Wirtschaft

Flughafenchef Michael Kerkloh sieht auf Deutschlands Flughäfen einen harten Wettbewerb zukommen, wenn in Istanbul in ein paar Jahren der neue Großflughafen mit sechs Bahnen an den Start geht. (Foto: Schweinfurth)

10.05.2013

„Der Mobilitätsbedarf wird weiter zunehmen“

Münchens Flughafenchef Michael Kerkloh über die Konkurrenzsituation im europäischen Luftverkehr

Münchens Flughafen boomt. Allein 2012 konnte der Airport wieder ein Plus an Passagieren verzeichnen. Deren Zahl stieg um 1,6 Prozent auf 38,4 Millionen. Wir sprachen mit Michael Kerkloh, dem Geschäftsführer der Flughafen München GmbH (FMG) und amtierenden Präsidenten der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen, über die dritte Start- und Landebahn, Trends in der Luftfahrt und die Luftverkehrsabgabe.

BSZ: Herr Kerkloh, die Passagierzahl wächst, doch die Anzahl der Flugbewegungen sinkt. Braucht der Münchner Flughafen denn immer noch die dritte Start- und Landebahn?
Kerkloh: Ja, denn der Mobilitätsbedarf wird weiter zunehmen. Der Trend zur Internationalisierung in Wirtschaft, Wissenschaft und Tourismus hält an und wird sich in den kommenden Jahren nochmals verstärken. Noch können die Fluggesellschaften das Plus an Passagieren mit größeren Flugzeugen auffangen, aber sie sind da bei der Auslastung mittlerweile auch fast am Limit. Deshalb wird es künftig auch wieder mehr Flüge geben.

BSZ: Warum?
Kerkloh: Weil die Flottenerneuerung einer Airline für viele Jahre Bestand hat und deshalb und nicht kontinuierlich größere Flugzeuge eingesetzt werden können.

BSZ: Was macht Sie so sicher, dass die Menschen immer mehr fliegen?
Kerkloh: Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, in denen der Langfristtrend immer nach oben zeigte. Die Passagierzahlen steigen, weil immer mehr Menschen immer intensiver an diesem weltweiten Verkehrssystem teilhaben wollen. Und der Umstand, dass andere Länder wie die Türkei zum Beispiel wirtschaftlich aufholen. In Istanbul wird derzeit ein neuer Großflughafen mit sechs Start- und Landebahnen geplant und demnächst auch gebaut.

BSZ: Warum klotzen die denn so?
Kerkloh: Weil die Türken ein Wohlstandsniveau wie in den Industriestaaten anstreben und von einem entsprechenden Fluggastaufkommen ausgehen, wenn sich ihre Wirtschaft weiterhin so gut entwickelt. Außerdem nutzen sie jetzt die Gunst der Stunde, so ein Großprojekt realisieren zu können. Wenn sie in ein paar Jahren eine ebenso entwickelte Zivilgesellschaft haben werden wie wir in Deutschland, wo Partizipation bei wichtigen Entscheidungen selbstverständlich ist, wird sich so ein Projekt wohl nicht mehr so leicht umsetzen lassen. Und es gibt noch einen Grund.

BSZ: Und der wäre?
Kerkloh: Die Türken wollen ganz gezielt ihre Wirtschaft entwickeln. Und dazu gehört auch ein Großflughafen als Job- und Konjunkturmotor.

BSZ: Könnte dieser Hub denn dem Münchner Flughafen irgendwann einmal das Wasser abgraben?
Kerkloh: Es ist auf jeden Fall eine ernstzunehmende Konkurrenz. Wenn die dritte Bahn bei uns nicht kommt, werden sich langfristig auch Verkehrsströme verlagern. Dann fliegen wir von München aus nicht mehr direkt in alle Welt, sondern müssen für bestimmte Destinationen beispielsweise in Istanbul umsteigen.

BSZ: Wäre das so schlimm?
Kerkloh: Ja, denn es bremst, beziehungsweise begrenzt Wachstum am äußerst erfolgreichen und stark exportorientierten Wirtschaftsstandort Bayern. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die dritte Bahn Infrastruktur für die nächsten 50 Jahre darstellt. So wie wir heute vom Eisenbahnnetz, das vor 150 Jahren in Deutschland gebaut wurde, profitieren. Außerdem ist die dritte Bahn eine hoch preiswerte Infrastrukturerweiterung.

BSZ: Wie bitte, 1,2 Milliarden Euro für vier Kilometer Betonpiste sind preiswert?
Kerkloh: Ja, denn für diesen Betrag können wir die Verbindung zwischen 150 Städten verbessern. Die ICE-Strecke München-Nürnberg-Erfurt-Berlin kostet 5,7 Milliarden Euro und verbessert lediglich die Verbindung zwischen vier Städten. Außerdem ist die dritte Bahn am Münchner Flughafen wohl die letzte, die wir in Deutschland bauen.

BSZ: Warum denn das?
Kerkloh: Weil es an anderen Standorten noch schwieriger wäre, ein solches Projekt zu realisieren. In Berlin oder Frankfurt beispielsweise gibt es 20 Mal mehr Betroffene als hier im Erdinger Moos. Und wir brauchen die Kapazitätserweiterung nicht irgendwo, sondern an einem Drehkreuz, damit das gesamte deutsche Luftverkehrsnetz profitieren kann. Deshalb ist die dritte Startbahn von strategischer Bedeutung für die ganze Bundesrepublik.

