Wirtschaft

Informierten sich beim Sprachgipfel (von links): die neue tschechische Generalkonsulin in München, Kristina Larischová, Professorin Andrea Klug, Präsidentin der OTH Amberg-Weiden, Bayerisch-Eisensteins Bürgermeister Bauer und Staatssekretär Bernd Sibler. (Foto: Bäumel-Schachtner)

13.10.2017

Gipfel der Sprachlosigkeit

Ostbayerns Grenzregionen kämpfen um bessere Verständigung mit den tschechischen Nachbarn

Rund 200 Vertreter von Bildungseinrichtungen, Wirtschaft, Kommunalpolitik und grenzüberschreitenden Projektgruppen aus Ostbayern, Niederösterreich und Südböhmen trafen letzte Woche in der „Arberhalle“ in Bayerisch Eisenstein zusammen, um einen Tag lang darüber zu beraten, wie man endlich 27 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs auch die Sprachbarrieren entlang der tschechischen Grenzen überwinden kann.

Wissenschaftsstaatssekretär Bernd Sibler (CSU) hatte gemeinsam mit dem Präsidenten der Europaregion Donau-Moldau (EDM), Olaf Heinrich (CSU) zu einem „Sprachgipfel“ eingeladen. Anstelle des etwas hochtrabenden Titels für die zweite Veranstaltung zu dieser Thematik hätte Sibler besser wählen können: „Gipfel des Versagens und der Ignoranz zwischen zwei benachbarten Ministerien“, wäre da nicht sein Ressortchef Kulturminister Ludwig Spähnle (CSU) dafür verantwortlich. Sibler nannte die inzwischen freundschaftliche Beziehung zur Tschechischen Republik „ein wertvolles Geschenk“ und auch eine dauerhafte interkulturelle Aufgabe“.

Mit großem Abstand der Wirtschaftspartner Nummer eins


Kristina Larischová, die neue tschechische Generalkonsolin in München, verwies in ihrem Grußwort in gutem Deutsch darauf, dass Deutschland für die tschechische Republik mit großem Abstand der Wirtschaftspartner Nummer eins sei und dabei Bayern wiederum an erster Stelle stehe. Solche Treffen seien „sehr willkommen“ sagte sie, weil sie dazu beitragen könnten, „dass wir nicht nur gute Nachbarn, sondern auch gute Freunde werden.“ Doch das „Klima des Miteinander“ ist zwar beiderseits gewünscht, wird den direkten Nachbarn an der Grenze aber vom Staat sehr schwer gemacht.

Bereits beim ersten sogenannten „Sprachgipfel“ vor fünf Jahren in Bad Kötzting wurde beklagt, dass die Regierungen in München und Prag nicht nur lange die Verkehrsinfrastruktur vernachlässigt, sondern auch immer noch kein Schulabkommen zustande gebracht haben. Es fehlen daher nach wie vor den Kindergärten und allen Schularten im Grenzgebiet gemeinsame Richtlinien für den Sprachunterricht über Wahl- und Pflichtfächer, Lehrerbildung und Lehrmaterial auf beiden Seiten. Alle Redebeiträge dieser Konferenz bestätigten die Aussage des Deutschen Botschafters in Prag,  Christoph Israng: „Die Sprache der Nachbarn ist nicht nur das Wichtigste für die Wirtschaft, sondern auch für das Alltagsleben entlang der Grenze.“

Je anspruchsvoller die Technik, desto anspruchsvoller die Sprache


Der Vizepräsident der IHK-Niederbayern, Franz-Xaver Birnbeck, stellte dazu nur bündig fest: „Ohne Sprachkompetenz keine grenzüberschreitende Wirtschaft!“ Diese werde zwar immer besser, aber: „Je anspruchsvoller das technische Niveau der Firmen ist, desto höher ist auch der Anspruch an sprachlicher Qualität.“ Birnbeck: „Der Fachkräftemangel zwingt ebenfalls zu mehr Sprachkompetenz, denn die Arbeit wird von Menschen gemacht.“ Dem fügte die Hauptreferentin, Professorin Andrea Klug, Präsidentin der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden, hinzu: „Die Sprache ist der Schlüssel zur Welt des Anderen.“

Trotz des fehlenden Schulabkommens gibt es auf ehrenamtlicher und großteils idealistischer Arbeitsbasis inzwischen laut Staatssekretär Sibler im Grenzgebiet rund 140 Schulpartnerschaften mit Auslandsaufenthalten von über 4000 Schülern, tschechische Sommerkurse für Lehrkräfte aus Bayern und Sprach-Initiativen der regionalen Wirtschaft. Nur im Hochschulbereich gebe es bereits ein Abkommen der Ministerien und daher auch eine erfolgreichere Bilanz: Neben Einzelkontakten von Professoren konnte Sibler über 90 offizielle Partnerschaftsverträge zwischen bayerischen und tschechischen Hochschulen vorweisen, sowie auf den Erwerb von Sprachzertifikaten.

