Wirtschaft

In der Otto-Lilienthal-Kaserne gibt es nicht nur Bundeswehr, sondern auch Rettungsdienste. (Foto: dapd)

11.02.2011

Der Bundeswehrstandort Roth ist in Gefahr

Es drängt sich der Verdacht auf, dass hohe Investitionen ohne Sinn getätigt wurden

Der Kreistag Roth sieht die Otto-Lilienthal-Kaserne als attraktiven, zukunftsfähigen und nachhaltig ausgerichteten Standort der Bundeswehr und unterstützt einstimmig die Resolution zum Erhalt des Bundeswehrstandortes Roth. So verlautete es am 7. Februar aus der Sitzung des Gremiums. Doch ist Mittelfrankens letzte Bundeswehrkaserne wirklich akut in Gefahr?

Die Otto-Lilienthal-Kaserne in der mittelfränkischen Kreisstadt Roth: 2700 militärische und etwa 700 zivile Mitarbeiter finden dort zurzeit Arbeit und Brot. Luftwaffe und Heeresflieger kommen hier friedlich miteinander aus. Und was eine noch „unnormalere Normalität“ in der 30 000-Einwohner-Stadt südlich von Nürnberg ist: „Die fließende Herzlichkeit, die zwischen Bürgern und Militärangehörigen herrscht“, und die Landrat Herbert Eckstein (SPD) selbst lebt.
„Hier ist es wirklich toll. Der Bürgermeister ist oft hier bei uns. Die Soldaten fühlen sich als fester Bestandteil der Region. Und bei 5800 Flugstunden letztes Jahr hatten wir gerade mal drei Lärmbeschwerden. Das haben Standorte in Norddeutschland in der Woche.“ Heeres-Major Bernd Graf (Name geändert) schwärmt zudem vom „Plus in Roth: Schwimmbad, zwei Sportplätze, Kantine, Krankenstation, Standortübungsplatz. Dazu kommen die Edelweißstaffel und die fast fertige nordbayerische Rettungsleitstelle der Polizei in der Kaserne. Wir könnten hier ohne Probleme auch noch ein weiteres Bataillon unterbringen.“
Doch zurzeit ist eher das Gegenteil zu erwarten. Der Standort könnte der aktuellen Bundeswehrreform zum Opfer fallen. Obwohl „bisher von allen Seiten gelobt und alles getan wurde. Deshalb habe ich mir nie vorstellen können, dass so große Entscheidungen mit so wenig Vorbereitung getroffen werden“, schüttelt Landrat Eckstein den Kopf.
Die Angst geht also um in Roth und Umgebung. Ein Grund: Von vielen Seiten heißt es, weil die Bundeswehr sparen muss, sei die aktuell bestellte Menge von 80 Kampfhubschraubern „Tiger“ rigoros auf die Hälfte zusammengestrichen worden.
Zwei Standorte waren für die neuen Helikopter vorgesehen, Fritzlar in Hessen und Roth in Franken. Beide wurden in den vergangenen Jahren auch bereits auf die „Tiger“ vorbereitet, jeweils um die 200 Millionen Euro in Hallen, Hangars, Simulatoren investiert. Nun sehen sich Fritzlar und Roth als Konkurrenten. Denn bei bloß 40 Tigern würde wohl nur noch ein Standort gebraucht. Doch laut Christan Schmidt, parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium aus Mittelfranken, „gilt immer noch der Vertrag mit Eurocopter. Der sieht derzeit 80 Tiger vor. „Wasserstandsmeldungen und Geschwätzigkeiten“ nennt er die Halbierungsgerüchte.
Roth kämpft auch um die Luftwaffe. Weil Verteidigungsminister zu Guttenberg die Wehrpflicht „aussetzen“ ließ, werden hier keine Wehrpflichtigen mehr ausgebildet. Ist das Luftwaffenausbildungsregiment Roth also gefährdet? Laut Staatssekretär Schmidt sei noch nichts entschieden, „aber auch in Zukunft gilt die Grundregel: Auch Generäle müssen ausgebildet werden“ – oder: Jeder Soldat muss unten anfangen.
Landrat Eckstein will deshalb eigentlich auch nicht kritisieren, sondern mit positiven Argumenten für den Erhalt des „Premium-Standorts“ Roth werben. Wenn die Bundeswehr nach Erreichbarkeit und der Notwendigkeit zusätzlicher Investitionen entscheidet, dann muss Roth bleiben. Wir sind auch nicht nur für Heeresflieger und Luftwaffe geeignet: Wir passen für alle Truppenteile.“
„Der Standort Roth verfügt seit Jahrzehnten über einen breiten Rückhalt und eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, ist ein wesentliches Element regionaler Identität. Gerade deshalb fühlen sich viele Soldatinnen und Soldaten wohl und schätzen es, in der Region um Roth zu dienen und zu leben“, steht in besagter Kreistags-Resolution. So war die Nachbarstadt Heideck Deutschlands erste Patengemeinde einer Kaserne. Soldaten seien überall „eingebunden und integriert“, die Bundeswehr „tief im öffentlichen Leben verankert“. Fast dieselben Worte benutzt auch Major Graf im Gespräch mit der Staatszeitung.
Deutlicher kann eine Übereinstimmung zwischen Zivilisten und Militärs wohl kaum ausfallen. Doch „die Entscheidung, welcher Standort bleibt oder nicht, wird eine rein politische sein und wohl völlig emotionslos getroffen“, ist Bernd Graf überzeugt.
Dem stimmt Freie-Wähler-Stadträtin Elisabeth Bieber traurig zu, die 2. Bürgermeisterin der Kreisstadt: „Was wir auch alles machen, die entscheiden das in Berlin ohne uns.“ Natürlich „sagen auch im momentanen Bürgermeisterwahlkampf alle, wir wollen den Standort erhalten. Wir wünschen und hoffen, dass es klappt: Alle Fraktionen sind dafür.“
„Die Kaserne ist ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor. Was eine Schließung für die Bevölkerung bedeutet, weiß ich nicht. Doch für mich und meine Kameraden kann ich sagen: Viele Menschen müssten einen sehr schönen Standort verlassen und umziehen.“ Grafs Lob hat Mehrwert: Er war zuvor einige Jahre lang in Fritzlar stationiert.
Landrat Herbert Eckstein stellt dennoch traurig, fast resigniert fest: „Früher war im Ministerium noch ein Wissen vorhanden, dass dieses zivil-militärische Verhältnis in Roth ein völlig normal-unnormales ist. Heute gilt das scheinbar nichts mehr.“
(Heinz Wraneschitz)

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