Wirtschaft

Bahnchef Rüdiger Grube ist Medienrummel gewöhnt. Doch viele deutsche Mittelständler scheuen das Licht der Öffentlichkeit mit fatalen Folgen für das Image der Wirtschaft. (Foto: dapd)

20.04.2012

Die Kleinen scheuen das Licht der Öffentlichkeit

Warum Mittelständler vom PR-Rummel nicht so viel halten wie Großkonzerne

Eigentlich ist Axel Oberwelland ein auffälliger Typ. Er misst rund zwei Meter, ist beleibt – und steinreich. Mit einem geschätzten Vermögen von 1,3 Milliarden Euro findet man ihn seit Jahren auf der Forbes-Liste der vermögendsten Deutschen. Was sein Unternehmen herstellt, kennt jedes Kind. Schon mal von ihm gehört? Wahrscheinlich nicht. Denn Oberwelland hat die Kunst perfektioniert, sich unsichtbar zu machen. Er gibt keine Interviews, tritt nie öffentlich auf. Dass er an der Spitze der Storck-Gruppe steht, die er vor acht Jahren von seinem Vater übernahm, und damit über Marken wie Nimm 2, Werther’s und Toffifee herrscht, wissen nur die allerwenigsten.
Deutschlands Unternehmer wirken am liebstem im Stillen – und vermeiden jeden Rummel um die eigene Person. „Mediale Aufmerksamkeit ist den meisten ein Gräuel“, sagt Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. Die kollektive Öffentlichkeitsscheu hat Folgen: „Trotz der entscheidenden Bedeutung der Familienunternehmen für unsere Gesellschaft führt ihre Zurückhaltung und Schweigsamkeit dazu, dass die anonymen Publikumsgesellschaften das Bild bestimmen, das sich die Öffentlichkeit von der deutschen Wirtschaft macht“, schreibt der Historiker Arnulf Baring.


Desaströses Bild


Und dieses Bild ist desaströs: Nur die Hälfte der Deutschen glaubt, dass sich das Konzept der sozialen Marktwirtschaft bewährt hat. Gerade junge Menschen wissen wenig – und werden dadurch noch anfälliger für die Skandalisierungen der Medien.
„Wenn ich den Fernseher einschalte, kriege ich das Gefühl vermittelt, die Wirtschaft bestehe nur aus bösen Abzockern in Konzernen“, erklärt Thomas Selter, der in vierter Generation die Selter GmbH & Co. KG leitet, Hersteller von Stricknadeln. Es gehe meist um Gier, Skandale und völlig abgehobene Manager. „Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun.“ Eine Studie der Zeppelin University überprüft dieses „mediale Zerrbild“ und gibt Selter recht: Während 95 Prozent aller Unternehmen in Familienbesitz sind, wird das Bild in den überregionalen Entscheidermedien zu 90 Prozent von den Konzernen bestimmt. Nur: Im Zweifel will sich dann doch keiner selbst auf dem medialen Altar opfern.
Thomas Selter ist immer mal wieder zu Gast in Talkshows, war bei Anne Will, Maybritt Illner und Frank Plasberg. Hinterher quillt sein Postfach jedes Mal über. Die überwiegende Zahl der Mails sei voller Anerkennung und Dankbarkeit. „Die Menschen sind das übliche Rumgeeiere der Politiker leid“, sagt Selter. „Umso mehr freuen sie sich über das klare Wort eines Unternehmers.“
„Die Familienunternehmer kommen bei unseren Zuschauern fast immer positiv an“, sagt Franziska Stasik, stellvertretende Redaktionsleiterin bei Anne Will. Die Zuschauer würden sie gern noch häufiger sehen. Nur: Außer Wolfgang Grupp und einer Handvoll anderer Unternehmer ist kaum jemand für Talkshows zu gewinnen. Das hat nachvollziehbare Gründe: „Das Talkshow-Format liegt mir nicht“, sagt etwa Martin Kannegiesser, Inhaber eines Maschinenbauunternehmens und zugleich Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Es sei dort kaum möglich, einen Gedanken in Ruhe zu Ende zu bringen. Er habe lernen müssen, „dass das, was man selbst für unglaublich wichtig hält, aus journalistischer Sicht manchmal wenig Relevanz hat“. Das klingt nach einem behutsamen und manchmal auch enttäuschenden Prozess der Annäherung.
„Viele Unternehmer haben eine Heidenangst vor den Medien“, sagt Brun-Hagen Hennerkes: davor, dass man von ihnen in die Pfanne gehauen oder bewusst missverstanden wird. Doch die wenigen Unternehmer, die öffentlich präsent sind, berichten überwiegend von positiven Erfahrungen. Wer die Auftritte von Marie-Christine Ostermann sieht, wagt zumindest zu hoffen, dass sich die neue Unternehmergeneration eher ins Rampenlicht wagt. Seit 2009 ist die Chefin des Lebensmittelgroßhändlers Rullko Vorsitzende des Verbands Junger Unternehmer. Sie sagt: „Ich habe manchmal das Problem, dass in Diskussionen die Emotionen bei mir hochschlagen.“
Doch auf die Zuschauer wirkt es erfrischend, dass sie ihre Gefühle nicht hinter einer Fassade der Souveränität verbirgt. Nach dem Auftritt bei Maybritt Illner erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ ein großes Porträt über Ostermann. Titel: „Liebling der Medien“. Für die meisten Familienunternehmer wahrscheinlich eine Horrorvorstellung. Ostermann aber sagt: „Das war eine prima Bestätigung für mich. Ich habe mich darüber sehr gefreut.“
(Felix Rohrbeck)

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