BSZ: Viele glauben ja, man könnte Flugverkehr von München nach Nürnberg verlagern, um dem dort unter rückläufigen Fluggastzahlen leidenden Airport zu helfen. Was halten Sie davon?
Kerkloh: Nichts, denn die Kunden entscheiden, von wo aus sie losfliegen wollen. Und wenn jemand aus dem Münchner Raum von Nürnberg aus nach Mallorca fliegen will, kann er das heute schon tun. Nur tut es niemand. Der Markt in München ist eben größer und darum gibt es mehr Destinationen. Auch die Umsteiger, die in München ankommen werden wohl kaum erst nach Nürnberg fahren wollen, um von dort aus ihren Anschlussflug nehmen zu können.

BSZ: Gegner der dritten Bahn bringen auch immer wieder das Argument vor, dass Flugverkehr der Klimakiller Nummer eins ist.
Kerkloh: Das ist er aber bei weitem nicht. Tatsächlich liegt der Anteil der Anteil des Luftverkehrs an den klimarelevanten Emissionen global betrachtet bei lediglich zwei Prozent und damit weit unter der Größenordnung, die etwa der Straßen- oder Schiffsverkehr erreichen. Richtig ist, dass Flugzeuge Kerosin brauchen und damit vom Öl abhängig sind. Aber die Flieger werden immer energieeffizienter. Es ist schon so eine Art intrinsische Motivation, jedes System so energiesparsam wie möglich zu machen. Und die Luftfahrtindustrie nimmt den Klimaschutz sehr ernst. Flughäfen und Fluggesellschaften weltweit unternehmen jede Anstrengung, um immer noch energiesparsamer zu werden.

BSZ: Wie bewerten Sie denn den erst vor Kurzen eröffneten neuen Flughafen Kassel-Calden?
Kerkloh: Aus deutscher Sicht wäre er nicht unbedingt zwingend gewesen, weil unser Land über genug gut funktionierende Flughäfen verfügt. Aber jetzt haben wir diese Infrastruktur und wir müssen sehen, wie sie genutzt wird. Dennoch muss man sich im Klaren darüber sein, dass über 50 Prozent des deutschen Flugverkehrs die Flughäfen Frankfurt, München und Düsseldorf tragen.

BSZ: Wie stehen Sie zur Luftverkehrsabgabe?
Kerkloh: Die gehört abgeschafft. Denn sie wirkt wettbewerbsverzerrend, macht kleine Flughäfen kaputt und fördert die Verlagerung von Geschäft ins Ausland. Die Luftverkehrsabgabe ist ein Soli für unsere Nachbarstaaten wie die Tschechische Republik, die Schweiz oder die Niederlande. Übrigens hatten die Holländer auch so eine Abgabe und haben sie aus den genannten Gründen wieder abgeschafft.

BSZ: Aber man will damit doch die Menschen zu umweltfreundlichem Reisen bewegen.
Kerkloh: Das ist doch nur ein Ökomäntelchen. Die Einnahmen aus der Luftverkehrsabgabe werden ja noch nicht einmal zweckgebunden eingeschätzt – für Lärmschutzmaßnahmen zum Beispiel.

BSZ: Wie sehr belastet die Abgabe eigentlich die Fluggesellschaften?
Kerkloh: Air Berlin zum Beispiel hat ein richtig großes Problem damit. Es ist zwar nicht das einzige, das Air Berlin hat, aber ohne Luftverkehrsabgabe könnte die Airlinie ihre derzeitigen Schwierigkeiten sicher schneller überwinden. Um es klar zu sagen, die Luftverkehrsabgabe bringt die hiesige Luftfahrtindustrie nicht um, aber sie hat Folgen.

BSZ: Welche?
Kerkloh: Sie kostet Jobs, denn die hängen direkt vom Verkehrsaufkommen ab. Dabei sind Arbeitsplätze am Airport für jede Region besonders wertvoll, weil dazu auch viele Jobs für weniger qualifizierte Mitarbeiter gehören, für die es hierzulande ja nicht mehr so viele Stellen gibt. Und diese Jobs bleiben übrigens hier.

BSZ: Wie, die bleiben hier?
Kerkloh: Na, die können nicht verlagert werden. Denn der Flughafen ist und bleibt nun einmal an seinem Standort im Erdinger Moos. Für mich als Volkswirt ergibt es keinen Sinn, den Stabilitätsfaktor am bayerischen Arbeitsmarkt, der wir mit dem Flughafen nun einmal sind, durch so eine Abgabe zu schwächen. Denn die Menschen mit niedrigem Bildungsniveau, die wir trotz des Trends zu immer höher qualifizierten Arbeitsplätzen haben, müssen auch leben können. Ansonsten werden wir sie über Transfersysteme alimentieren müssen. Da ist es doch allemal besser, wenn sie in die Sozialkassen einzahlen.

BSZ: Und der Münchner Flughafen bietet auch den Menschen Arbeitsplätze, die in ihren Heimatregionen keinen Job mehr finden?
Kerkloh: Ja. Wir haben beispielsweise sehr viele Beschäftigte aus den neuen Bundesländern bei uns. Diesen Menschen muss man mit Respekt – nicht mit Vorurteilen wie das einige tun - begegnen, denn sie heben das allgemeine Wohlstandsniveau in Bayern.

BSZ: Also brauchen wir auch die dritte Bahn, weil sonst die Beschäftigungsmöglichkeiten am Münchner Flughafen stagnieren?
Kerkloh: Ja. Es ist zwar bedauerlich, dass wir jetzt durch den Münchner Bürgerentscheid zunächst mal in der Warteschleife hängen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dies das letzte Wort bleibt. Langfristig wird die dritte Bahn kommen, weil die Engpässe weiter zunehmen werden und die negativen Konsequenzen dieser Kapazitätsmängel für jeden erkennbar werden. Solange ich hier Geschäftsführer bin, werde ich mich jedenfalls für dieses Ausbauvorhaben einsetzen.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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