Wirtschaft

In manchen Regionen Bayerns sind kaum noch geeignete Bewerber für Lehrstellen zu finden. (Foto: Bilderbox)

14.09.2012

Azubis verzweifelt gesucht

Erneut mehr Lehrstellen als Bewerber in Bayern – Handwerk beklagt geringes Interesse

Josef Steinbauer aus Drachselsried im bayerischen Wald weiß sich nicht mehr zu helfen. „Mit den Lehrlingen ist es heuer ganz schlecht“, sagt der 33-jährige Bäckermeister, „wir kriegen keine mehr“. Anzeigen in der Lokalpresse hat er aufgegeben, zu den Schulen ist er hingegangen. Hat alles nichts genützt, kein Auszubildender will bei ihm das Bäckerhandwerk lernen. Auch die Agentur für Arbeit in Deggendorf hat ihm niemand geschickt. Dort kommen auf einen noch nicht vermittelten Bewerber für einen Ausbildungsplatz vier offene Lehrstellen. Ein bayernweiter Trend. „Seit etwa 2010 gibt es jährlich mehr Lehrstellen als Auszubildende“, sagt Sindy Heyn von der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Bayern.


Schwierigkeiten, gute Leute zu finden

Vor Kurzem hat das neue Ausbildungsjahr begonnen, in Bayern suchen noch rund 9000 Jugendliche eine Lehrstelle. Ihnen stehen 20.800 unbesetzte Ausbildungsplätze gegenüber. Insgesamt hatten sich bei den Arbeitsämtern rund 80.000 Bewerber gemeldet, damit nahm erneut ihre Zahl gegenüber dem Vorjahr ab – um 1,7 Prozent. Zugenommen hat hingegen die Zahl der gemeldeten Berufsausbildungsstellen, sie stieg um 6,3 Prozent auf 92.500. Der jahrzehntelang beklagte Lehrstellenmangel vergangener Jahre scheint sich also derzeit in ein Azubi-Defizit zu wandeln. Für Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) angesichts Fachkräftebedarf und demografischen Wandel eine Herausforderungen für den Freistaat. „Aus vielen persönlichen Gesprächen mit Mittelständlern weiß ich: Die meisten haben schon heute große Schwierigkeiten, gute Leute zu finden. Lehrstellen bleiben unbesetzt. Deshalb ist es wichtig, dass wir gemeinsam mit den Kammern und Verbänden junge Menschen für eine qualitativ hochwertige Ausbildung in Handwerk, Industrie und Dienstleistung begeistern“, so Zeil.
„Der Mangel an Bewerbern hat eine neue Größenordnung erreicht und zieht sich durch alle Branchen“, sagt Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern. Auch in oberbayerischen Unternehmen in Industrie, Handel und Dienstleistungen waren Ende Juli noch mehr als 9000 Lehrstellen unbesetzt, denen knapp 5000 unversorgte Bewerber gegenüberstanden.
Ein Problem, das vor allem kleiner Betriebe und das Handwerk betrifft. „Die Großunternehmen werden eher von den Bewerbern wahrgenommen, ihre Produkte sind bekannt“, sagt Josef Amann, Leiter Berufsbildung bei der IHK. Und auch ihre betrieblichen Leistungen machten sie für Lehrstellen-Sucher attraktiv. „Aber“, so Amann, „auch hier ist der Bewerber-Pool kleiner geworden“. Für Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VbW) wird angesichts der Zahlen im Ausbildungsbereich „ein künftiger Fachkräftemangel sichtbar“. Es sei klar, dass sich die Betriebe künftig um ein Ausbildungsmarketing kümmern und so auch „ihre Attraktivität nach außen“ darstellen müssten.
Ziemlich weit unten auf der Attraktivitätsliste der künftigen Azubis stehen jedenfalls Berufe, die mit körperlicher Arbeit und Belastungen am Arbeitsplatz verbunden sind. Bäcker Steinbauer zum Beispiel beginnt nachts um halb eins mit dem Brotbacken. Und auch im Beruf des Maurers, der Regen und Kälte ausgesetzt ist, sehen immer weniger einen goldenen Boden. „Keiner hat mehr Lust am Bau zu lernen“, sagt Markus Eder, Geschäftsführer der Firma Eder Bau in Schöllnach. Das Unternehmen mit seinen 120 Mitarbeitern sucht jedes Jahr fünf Lehrlinge. Heuer konnten Eder aber nur zwei Maurerlehrlinge einstellen. Ähnlich sieht es etwa bei Metzgern oder im Hotel- und Gaststättengewerbe aus.
Aber ist es nicht vernünftig, einem Beruf fernzubleiben, in dem die Billigkonkurrenz aus dem Ausland droht? Nein, meint Berufsbildungsleiter Amann, vielmehr seien hier die Aufstiegsmöglichkeiten sehr gut. Denn die Firmen würden auf der mittleren Führungsebene heimisches Personal benötigen, das nicht so einfach durch ausländisches Personal ersetzt werden könne. Der Weg vom Maurer zum Polier zum Beispiel sei so nicht weit.

