Wirtschaft

Wo man freundlich bedient wird, geht man gern zum Essen. (Foto: Bilderbox)

22.10.2010

Die Lächeloffensive

Neues tourismuspolitisches Konzept der Staatsregierung: Das Personal soll freundlicher werden

Mit einem Bruttoumsatz von rund 25 Milliarden Euro pro Jahr sichert der Tourismus das Einkommen von mehr als 560.000 Arbeitnehmern in Bayern. Das ist zu wenig, glaubt das bayerische Kabinett und hat ein neues tourismuspolitisches Konzept (TPK) beschlossen. Dazu gehört auch gezieltes Coaching der Wirte und der Bedienungen.

„Wir wollen Bayerns Spitzenposition als populärstes Reiseziel und Tourismusland Nummer 1 in Deutschland weiter festigen und ausbauen. Um dies zu erreichen, bietet das TPK allen Tourismusakteuren Orientierung und gibt Leitlinien an die Hand“, sagt Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Nach 16 Jahren, das alte Programm stammt noch aus dem Jahr 1994, sei es höchste Zeit gewesen, ein neues Konzept für diese Branche zu entwickeln und eine aktualisierte Grundlage für die mittel- bis langfristige bayerische Tourismuspolitik vorzulegen, erläuterte Zeil. Kernanliegen des tourismuspolitischen Konzeptes sei es, dass die gesamte touristische Wertschöpfungskette von allen Beteiligten als ein einheitliches Produkt verstanden wird.

Umweltverträglichkeit außer Acht gelassen
„Mit dem Konzept stellen wir die Weichen für eine positive Zukunft des Bayerntourismus. Wir müssen das Kirchturmdenken überwinden und stattdessen alle Kräfte in größeren Teams bündeln“, forderte Zeil. Bayerische Tourismuspolitik müsse von den zentralen Leitgedanken „Qualität und Wettbewerb“ bestimmt sein, nur so könne der Strukturwandel auch in diesem Bereich erfolgreich gestaltet werden.
Der Allgäuer Grünen-Abgeordnete im Landtag, Adi Sprinkart, kritisiert, dass das TKP die Umweltverträglichkeit weitgehend außer Acht lässt. „Auch dieses Jahr wird wieder Bergwald für neue Pisten und Beschneiungsanlagen gerodet“, sagt er zur Staatszeitung. Außerdem gebe es keine Anreize, mit der Bahn zum Urlauben nach Bayern zu fahren. „Wir werben mit Sonderangeboten für Flugreisen, damit die Besucher zu uns kommen, vernachlässigen aber die Bahnreisenden. Gerade in diesem Bereich haben wir im Allgäu in den vergangenen Jahren ein großes Minus gemacht.“
Doch Sprinkart will nicht nur meckern. Ausdrücklich lobt er das Ziel von Wirtschaftsminister Zeil, dass das Kirchturmdenken bei den Akteuren in der bayerischen Tourismusbranche überwunden werden muss.
SPD-Tourismussprecher Paul Wengert betont, dass Tourismus von Menschen gemacht wird. Deshalb sei es nicht nur wichtig, Gäste und Investoren wertzuschätzen, sondern auch die Beschäftigten in der Branche. „Das vermisse ich leider seitens der Staatsregierung, was vielleicht der Parteizugehörigkeit von Herrn Zeil geschuldet ist. Denn die FDP glaubt ja immer, dass dies der Wettbewerb regelt“, sagt Wengert zur Staatszeitung. Mit Hungerlöhnen sei kein Staat zu machen. Im Tourismus kommt es laut Wengert auf Qualitätssteigerung an, um die Wertschöpfung erhöhen zu können. Die Gäste würden nur länger an einem Ort bleiben und somit für höhere Renditen in Hotellerie und Gastronomie sorgen, wenn das dortige Personal aufmerksam und freundlich ist.
„Ein österreichischer Kellner genießt ein ganz anderes Ansehen als eine deutsche Bedienung.“ Das hänge auch wesentlich von den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung ab, die viele gut ausgebildete Beschäftigte veranlasse, ins Ausland zu gehen. Deshalb sei es halbherzig, wenn die Staatsregierung sich dazu auf die Feststellung beschränke, dass die Verantwortung für die Gestaltung eines attraktiven Arbeitsumfeldes und das Image der Tourismusberufe die Branche trage. „Das ist mir deutlich zu wenig; denkbar wäre an dieser Stelle die Förderung eines gezielten Coachings von Betriebsinhabern und Beschäftigten für ihre tägliche Arbeit“, so der tourismuspolitische Sprecher.
Wengert ist deshalb froh, dass Wirtschaftsminister Zeil den bayerischen Tourismustag 2011 unter das Motto „Tourismus wird von Menschen gemacht“ stellen will. Dies habe Zeil bei der Vorstellung des TKP im Ausschuss für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie im Landtag betont.
Außerdem müsse die Staatsregierung laut Wengert die Mobilität in den Tourismusorten fördern, damit mehr Gäste umweltverträglich mit der Bahn anreisen. „In der südtiroler Region um Meran gibt es ein Ortsbussystem, das man für 7 Euro sieben Tage lang nutzen kann. Das wird staatlich gefördert und sehr gut angenommen“, illustriert Wengert. Die Kommunen könnten so etwas finanziell nicht stemmen.
Auch beim Wagenmaterial der Bahn müsse die Staatsregieurung Druck machen. Denn es sei höchst unattraktiv für Gäste, im letzen Schrott herumfahren zu müssen.
Insgesamt weise das neue TKP aber in die richtige Richtung, so Wengert. (Ralph Schweinfurth)

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