Wirtschaft

21.10.2011

Bauern können mehr als Mais

Erste Biomethananlage Nordbayerns in der Rhön

Anfang Oktober ging in Unsleben (Landkreis Rhön-Grabfeld) die erste Biomethananlage Nordbayerns in Betrieb – so sieht es zumindest der Betreiber. Die Realisierung der Anlage ist auch ein Erfolg für die sprichwörtliche Sturheit fränkischer Bauern.

„Was können wir in der Region tun, um unseren Energiebedarf perspektivisch selber zu erzeugen? Geht das mit umweltfreundlichen und nachhaltigen Methoden, die zugleich auch Zukunftsperspektiven für unsere Landwirte bieten?“ Das fragten sich 45 Landwirte aus dem Landkreis Rhön-Grabfeld. Die Antwort fanden sie in Friedrich Wilhelm Raiffeisens Motto: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele!“ Der Beweis: Ihre vor vier Jahren gegründete Agrokraft Streutal GmbH & Co KG (AKS).


Die Wärme geht an eine Mälzerei in Mellrichstadt


Zwei Biogasanlagen (BGA) betreiben die Bauern bereits. Die eine in Mellrichstadt hat nach der Erweiterung im Jahr 2009 knapp 1200 Kilowatt (kW) elektrische und 1400 kW thermische Leistungsfähigkeit. Die gesamte Wärme aus dem Biogas-Blockheizkraftwerk geht an die Mälzerei Lang in Mellrichstadt, der Strom fließt ins Netz des regionalen Überlandwerks.
Die Leistung ihrer zweiten BGA in Unsleben hat AKS nun gar verdreifacht. Ein Grund für die Erweiterung laut Geschäftsführer Thomas Balling: „Wir wollten mehr Biogas machen, weil unsere Mitglieder mehr Substrat liefern wollten. Denn jeder kann sich beteiligen mit der Menge, wie es sein Betrieb hergibt“; meist mit um die 10 Prozent Maisanteil an der Fruchtfolge, heißt es.
Doch die Gemeinde Unsleben konnte nicht mehr Wärme abnehmen. Und so haben sich die Bauern getreu ihrer Selbstbeschränkung „Wir stellen die BGA dort hin, wo auch die Wärme zu 100 Prozent verbraucht werden kann“ etwas Neues einfallen lassen. Die Lösung war Bioerdgas: Das wird in einer Biogasanlage erzeugt und dann so aufbereitet, dass es in das normale Erdgasnetz eingespeist werden kann. Solche Anlagen bauen und betreiben bislang meist größere Energieunternehmen. So sind die Nürnberger N-Ergie AG derzeit in Gollachostheim und Eggolsheim, die Fürther infra in Cadolzburg dabei, Bioerdgasanlagen allein oder mit Partnern zu errichten. Auch die AKS hat sich Partner gesucht, wie zu erwarten regionale. „Eine gute, zweiseitige Partnerschaft, man kannte sich“, heißt es von der Bayerischen Rhöngas GmbH, dem kommunalen Gasnetzbetreiber, in Unsleben für die Netzeinspeisung zuständig. Nun liefern die Bauern die Rohstoffe per Vertrag an die 2009 gegründete Biomethan Rhön-Grabfeld GmbH & Co. KG. Deren Teilhaber sind Überlandwerk Rhön (32,2 Prozent), Bayerische Rhöngas sowie Gasversorgung Unterfranken GmbH (je 24,9 Prozent), die Stadt Bad Neustadt (17 Prozent) und die Standort-Gemeinde Unsleben (mit einem Prozent).
Denn die laut Rhöngas „schwierige Technologie auf einem schwierigen Markt, weil die Politik so sprunghaft ist“ überlassen die Landwirte lieber Spezialisten. So wie sie auch selber welche für die Substratproduktion sind.
Gestartet haben die Rhön-Bauern ihre Energieinitiative übrigens schon vor etwa zehn Jahren. Damals gründeten sie „aus dem Bayerischen Bauernverband heraus die Agrokraft GmbH. Wir wollten nicht nur beraten und Papier beschreiben, sondern selbst etwas tun“, erinnern sie sich. Die Liste der neben besagten Biogasanlagen gestarteten Energieprojekte kann sich sehen lassen: Der „Windpark Zwischen Streu & Saale“ mit sechs Dorfbetreibergenossenschaften; die „Bioenergie Bad Königshofen“; eine „Abfallbiogasanlage Grabfeld“; Bürgersolarkraftwerke in Großbardorf, in Grabfeld, sowie 1,5 Megawatt aus „gebündelten Dachanlagen“. In Bad Königshofen läuft gar eine „Pilotanlage zur Hydrothermalen Carbonisierung“ (HTC), unterstützt vom Max-Planck-Institut für Grenzflächen- und Kolloidforschung in Potsdam. „HTC ist – vereinfacht dargestellt – ein Verfahren zur Herstellung von Kohle aus jeder Form von Biomasse“, erklären die Rhön-Grabfelder Agrarwirte. Die schauen im Übrigen auch über den Energietellerrand hinaus. „Regionalentwicklung: Holunderanbau für Bionade“ und „Produktentwicklung: Rhön Schdegge. Die Rhöner Wanderwurst aus Bio-Rindfleisch wurde von der Agrokraft erfunden und zur Marktreife entwickelt“, heißt es stolz auf ihrer Webseite. Auch hier haben sich die sprichwörtlichen fränkischen Bauern-Dickschädel offensichtlich durchgesetzt.
(Heinz Wraneschitz)
www.agrokraft-streutal.de
www.agrokraft.de

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