Auch Schwächeren eine Chance geben

Die absolut gestiegene Zahl an Lehrstellen zeigt jedenfalls: Die bayerischen Betriebe haben erkannt, dass sie auf dem von ihnen beklagten Fachkräftemangel mit mehr Ausbildung reagieren müssen. Für IHK-Experte Amann haben dabei auch die kleineren Betriebe Möglichkeiten, sich als attraktive Arbeitgeber zur präsentieren. Etwa mit dem Angebot einer Teilzeitausbildung, die in 25 statt 40 Wochenstunden stattfindet. Attraktiv sei dies etwa für junge Frauen, die sich wegen Kindererziehung in der Grundsicherung für Erwerbsfähige befinden, in München sei dies immerhin eine Gruppe von 2500 Personen. Und die Agentur für Arbeit rät Betrieben „auch schwächeren Bewerben eine Chance zu geben“. Dafür gebe es in Zusammenarbeit von Agentur, Berufsschule und Ausbildungsbetrieb das Angebot begleitender Ausbildungshilfen, etwa in Form sozialpsychologischer Betreuung. Und „über Schulpatenschaften können Betriebe den Schülern bei der Berufsorientierung helfen und die guten Karriereaussichten nach einer Ausbildung aufzeigen“, so IHK-Chef Driessen.
Der Mangel an Auszubildenden in manchen Branchen und Regionen führt zu ungewöhnlichen Aktionen. So pflegt seit einem Jahr der niederbayerische Landkreis Deggendorf eine spezielle Freundschaft zu Bulgarien. Weil sich auch schon im vergangenen Jahr die heimischen Auszubildenden wenig für Lehrstellen als Maurer und in der Gastronomie begeisterten, kam der Deggendorfer Landrat Christian Bernreiter (CSU) auf die Idee, bulgarische Abiturienten anzuwerben. So trafen Ende Juli 2011 aus der Stadt Burgas am Schwarzen Meer 18 Azubis mit Ausbildungsverträgen in der Tasche in Deggendorf ein und nahmen ihre dreijährige Ausbildung in Niederbayern auf. Nicht alle blieben. „Die waren nach vier Wochen schon wieder fort“, sagt Bäcker Steinbauer. Zwei der Gast-Azubis hatten auch bei ihm eine Lehre begonnen, dann aber abgebrochen. „Hier in Drachselsried haben wir kein Nachtleben wie in Deggendorf“, sagt der Handwerker, die Bulgaren kämen immerhin aus einer Stadt mit 300.000 Einwohnern; andere Gründe seien die langen Arbeitszeiten in der Hochsaison gewesen.
Lehrlinge aus Bulgarien einstellen
Das Projekt wird aber fortgesetzt, auch dieses Jahr kommen wieder Lehrlinge aus Bulgarien, um in der Region Deggendorf eine Ausbildung zu machen. Diesmal sind es 21 junge Leute, die jene Lehrstellen besetzen, für die Firmen kaum noch geeignete Bewerber finden. Vereinfacht wird das Verfahren durch den Wegfall der Vorrangprüfung für Auszubildende aus Bulgarien. Bislang konnten die Lehrlinge aus Bulgarien in Deutschland nur eine Stelle antreten, wenn es dafür keinen deutschen oder bevorrechtigten ausländischen Bewerber gab.
Für Landkreis-Regionalmanager Herbert Altmann jedenfalls geht das Projekt Bulgarien gut voran. Von den 18 Azubis, die vergangenen Sommer nach Bayern kamen, arbeiten und lernen noch 14 in der Region. In Burgas, der Partnerstadt Deggendorfs an der Schwarzmeerküste, hatten sich heuer 70 Bewerber in der Auswahlrunde bei den Mitarbeitern des Landratsamts, der Arbeitsagentur und des Beruflichen Fortbildungszentrums der Bayerischen Wirtschaft vorgestellt, 21 wurden vermittelt. Besetzten im vergangenen Jahr die Bulgaren vor allem Lehrstellen im Baugewerbe und in der Hotellerie, werden heuer auch Anlagenmechaniker und Elektroniker ausgebildet. Für VbW-Chef Brossardt ein gutes, ergänzendes Projekt, aber es gelte auch, das heimische Potenzial an Auszubildenden durch zusätzliche individuelle Förderungen auszuschöpfen.
(Rudolf Stumberger)

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