Wirtschaft

Das Lebensmittelhandwerk sucht dringend Fachpersonal. (Foto: Bilderbox)

28.01.2011

Traublinger beklagt Fachkräftemangel

Aufschwung im Handwerk setzt sich im 4. Quartal 2010 fort

Auch im Handwerk – über alle Branchen hinweg – setzt sich nach den Worten von Heinrich Traublinger, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern und des Bayerischen Handwerkstages (BHT), der wirtschaftliche Aufschwung fort. Insgesamt stellten im 4. Quartal 2010 81 Prozent der befragten Handwerksunternehmer in München und Oberbayern ihrer aktuellen Geschäftslage ein gutes oder befriedigendes Zeugnis aus. Der Vergleich mit dem Vorjahresquartal (76 Prozent) und dem 5-Jahresdurchschnitt (71 Prozent) belegt die insgesamt freundliche Stimmung.


Dioxin-Skandal ist kein Handwerker-Skandal


Nochmals verbessert hat sich laut Traublinger die Lage im Lebensmittelhandwerk. Bäcker, Metzger und Konditoren seien insbesondere auch Nutznießer veränderter Verbrauchergewohnheiten. So wachse beispielsweise der Wunsch nach „werthaltigem Konsum“ und nach Bequemlichkeit beim Einkauf. Das Handwerk komme dem mit seiner frischen Ware und seiner Verankerung in den Wohngebieten entgegen. Der derzeitige Dioxin-Skandal ist laut Traublinger kein Handwerker-Skandal, denn der Lebensmittelhandwerker „weiß nämlich genau, wo seine Rohstoffe herkommen“.
Die Kapazitäten der Betriebe im Kammerbezirk waren im 4. Quartal 2010 mit durchschnittlich 78 Prozent etwas stärker ausgelastet als im Vergleichsquartal des Vorjahres (76 Prozent). Jeder dritte Handwerksbetrieb arbeitete mit 90 bis 100 Prozent Auslastung, „also sprichwörtlich unter Volldampf“, so der Kammerpräsident. Am höchsten war die Betriebsauslastung im Ausbaugewerbe (83 Prozent). „Grund dafür ist neben den geförderten kommunalen Sanierungsprojekten der nachhaltige Aufwärtstrend im privaten Wohnungsbau.“
Wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für die LBS Bausparkassen ermittelt hat, wollen 16 Prozent der bayerischen Eigenheimbesitzer in den nächsten drei Jahren insgesamt 31 Milliarden Euro in die eigenen vier Wände investieren – vor allem in Energiesparmaßnahmen. Das Bau- und Ausbauhandwerk dürfte laut Kammerpräsident Traublinger davon überdurchschnittlich profitieren.
Die Nachfrage nach handwerklichen Gütern und Dienstleistungen legte im 4. Quartal 2010 bei 24 Prozent der Befragten zu, 47 Prozent bemerkten keine Veränderung. Erwartungsgemäß abgenommen hat dagegen das Auftragspolster. Zum Jahresende 2010 reichte es für die nächsten 5,6 Wochen, nach 6,4 Wochen im Vorquartal. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ergibt sich aber immer noch ein Zuwachs um 0,4 Wochen.
Im 4. Quartal 2010 erzielten 28 Prozent der Betriebe im Münchner und oberbayerischen Handwerk steigende und 48 Prozent stagnierende Einnahmen. Der Umsatz im Berichtszeitraum beträgt nach ersten Schätzungen rund 9 Milliarden Euro, ein Plus von nominal 3,7 Prozent im Vorjahresvergleich. Für das Gesamtjahr 2010 ergibt sich ein Umsatzvolumen von rund 30,3 Milliarden Euro und damit ein Zuwachs von nominal 2,2 Prozent. Abzüglich der Preissteigerung verbleibt ein reales Plus von 1,7 Prozent. „Trotz dieses erfreulichen Ergebnisses muss bedacht werden“, so Traublinger, „dass damit noch nicht einmal die Hälfte der von der Wirtschaftskrise verursachten Einbußen aufgeholt werden konnte.“
2009 mussten die Betriebe im Kammerbezirk ein Minus von nominal gut 4 Prozent verbuchen. „Die Jahresbilanz würde deutlich besser ausfallen, wäre der Wintereinbruch nicht so früh und so heftig erfolgt. Außerdem fehlt uns im Vergleich zur Gesamtwirtschaft weitgehend die Konjunktur-Lokomotive Export“, betonte der Kammerpräsident.
Insgesamt zeige sich das Münchner und oberbayerische Handwerk für den Jahresbeginn 2011 zuversichtlich. 78 Prozent würden in den nächsten Monaten gute oder befriedigende Geschäfte erwarten, sieben Punkte mehr als noch vor Jahresfrist. Auch der Auftragseingang deutet auf eine Fortsetzung des Aufschwungs hin: 78 Prozent der Betriebe erwarten eine zumindest stabile Nachfrage, so Traublinger. Vor einem Jahr hatten nur 66 Prozent damit gerechnet. „Für das Jahr 2011 rechnen wir beim Umsatz für das Münchner und oberbayerische Handwerk mit einem Plus von nominal zwei Prozent. Die Beschäftigung dürfte im Jahresdurchschnitt um rund 0,5 Prozent zunehmen.“


Entwicklungsmöglichkeiten werden behindert


Wie eine Sonderumfrage der Kammer ergab, herrscht im Münchner und oberbayerischen Handwerk bereits Fachkräftemangel. Zwar nicht flächendeckend, aber er nimmt zu. Demnach sind lediglich 40 Prozent der Betriebe optimal besetzt. 37 Prozent kommen zwar mit ihrem Personalbestand zurecht, würden aber gerne noch zusätzlich einstellen, berichtete der Kammerpräsident. Über gravierende Probleme würden fast ein Viertel der befragten Betriebe klagen. Bei 23 Prozent hemme der Fachkräftemangel die Entwicklungsmöglichkeiten des Unternehmens bereits massiv.
Hochgerechnet auf die zulassungspflichtigen und die zulassungsfreien Handwerksberufe ergibt sich laut Traublinger ein Fachkräftebedarf in mindestens 12.400 Betrieben. „Selbst wenn jedes dieser Unternehmen nur eine offene Stelle hätte, wären demnach im Münchner und oberbayerischen Handwerk 12.400 Arbeitsplätze für qualifiziertes Personal unbesetzt. Unsere Statistiker haben errechnet, dass den Betrieben im Kammerbezirk dadurch Umsätze von nahezu 1,3 Milliarden Euro pro Jahr entgehen.“ Bei einer ähnlichen Befragung im Juni 2007 meldeten die Unternehmer einen Bedarf von 8000 Fachkräften. Traublinger machte aber auch deutlich, dass nicht Arbeits-, sondern Fachkräfte gesucht werden.
Zulieferer und gewerbliche Dienstleister hätten die meisten Probleme, so der Kammerpräsident. Aber auch Kfz-Betriebe und das Ausbaugewerbe würden überdurchschnittlich oft klagen. Das Lebensmittelhandwerk zum Beispiel müsse sich schon seit vielen Jahren mit einem Mangel an Berufsnachwuchs arrangieren. 71 Prozent der Bäcker, Metzger und Konditoren würden gerne jemanden einstellen.
(Friedrich H. Hettler)

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