Professorin Klug gab in ihrem Impulsvortrag einen Überblick über die dynamische Entwicklung der bestehenden wissenschaftlichen Einrichtungen und Kooperationsprojekte zur Verbesserung der Sprachkompetenz und Anwendung in der Wirtschaft. Das Bayerische Hochschulzentrum für Mittel-, Ost- und Südosteuropa an der Universität Regensburg unterstützt die Hochschulen beim Auf- und Ausbau von Forschungs-Netzwerken, sowie beim studentischen und akademischen Austausch der Partner.
Ansprechpartner für Kooperationen und Stipendien ist die Bayerisch-Tschechische Hochschulagentur. Auch das neue Sprachkompetenzzentrum in Freyung soll helfen, die Sprachbarrieren abzubauen. Professorin Klug zeigte Perspektiven auf, mit Hilfe von dafür vorgesehenen Fi-nanzmitteln der EU die heutige Bandbreite der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu erweitern. Sie betonte, dass die Förderung der Sprachkompetenz möglichst früh beginnen müsse: „Die Kenntnisse in Sprache und Landeskunde der Nachbarn sind nämlich wichtig, um der Abwanderung der Jugend und auch dem Fachkräftemangel grenzüberschreitend entgegenzuwirken.“

Wirtschaftsverbände stellten ihre Programme zur Sprachförderung vor


Dass die Nachbarn in den Grenzbezirken tun, was sie auf ihrer Ebene tun können, und dass es inzwischen eine ganze Menge an grenzüberschreitenden Kooperationen gibt, konnten die Teilneh-mer in der Halle an etwa 25 Informationsständen erfahren. Bildungseinrichtungen und Wirtschaftsverbände der EDM-Regionen stellten dort ihre Projekte und Programme zu Sprachförderung, außerschulischem Sport und in-terkulturellem Austausch vor. Mitarbeiterinnen von EDM und Euregio aus dem Europahaus in Freyung informierten ebenfalls über die vielen EU-Programme und den Wirrwarr der Fördertöpfe.

Den Menschen mit Neugier, Offenheit und Interesse begegnen


Damit man die Sprache nach dem Motto „Reden bringt d’Leut zamm“ auch anwendet, um Informationsangebote zu sichten, sich kennenzulernen und Adressen auszutauschen, hatte man für den Mittagsimbiss eine extra lange Pause eingeplant, die recht intensiv genutzt wurde. Heinrich: „Am besten lernt man eine Sprache, wenn man den Menschen mit Neugier, Offenheit und Interesse begegnet.“

Da die EDM für 2017 die Sprachoffensive als Leitthema hat, lud sie – nach erfolgreichem Schaukochen mit einem böhmischen Koch – zu einer weiteren Veranstaltung ein: Am 7. Novem-ber findet in Freistadt (Oberösterreich) ein Projektseminar für Lehrkräfte an weiterführenden Schulen statt für grenzüberschrei-tende Kooperationen, Stipendien und die Finanzierung von Kleinprojekten.

Weitere Erkenntnisse brachte die dann die von  Heinrich geleitete Podiumsdiskussion. So wird etwa in Niederösterreich einfaches Tschechisch bereits in den meisten Kindergärten des Grenzgebietes gelernt und Firmen zeigen dort bereits Grundschülern, wofür sie Tschechisch später brauchen können. Petr Bannert, der Vertreter des tschechischen Bildungsministeriums, berichtete: Seit in Tschechiens Oberschulen zwei Fremdsprachen verlangt werden, nämlich eine globale und eine Nachbar-Sprache, wird nach Englisch wieder häufiger Deutsch gewählt. Staatssekretär Sibler be-dauerte, dass auch in Ostbayern das Interesse an Tschechisch immer noch geringer sei als das in Tschechien das Interesse an Deutsch. Dafür hatte Generalkonsulin Larischová eine recht realistische Erklärung: „Da wir rund 10,5 Millionen Tschechen umkreist sind von rund 90 Millionen Deutschsprachigen, bleibt uns ja gar nichts anderes übrig.“
(Hannes Burger)

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