Wirtschaft

09.03.2012

Minister Söder will den Kapitalismus zähmen

Neuer Gesprächskreis "Fair Finance" gestartet

Wer die Augen geschlossen hatte, konnte meinen, da sprächen Oscar Lafontaine oder Gregor Gysi von der Linkspartei im Konferenzraum des bayerischen Finanzministers – es war aber Hausherr Markus Söder (CSU). Dessen Rhetorik klang, wenn auch moderat im Ton, nicht weniger kapitalismuskritisch: „Die Märkte sind für die Menschen da, nicht umgedreht. Es muss Schluss sein mit dem angelsächsischen Casinokapitalismus. Wir brauchen mehr Regulation, mehr Aufsicht für die Banken.“
Hatte sein Vorgänger noch still, effizient und etwas bieder einfach nur seinen Job als bayerischer Kassenwart erledigt, so geht es bei Söder – wie schon zuvor im Umweltressort – nicht ohne den ganz großen Wurf. Fest steht: Der Mann hat ein untrügliches Gespür, was populistisch gerade en vogue ist und schert sich dabei wenig, ob das mit dem klassischen parteipolitischen Portfolio kompatibel ist.
Söder initiierte einen neuen Gesprächskreis „Fair Finance“. Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft sollen in regelmäßigen Treffen Strategien erarbeiten, wie der Entartung der Finanzmärkte engegen gewirkt werden kann. Der Minister ist überzeugt, dass die Entwicklung auf den Finanzmärkten Regeln mit ethischen Maßstäben erfordern. So müsse man beispielsweise neu definieren, was etwa Spekulationsobjekte seien. „Es kann nicht sein, dass man mit Lebensmitteln spekuliert und damit Hunger erzeugt.“
An seiner Seite trat Heinrich Bedford-Strohm auf, seit gut 100 Tagen Bayerns neuer evangelischer Landesbischof. Das ist ein deutliches Zeichen der Gewichtung, wessen Gedankengut der Gesprächskreise langfristig am ehesten transportieren soll, denn als Teilnehmer der Runde nannte Söder ja auch das Wirtschaftsforschungsinstitut ifo, die Industrie- und Handelskammern, die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft und mehrere Banken und Sparkassen. Der Geistliche, der obendrein noch SPD-Mitglied ist, mit dem Glaubenssatz: „Das Dogma der Liberalisierung ist in sich zusammengebrochen.“
Manager hätten ethische Spielräume bei ihrem Handeln, genau wie die Konsumenten. Und auch Unternehmen könnten bei ihren Aktivitäten berücksichtigen, ob sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Das sozioökonomische Engagement des Bischofs in allen Ehren, doch ist die Hauptaufgabe eines Geistlichen dann doch eher die Seelsorge. Aber Bedford-Strohm, der einst mit der Arbeit „Vorrang für die Armen. Auf dem Weg zu einer theologischen Theorie der Gerechtigkeit“ promovierte, sieht den politischen Kampf und die Verkündung von biblischen Botschaften als untrennbare Einheit: „Wenn ich eine Mutter tröste, die verzweifelt ist, weil ihr Sohn keine Lehrstelle findet, dann mache ich mir nach dem seelsorgerischen Gespräch natürlich Gedanken, warum wir in einer Welt leben, in der dies so ist.“ Jetzt kommt es darauf an, eine Moralisierung der Finanzwirtschaft auch gesetzlich mit Leben zu füllen. So ist der Finanzminister überzeugt, die Finanztransaktionssteuer durchzusetzen. (André Paul)

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Kommentare (1)

  1. william am 12.03.2012
    Ist das ein Zeitungsbericht oder ein Kommentar? Ich finde keine Markierung, die den Text als Meinung kennzeichnet.

    Der Autor scheint eine etwas krude Vorstellung von Theologie und Religion zu haben: "Das sozioökonomische Engagement des Bischofs in allen Ehren, doch ist die Hauptaufgabe eines Geistlichen dann doch eher die Seelsorge." Woher kommt denn diese Erkenntnis bitte? Und soll das ein Argument sein? Eine Begründung für diese Behauptung fehlt im Artikel nämlich. Mein Eindruck: Der Autor scheint unterlassene Hilfeleistung mit der Aufgabe eines Geistlichen zu verwechseln.

    Wie scheinheilig wäre es, die Menschen nur zu trösten und dann nicht mithelfen, das, was den Schmerz hervorruft, auch zu verändern? Ein Pfarrer und Bischof kennt als Seelsorger die Sorgen und Nöte der Menschen. Das gibt ihm oder ihr moralische Autorität und stattet ihn oder sie mit der notwendigen fachlichen Validität aus. Sogenannte Experten, für die sich auch viele Journalisten halten, geht diese direkte Beziehung zu den Konsequenzen an der Basis meist ab.

    Zu allem Überfluss schreibt der Autor auch noch vom "Geistliche[n], der obendrein noch SPD-Mitglied ist" als sei es ein moralisches Übel nicht in der Partei zu sein, die die politische Meinung des Autors zum Parteiprogramm macht. Der Autor verschweigt zudem, dass der Bischof in der Süddeutschen einen Tag nach seiner Wahl erklärt hat, seine Mitgliedschaft ruhen zu lassen.

    Hat da jemand Angst?

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