Wirtschaft

Komparsen beim Check-in am neuen Großflughafen Berlin-Brandenburg. (Foto: Dieter Priglmeir)

18.05.2012

Wie man Flughäfen in Betrieb nimmt

Die Flughafen München GmbH bietet seit Jahren Consulting-Dienstleistungen für andere Airports

Die Panne mit dem neuen Berliner Großflughafen zeigt, wie wichtig eine gute Vorbereitung einer Flughafeninbetriebnahme ist. Jetzt kommen neben dem enormen Imageschaden auf die Betreibergesellschaft hohe Schadenersatzforderungen zu. Doch Berlin-Brandenburg ist nicht der einzige Airport, an dem so einige schief ging, bevor er richtig rund laufen konnte. Das neue Terminal 5 des Londoner Airports Heathrow zum Beispiel machte auch Schlagzeilen. So kamen dort am ersten Arbeitstag die Mitarbeiter nicht zu ihren Arbeitsplätzen, weil schlicht verschlafen wurde, die Mitarbeiterausweise in der Software freizuschalten. In Denver zerstörte 1992 am ersten Tag der Inbetriebnahme des neuen Flughafens die Gepäcksortieranlage sämtlich Koffer. Und in Delhi gingen die Mitarbeiter auf die Barrikaden, weil ihnen niemand sagte, wo sie im neuen Flughafen etwas zu essen bekommen.


Fehlleistungen vermeiden

Damit derartige Fehlleistungen nicht passieren, bietet die Flughafen München GmbH (FMG) schon seit Jahren Consulting-Dienstleistungen an. Probebetrieb und Inbetriebnahmeunterstützung gehören zu den Services, die die FMG weltweit offeriert, ohne dass davon die Öffentlichkeit viel mitbekommt. Im Team von Ralf Gaffal mit drei Mitarbeitern in München und 50 Mitarbeitern an den jeweiligen Airports hat bereits 20 Projekte betreut. Darunter befinden sich so klingende Namen wie New Doha International Airport (Katar), Bahrain International Airport (Bahrain), Durban International Airport (Südafrika), Changi Airport (Singapur), Moskau Sheremetyevo Airport (Russland), Delhi International Airport (Indien), Abu Dhabi International Airport (vereinigte Arabische Emirate), New Hyderabad International Airport (Indien), Kuala Lumpur International Airport (Malaysien) oder der Suvarnabhumi Airport Bangkok (Thailand). Aber auch an den Flughäfen von Barcelona, Madrid, Wien, Athen, Düsseldorf und dem neuen Pannenairport Berlin-Brandenburg war die FMG aktiv. „Wir bleiben mit unserer Mannschaft allerdings vor Ort und werden – sobald ein neuer Eröffnungstermin feststeht – wieder mit dem Probebetrieb weitermachen. Wir gehen davon aus, dass sich am grundsätzlichen Konzept unseres Probebetriebs und den Inbetriebnahmemaßnahmen nichts Großes ändern wird.“
An den so genannten Probebetriebstagen sind laut Gaffal zwischen einigen hundert und bis zu 1000 Komparsen im Einsatz. Mit Bauhelmen und Koffern versehen spielen sie sämtliche Stationen in der Abfertigung von ankommenden und abfliegenden Fluggästen durch. „Die steigen dann auf dem Vorfeld in VW-Busse, die die Flieger simulieren“, so der FMG-Manager. Ziel dieser Probebetriebe ist es, möglichst viele Szenarien durchzuspielen, um alle nur erdenklichen potenziellen Fehlerquellen auszuschalten. Vom Ausfall des Gepäcktransportsystems über Herzattacken bis hin zu Bränden werden alle möglichen Notlagen geprobt, um für den Ernstfall entsprechend reagieren zu können.
Der Umzug vom Berliner Flughafen Tegel zum neuen Airport Berlin-Brandenburg hätte in sechs bis acht Stunden rund 600 LKW-Fahrten stattfinden sollen. Das gesamte Umzugsvolumen entspricht etwa 647 000 Umzugskartons die übereinandergestapelt eine Höhe von 230 Kilometer ergäben. „Seit wir 1992 über Nacht von Riem ins Erdinger Moos umgezogen sind, haben wir da eine gewisse Expertise, die auch weltweit bekannt ist“, sagt Gaffal. Und obwohl für so einen Auftrag die FMG immer auch eine Ausschreibung gewinnen muss, ist die Konkurrenz in diesem Consultingsegment eher überschaubar. Neben der Frankfurter Flughafenbetriebsgesellschaft Fraport sind laut Gaffal nur noch die Pariser Flughäfen und das französische Ingenieurunternehmen Arup in diesem Markt tätig.


Beteiligungsmanagement


Da tummeln sich in einem anderen Feld, in dem die FMG künftig Fuß fassen will, schon mehrere Player: dem Beteiligungsmanagement. Die FMG will ihre Geschäftsgrundlage breiter aufstellen und sich deshalb langfristig auch an anderen Flughafengesellschaften beteiligen, um auf diese Weise die eigene Bilanz zu verbessern. „Fraport zum Beispiel erwirtschaftet so pro Jahr in etwa 400 Millionen Euro über Beteiligungen“, illustriert Gaffal, während die FMG mit ihrem Beratungsgeschäft derzeit zirka 10 Millionen Euro pro Jahr erwirtschaftet. Welche Größenordnung die FMG anstrebt, kann er noch nicht sagen. Denn erst einmal müssen die FMG-Gesellschafter Bund, Freistaat Bayern und Stadt München grünes Licht geben. Und vor dem Hintergrund der negativen Ereignisse bei Auslandsengagements der Bayerischen Landesbank ist man seitens des Freistaats eher zurückhaltend, was die Beteiligungsphantasien der FMG angeht.
Allerdings sind derartige Beteiligungen nichts Ungewöhnliches. Denn neben Frankfurt sind es die Flughafenbetreiber von Zürich, Wien, Istanbul, Seoul, Singapur und anderen Airports, die im Beteiligungsgeschäft unterwegs sind. „Weltweit sind es etwa 15 namhafte Airportoperators“, verdeutlicht Gaffal. Insofern wüsste sich der Freistaat mit der FMG in guter Gesellschaft und könnte auch seine eigene Einnahmesituation verbessern. (Ralph Schweinfurth)

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