Wirtschaft

Ministerpräsident Horst Seehofer lässt sich die Funktionsweise des neuen Wunsiedeler Pelletwerks mit Biomasse-Heizkraftwerk erklären. (Foto: Schweinfurth)

09.03.2012

Wertschöpfung in der Region generieren

Der Landkreis Wunsiedel will mit Bioenergie punkten

Der mit permanentem Strukturwandel kämpfende Landkreis Wunsiedel könnte bald zu den Gewinnern in Bayern zählen. Denn erstens hat jetzt Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bei seinem Besuch in Bad Alexandersbad, Wunsiedel und Selb seine Unterstützung für die einstige Industrieregion zugesagt und zweitens hat er das neue Wunsiedeler Pelletwerk mit BiomasseHeizkraftwerk eingeweiht.
Letzteres soll neues Herzstück für eine neue Wertschöpfung in der Region werden. Insgesamt hat die neu gegründete WUN-Bioenergie GmbH rund 13 Millionen Euro in das neue Werk investiert. Hierin wird ausschließlich Fichtelgebirgsholz als Rohstoff verwendet. Dabei handelt es sich nicht um Stammholz, sondern um die Teile eines Baums, die zum Beispiel nicht als Bauholz verwendet werden können: Äste, Baumkronen und Ähnliches.
In dem neuen Biomasseheizkraftwerk im Wunsiedeler Ortsteil Holenbrunn sollen jährlich 14.000 Tonnen Holzhackschnitzel (das entspricht etwa 1000 großen Lastwagen) verarbeitet werden, erläutert Marco Krasser, Geschäftsführer der Stadtwerke SWW Wunsiedel. Daraus würden rund 6 Millionen Kilowattstunden Strom und etwa 16 Millionen Kilowattstunden Wärme entstehen. Der Strom wird ins Netz der SWW Wunsiedel eingespeist und deckt rein rechnerisch den Bedarf von 2000 Durchschnittshaushalten.
Mit Hilfe der anfallenden Wärme sollen aus den Holzspänen Pellets hergestellt werden, die wiederum zirka 5000 Haushalte mit Wärme versorgen würden. Mit dem Bau von zentralen Heizanlagen inklusive angeschlossenem Nahwärmenetz, der so genannten Dorfheizung, sollen möglichst viele Gemeinden im Landkreis von dem neuen Energiekonzept profitieren. In Breitenbrunn steht bereits die erste „Dorfheizung“. Im Zuge der Arbeiten für die Nahwärmenetze sollen auch gleich Glasfaserkabel für das schnelle Internet mit verlegt werden. Denn so spare man Zeit und Kosten. Und Highspeed-Internetzugänge seien gerade für die ländlichen Räume entscheidend, um wettbewerbsfähig sein zu können.
„Wie viele Landkreise in Bayern will auch der Landkreis Wunsiedel energieautark werden“, stellte Ministerpräsident Seehofer bei seinem Besuch fest. Und er ergänzt lobend: „Wunsiedel ist unserer Zeit voraus, weil das Projekt schon vor Fukushima, also vor der Energiewende, begonnen wurde.“
Durch dieses neue Energiekonzept im Landkreis Wunsiedel kann laut Wunsiedels Bürgermeister Karl-Willi Beck (CSU) eine regionale Wertschöpfung bezogen auf den Rohölpreis von etwa 11 Millionen Euro pro Jahr generiert werden. Diese Summe verbleibe in der Region und könne für zusätzliche Kaufkraft sorgen.
In Oberfranken gibt es pro Jahr einen Holzzuwachs von etwa 2,3 Millionen Tonnen. Der Bedarf des neuen Wunsiedeler Biomasseheizkraftwerks daran liegt gerade einmal bei 0,7 Prozent. Das Einzugsgebiet für das Holz liegt in einem Radius von etwa 50 Kilometern um Wunsiedel. Und das Besondere an der neuen Anlage ist, dass die zu verfeuernden Holzreste nicht komplett trocken sein müssen.
