Wirtschaft

25.06.2010

Der Motor brummt wieder

Den Autoherstellern im Freistaat geht es besser – doch nicht alle Zulieferer profitieren davon

Als Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) vor wenigen Wochen den Stockdorfer Autozulieferer Webasto besuchte, war er voll des Lobes. „Was Sie hier machen, ist gelebte soziale Marktwirtschaft“, ließ er die Vorstandsetage wissen. Grund: Der Hersteller von Cabrio-Dachsystemen verlangt von seinen Mitarbeitern in der Krise nicht nur Opfer, er lässt seine Angestellten in besseren Zeiten auch von steigenden Erträgen profitieren. So verdonnerte Webasto im vergangenen Jahr zwar viele Arbeiter zur Kurzarbeit – doch nachdem der Absatz nun wieder anzieht, erhalten die fast 3000 Mitarbeiter in diesem Jahr eine spürbare Gehaltserhöhung. Vor allem die zunehmenden Bestellungen aus Asien sorgen bei Webasto wieder für vollere Auftragsbücher. Und auch anderswo in der bayerischen Autobranche scheinen die düsteren Wolken, die noch im vergangenen Jahr am Konjunktur-Himmel hingen, wie weggeblasen. Noch im Mai 2009 war eine Studie des Verbands der Automobilindustrie (VDA) zum Ergebnis gekommen, dass bis Ende dieses Jahres jeder achte der bundesweit rund 4000 Automobilzulieferer Konkurs anmelden müsse. Im Freistaat gerieten rund 2000 Jobs allein durch die Pleite des Zulieferers Edscha in Gefahr. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Accenture schrumpfte der Umsatz der deutschen Autozulieferer, von denen viele ihren Sitz im Freistaat haben, im vergangenen Jahr um 22 Prozent. Doch mittlerweile geht es vielen Firmen wieder besser. „Nicht nur die Automobilhersteller, auch die Zulieferbetriebe profitieren spürbar von der anziehenden Konjunktur“, sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände. So dürfte der Autozulieferer Valeo seinen Umsatz im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als ein Drittel steigern. 1200 Angestellte arbeiten in einem Werk bei Nördlingen für die Franzosen. Und auch bei Bayerns größtem Autozulieferer, der Schaeffler-Gruppe, laufen die Geschäfte wieder. „Die Auftragslage hat sich deutlich verbessert“, sagt Sprecher Marcus Brans. Wachstumsschwerpunkte seien Asien und Südamerika. Bereits im Januar hatte Schaeffler-Boss Jürgen Geißinger verkündet, man strebe eine Rendite vor Steuern und Zinsen von über 5 Prozent an. „Unsere Prognosen für das zweite Halbjahr 2010 und für 2011 sind positiv“, sagt Sprecher Brans. Mittlerweile setzten die Herzogenauracher nach eigenen Angaben „nur mehr in einigen wenigen Standorten Kurzarbeit ein“. Zum Höhepunkt der Krise im Frühjahr 2009 mussten zwei Drittel der damals noch rund 30 000 Angestellten von Schaeffler an einem Tag in der Woche zuhause bleiben. Etwa 250 000 Menschen arbeiten im Freistaat bei einem Autohersteller oder für einen Zulieferer. Als BMW im vergangenen Jahr hustete, drohte Niederbayern die Grippe. Doch längst verzichtet auch Bayerns größter Autohersteller auf Kurzarbeit. Im Gegenteil: Der Premiumproduzent soll laut Medienberichten wegen steigender Verkaufszahlen sogar 5000 Zeitarbeiter angeheuert haben. Zur Bewältigung der zunehmenden Bestellungen seien zudem Sonderschichten nötig. Ein Sprecher wollte dies auf Anfrage zwar nicht bestätigen. Allerdings prüfe BMW gemeinsam mit dem Betriebsrat Möglichkeiten, wie man Kapazitäten ausbauen könne. „Die Auftragslage ist gut“, so der Sprecher. Am besten laufe derzeit der 7er BMW. Der Grund für den überraschenden Absatzboom: Die Nachfrage in Amerika und vor allem in China zieht rasant an. In den ersten fünf Monaten hat sich die Zahl der verkauften Wagen der BMW Group im Land des Lächelns im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf mehr als 60 600 verdoppelt. Und auch Audi legt in Übersee kräftig zu. Der Absatz stieg von Januar bis Mai in den USA um 23 Prozent. Vor allem der A8 verkaufe sich gut. Doch nicht überall geht es wieder aufwärts. „Während es bei einem Teil der Unternehmen nur so brummt, stockt bei manchem Zulieferer der Motor noch“, sagt ein Sprecher der IG Metall. Problem: In der Krise gaben viele Produzenten den Großteil des wachsenden Kostendrucks an ihre Zulieferer weiter. „Doch nicht alle Hersteller geben die sich verbessernde Auftragslage auch an die Zulieferer weiter“, kritisiert ein Betriebsrat eines Zulieferers. Um den Autostandort Bayern dauerhaft zu sichern, fordert der DGB eine stärkere Förderung von Elektrofahrzeugen.

(Tobias Lill)

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