975 eröffnet wurde und ein Zentrum der internationalen Bewegung wurde. Inzwischen steht seit 2004 der Neubau des Glasmuseums in Frauenau, dessen Eröffnung der Sammler und Förderer Alfons Hannes noch erleben konnte. Dass die Phase des Neubaus zusammenfiel mit der tiefen Depression der Handglashütten im Bayerischen Wald, erleichterte den Start nicht.

In Deutschland blieb Erwin Eisch der Protagonist der Szene, der die antifunktionale Form vorantrieb – seine Objekte sollten weder brauchbar noch schön sein, sie waren der pure Protest gegen Perfektion und Konservatismus im Handwerk. Der gelernte Glasgraveur, der das Formen von Glas am Ofen erst erlernen musste, hatte durch sein Studium an der Akademie Geschmack an der Freiheit der Kunst gefunden und dies auf den Werkstoff Glas übertragen. Zusammen mit seiner Frau, der Bildhauerin Gretel Eisch, schuf Eisch einzigartige Serien von in Form geblasenem Glas.

Im Bayerischen Wald gehört zu dieser ersten Generation des Studioglases der brillante Graveur Kristian Klepsch, der mit hochartifiziellen Diatret-Gläsern fasziniert. In der Bearbeitung des kalten Glases, auf das sich die Klasse für Gestaltung an der Münchner Akademie um den ebenfalls aus dem Bayerischen Wald stammenden Aloys F. Gangkofner konzentrierte, sind die Gangkofner-Schüler Karl Berg zu nennen und Franz X. Hoeller, der mit seinen skulpturalen Arbeiten bald eigene Wege eingeschlagen hat. Wobei die Gangkofner-Linie zwar die freie Form, aber auch Schönheit und Perfektion zum Ziel hatte, sich also von der ursprünglichen Idee des Studioglases wieder entfernte. Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang auch das Nachbarland Tschechien, in dem vor allem den kalten Techniken große Bedeutung zukommt.

Eine wichtiges Medium sind die freie Form und das Gefäß als Bildträger; es übernimmt die Rolle des Papiers oder der Leinwand wie in der Malerei. Erwin Eisch hat auch hier Maßstäbe gesetzt, vor allem mit den Serien in die Form geblasener, bemalter, gravierter und beschriebener Köpfe und Gefäße.

Malen mit Glas ist, wenn auch auf eine andere Weise, ein Thema von Theodor G. Sellner. Mit plastischen Wandbildern, Gefäßen in einer speziellen Graaltechnik, einer Kombination von Lampen- und Ofenglas, sowie Figuren und Installationen in mixed-media hat er die von Erwin Eisch begonnene Freiheit der Gestaltung mit Glas und anderen Materialien noch ein Stück weiter entwickelt und dazu beigetragen, Glas als Werkstoff in der bildenden Kunst zu etablieren. Zu den jüngeren Glasmachern der Szene im Bayerischen Wald gehören die Gruppe Männerhaut, eine experimentierfreudige und phantasievolle Werkstattgemeinschaft, sowie Ingrid Donhauser und Heinz Fischer.

Indes: Die Hochzeit des Studioglases ist vorbei. Einerseits ist durch die Aufbruchsbewegung mittlerweile alles möglich geworden; die jüngere Generation der Künstler, die mit Glas wie mit jedem beliebigen Werkstoff arbeitet, kann ganz selbstverständlich darauf aufbauen. Zum anderen ist durch das Wegbrechen der Handglashütten auch der Fachhandel verschwunden. Im Bayerischen Wald existiert als einzige Galerie die des „glasomanen" Sammlers Hans Herrmann in Drachselsried. Auf den Zug der Studioglasbewegung sind Designer aufgesprungen, die Errungenschaften der Studioglasmacher sind von einer Massenproduktion aufgenommen worden, was den Ruf des Studioglases nicht gerade befördert. Umso wichtiger ist es, zu unterscheiden.

Was geblieben ist, sind einige qualitätsvolle Glasmacher mit ihren Studioglashütten,die mutig weiterhin das machen, was die Studioglasbewegung sich vorgestellt hat, zum einen zweckfreie, funktionslose Unikate von hohem künstlerischem Rang, zum anderen Handglas für den Sammler, der individuelle handwerkliche Produkte schätzt.  (Ines Kohl)

Abbildungen (von oben):

Pioniere der Studioglasbewegung: Erwin Eisch (rechts) und Harvey K. Littleton im Jahr 1974. (Foto: privat)

Narziss ist eines von Erwin Eischs Schlüsselwerken. Er stellte es erstmals 1971 in Hamburg aus. Das Stadtmuseum Regensburg hat es gekauft und dem Glasmuseum Frauenau als Dauerleihgabe überlassen. (Foto: Dionys Asenkerschbaumer)

Buddha's Adam und Eva (1988) von Erwin Eisch. (Foto: Thomas Reimann)

Theodor Sellner experimentiert mit Techniken und Materialen. In seinen Hausungen (hier eine Arbeit von 2007) schließt er Köpfe in Glasblöcke ein, kombiniert Glas, Tuch und Holz. (Foto: Ines Kohl)

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