Doch innovativ ist man im Landkreis Wunsiedel nicht nur hinsichtlich der Energieerzeugung. Auch der Freistaat sorgt dafür, das Landrat Karl Döhler (CSU) verkünden kann: „Wir sind durchs Tal hindurch. Die Zeit des Selbstmitleids ist vorbei.“ Döhler ist froh, dass das Finanzdatenzentrum Bayern nach Wunsiedel gekommen ist. 40 neue Arbeitsplätze sind bisher entstanden. Noch in diesem Jahr soll es auf die anvisierten 70 anwachsen. Und Seehofer meint: „Wenn es noch ein wenig mehr werden, haben sie sicher nichts dagegen.“
Auch in einer anderen technischen Disziplin, die durch das seit 130 Jahren bestehende Unternehmen Netzsch aus Selb repräsentiert wird, soll es zu Innovationen kommen. Ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für das Dispergieren wird angestrebt. Beim Dispergieren geht es um das Vermischen von Stoffen, die sich eigentlich nicht vermischen lassen.
Trotz all dieser positiven Anstöße hat der Landkreis, der laut Landrat Döhler allein von 1995 bis 2005 rund 12.000 Arbeitsplätze und etwa 20.000 Einwohner verloren hat, weiter mit Problemen zu kämpfen. Für die kommenden Jahre ist erneut ein Bevölkerungsverlust von über 21 Prozent prognostiziert. Und mit den abwandernden Menschen verwinden auch nach und nach die Infrastruktureinrichtungen. So seien derzeit trotz intensivsten Bemühungen für sechs Vertragsarztsitze keine Nachfolger zu gewinnen.
Ministerpräsident Seehofer kennt all diese Probleme und hat darum den Landrat, den Regierungspräsidenten Oberfrankens, Wilhelm Wenning, und die Bürgermeister des Landkreises zu einem „runden Tisch“ ins Finanzministerium nach München eingeladen. Dort sollen gemeinsam mit den Fachleuten Lösungen gefunden werden, wie der kommunale Finanzausgleich künftig so gestaltet werden kann, dass Problemregionen wirkungsvoll geholfen werden kann. Denn gerade mit Blick auf den demografischen Wandel haben diese Regionen nur eine Chance, wenn sie für die dort lebenden Menschen nach wie vor lebenswert sind.
Ideen für die Attraktivitätssteigerung des Landkreises Wunsiedel gibt es viele. Sie reichen von einer Künstlerkolonie, die den Tourismus via Mitmachprogrammen beflügeln soll, über die Etablierung einer Modellregion für die Energiewende, der Heraufstufung des Porzellanikons zum bayerischen Landesmuseum bis hin zu Schaffung einer eigenen Abteilung „Invest in Frankonia“ in der Stabstelle „Invest in Bavaria“ des bayerischen Wirtschaftsministeriums. Letzteres sollte sich speziell auf Franken konzentrieren, damit sich Firmen im nordbayerischen Raum niederlassen, so der Vorschlag von Thiersheims Bürgermeister Bernd Hofmann (Aktive Liste). Er sieht bei „Invest in Bavaria“ nämlich das Defizit, dass die dahinterstehende Beamtenschaft nur den Großraum München propagiere.
Selbs Oberbürgermeister Wolfgang Kreil (CSU) moniert, dass von 100 Prozent Gewerbesteuereinnahmen nur 16 Prozent bei der jeweiligen Kommune bleiben. Das ist zu wenig, um beispielsweise alte Fabrikgebäude wiederzubeleben bzw. abzureißen.
Doch auch immaterielle Unterstützung benötige der Landkreis. So fordert Ferdinand Reb von der Tourismuszentrale Fichtelgebirge den Ministerpräsidenten auf, bei jeder Gelegenheit auf die Region hinzuweisen. Das sei ganz leicht, da in Deutschland 80 Prozent des Tischporzellans der Hotellerie und Gastronomie aus dem Landkreis komme. „Sie müssen nur bei jedem Meeting in Berlin oder anderswo die Kaffeetasse umdrehen und sagen: Seht her, das kommt aus dem bayerischen Landkreis Wunsiedel.“ Dies zu tun versprach Seehofer sofort: „Da bin ich gern der Werbeträger Ministerpräsident.“ (Ralph Schweinfurth)

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