Wirtschaft

Die Turbinen in Gaskraftwerken könnten nach dem Atomkompromiss bald stillstehen. (Foto: N-Ergie)

29.10.2010

Langfristige Energiekonzepte untergraben

Atomkraftverlängerung macht hilflos: Verband Kommunaler Unternehmen hofft auf Verständnis bei Regierenden

Die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke stand im Mittelpunkt des Interesses, als sich die bayerischen Mitglieder des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU) letzte Woche in Nürnberg trafen. Bei der Jahrestagung der meist städtischen Energie-, Gas-, Wasser- oder Wärmeversorger war klar: Nicht alle sind begeistert davon, dass die Reaktoren im Land künftig länger am Netz bleiben sollen. Viele städtische Versorger würden lieber weiter in erneuerbare Energien investieren.

Für Kurt Mühlhäuser ist es „die ewig alte Leier: Es geht nur um billigen Strom.“ Dabei müsste es der Bundesregierung eigentlich um mehr gehen, vor allem um die Umwelt, philosophiert der Münchner Stadtwerke-Geschäftsführer und Vorsitzende der bayerischen VKU-Landesgruppe über Sinn und Unsinn des so genannten Energiekonzepts der schwarz-gelben Bundesregierung. Vor allem, weil sich „4,8 Milliarden nicht durch 300 Millionen Euro im Klimafonds wieder gutmachen lassen“, schwillt Kurt Mühlhäuser der Hals.
4,8 Milliarden Euro: Das ist der prognostizierte Mehrgewinn pro Jahr aus den durchschnittlich zwölf Jahre länger laufenden Atomkraftwerken (AKW). Den Gewinn dürfen die „Großen Vier“ der deutschen Stromerzeugung Vattenfall, Eon, EnBW und RWE zusätzlich kassieren. 300 Millionen Euro: So viel Atom-Geld soll künftig jährlich statt in den Bundeshaushalt in einen Klimafonds fließen. Und daraus sollen neue Stromerzeugungsanlagen aus Wind-, Sonnen- oder Biokraft unterstützt werden. Und weil „im Bayerischen Koalitionsvertrag das Augenmerk auf mittlere und kleinere EVU liegt“, macht Wirtschaftsstaatssekretärin Katja Hessel (FDP) den kommunalen Energielieferanten Hoffnung, aus diesem Topf etwas naschen zu können. „Wenn Investoren wissen, wohin, dann schafft das Energiesicherheit“, lobt Hessel das Bundes-Energiekonzept als „fast historischen Schritt“.
Die Gemeindewerksbosse empfinden das beinah als Hohn: „Die Versorgungswirtschaft ist grundsätzlich langfristig angelegt“, sagt ein Geschäftsführer aus Mittelfranken. Denn durch den Ausstieg aus dem Atomausstieg rechnen sich vor Jahresfrist getätigte Investitionen seines Unternehmens in nachhaltige Energieprojekte von einem Tag auf den anderen nicht mehr, klagt nicht nur dieser Stadtwerke-Boss der BSZ sein Leid.
Bestätigt sehen sich die VKU-Chefs durch Thomas Bruckner. Der Leipziger Professor mit Würzburger Wurzeln befasst sich mit Energiemanagement und Nachhaltigkeit. Weil der Atomdeal den Strompreis an der Leipziger EEX-Börse um 0,7 Cent pro kWh senke, würden bald auch CO2-sparende Gaskraftwerke zugunsten billiger produzierender, aber umweltbelastender Kohlemeiler abgeschaltet, erwartet Thomas Bruckner. Die Folge: ein negativer Effekt für die Umwelt.
Dabei sieht der Professor weltweit die Energieversorgung unaufhaltsam „auf dem Sprung ins dezentrale Zeitalter“. Auch wenn zurzeit in Deutschland „Klimaschutz und erneuerbare Energien im Gegenwind“ stehen. Gerade die Lobby der „alten“ Energiewirtschaft schaffe es immer wieder, Zweifel an der „wissenschaftlich bewiesenen Klimaveränderung“ zu schüren, und die Medien bauschen kleine Fehler bereitwillig zu großen Skandalen auf.
Als Beispiel nennt Thomas Bruckner die zu spät als falsch erkannten Zahlen zur Gletscherschmelze im Himalaya im mehrtausendseitigen Sachstandsbericht des Friedensnobelpreisträgers IPCC. Nun werde gleich der ganze, seit Jahrzehnten belegte Klimawandel infrage gestellt, ärgert sich Bruckner. Dabei sei der ganze Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change „Wort für Wort einstimmig von allen teilnehmenden Regierungen aus über 120 Nationen genehmigt worden.“ Und zuvor hätten 2500 Wissenschaftler bei ihrer Durchsicht den Rechenfehler ebenfalls nicht bemerkt.
Die PR-Künste der Atomlobby scheinen bei der Bundesregierung Wirkung zu zeigen. Denn eine Brückentechnologie wäre die Kernkraft ohnehin gewesen, dank von Rot-Grün vereinbartem Atomausstieg bis zum Jahr 2021. Nun sei die Atombrücke verlängert worden, und damit sinke der Anreiz, in nachhaltige Energiesysteme auf Wind- oder Sonnenbasis zu investieren, hat Prof. Bruckner in einer Studie für acht VKU-Mitglieder errechnet. Glaubt man Katja Hessel, dann hat zumindest „die FDP die VKU-Kritik ernst genommen“ – und damit auch Bruckners Zahlen. Denn immerhin nahm die Staatssekretärin einen ganzen Vormittag lang an der Tagung teil. Und VKU-Landesvorsitzender Mühlhäuser will gerade in Hessels Rede „einigen Hoffnungsschimmer für die Stadtwerke“ erkannt haben: „Man hat in der Staatsregierung inzwischen begriffen, dass die Energiepolitik von unseren Unternehmen mit beeinflusst werden kann.“
Vielleicht auch, weil die kommunalen Unternehmen noch einen großen Trumpf in der Hand halten. Mühlhäuser selbstbewusst: „Wer die lokalen Netze hat, kann auch Glasfaserkabel bauen.“ Die sind für die immer größeren Forderungen aus der Wirtschaft nach Internetanschlüssen mit hoher Kapazität unerlässlich. Als Entgegenkommen für diesen Datenleitungsausbau erhofft sich der Münchner Stadtwerkechef von den bayerischen Regierungsparteien, welche ja auch in Berlin mitregieren, „Wohlwollen bei der Revision des KWK-Gesetzes“.
Denn Strom- und Wärmeerzeugung in dezentralen Kraftwärmekopplungskraftwerken ist nicht nur für Stadtwerke in Bayern die Art der Energieversorgung, bei der sie am leichtesten mitmischen können. Aber von KWK ist im Energiekonzept der Bundesregierung nicht die Rede: Dort steht die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke im Mittelpunkt.
(Heinz Wraneschitz)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 49 (2016)

Braucht es ein Gesetz zur Zwangsschlichtung von Tarifkonflikten bei Streik?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 9. Dezember 2016 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Michael Fuchs, Vize-Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag

(JA)


Matthias Jena, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Bayern

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2016

Nächster Erscheinungstermin:
25. November 2016

Weitere Infos unter Tel. 089/290142-65 oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download (PDF, 27 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen
Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.