Wirtschaft

Peter Sperber, Vizepräsident der Hochschule Deggendorf, zeigt auf dem Technologiecampus Teisnach (Landkreis Regen) das Aufladen eines Elektromobils an einer Ladestation. Bis zum Jahr 2014, so der Plan, soll für Urlauber und Privatleute zwischen Straubing und Passau eine Mietwagenflotte mit 100 Elektroautos bereitstehen, in allen größeren Ortschaften zwischen Donautal und Arbergipfel wird es Ladestationen für die Fahrzeuge geben. (Foto: dapd)

25.02.2011

Zukunftsrat weckt den Bayerwald auf

Die Donaustädte Straubing, Deggendorf und Passau sollten eine Leistungsachse bilden

 

Der Zukunftsrat hat unerwartet ein „Zukunftsrad“ in Gang gesetzt. Es dreht sich aus der Windkraft aufgeblasener Empörung im äußerst vielfältigen „ländlichen Raum“. Mit unterschiedlicher Betroffenheit und Aufregung sieht man sich hier in seiner Entwicklung bedroht und dort gegenüber Metropolregionen mit staatlicher Förderung benachteiligt.

Viele Politiker haben den Bericht des Zukunftsrates nicht gelesen oder nicht verstanden, aber die Chance zur Profilierung gern genutzt. Beim „Ostbayern-Stammtisch“ der Passauer Neuen Presse traten in der vergangenen Woche über 100 politische Mandatsträger der Region wie auf dem Laufsteg der Eitelkeiten auf. Abgeordnete, Landräte, Bürgermeister aus allen Parteien griffen über vier Stunden lang den zur Diskussion angereisten Ministerpräsidenten Seehofer an, als hätte der Zukunftsrat der Regierung nicht nur Empfehlungen gegeben, sondern gleich Gesetze erlassen. Ein zorniger Erwin Huber warf Seehofer alles vor, was er selbst in gut 20 Jahren in Parteiführung und Staatsregierung versäumt oder nicht durchgesetzt hat.
Nachdem sich die größte Aufregung in Niederbayern gelegt hat, auch Oberfranken und die Oberpfalz beruhigt wurden, wird das Thema in Bezirks-, Unterbezirks-, Kreis- und Ortsverbänden auf kleinerer Flamme weitergekocht. In Grafenau zum Beispiel haben sich Freie Wähler im Nebenzimmer vom Gasthaus „Knödelweber“ getroffen. Dort forderte der Abgeordnete Muthmann: „Ein Entwicklungskonzept muss aus der Region selbst kommen!“ Warum er dann in sechs Jahren als Landrat hier kein Konzept vorlegte, hat er nicht erklärt. Sicher konnte er nur sagen, dass die vorerst 10 Millionen Euro für das auch nicht von ihm erfundene E-Wald-Projekt in der Region zu wenig sind: 40 müssen es sein!
Bis Sommer wollen nun die CSU-Vorstände dieser drei Bezirke ein eigenes Gutachten als „Zukunftsrat ländlicher Raum“ vorlegen, obwohl deren Regionen nicht vergleichbar sind. Die neun Landkreise Niederbayerns zum Beispiel wollen dazu eigene Beiträge über Zukunftschancen und Leistungszentren einbringen. Auch einige Verbände sowie private Gruppierungen sind eifrig dabei, an eigenen Konzepten zu basteln. Vom Zukunftsrat aufgerüttelt klinken sie sich aus dem ewigen Jammern aus und arbeiten voll trotziger Kreativität an dem, was ihre Politiker seit der Besiedelung des Bayerwaldes vor 1000 Jahren nicht geschafft haben: ein Gesamtkonzept für die Entwicklung der Region zwischen Inn, Donau und Böhmerwald-Grenze im Dreiländereck zu Oberösterreich und Südböhmen.
Im Gegensatz zu Landräten und Oberbürgermeistern scheinen sich private „Konzept-Bastler“ einig zu sein, dass ein Landkreis keine Region und eine kreisfreie Stadt noch kein Leistungszentrum ist. Für sie beginnt „grenzüberschreitende Zusammenarbeit“ vor der Haustüre und über die Kirchtürme hinweg. Ein Beispiel für solche Privatinitiativen gibt es in Freyung-Grafenau. Eine Gruppe politisch unabhängiger Unternehmer, Selbstständiger und Manager hat sich als spontane Reaktion auf den Zukunftsrat zusammengesetzt und arbeitet an einem großräumigen Konzept. Ausgangsposition dieser Gruppe ist, dass die Bezirkshauptstadt Landshut einschließlich der Landkreise Landshut und Dingolfing-Landau stärker nach Westen hin Richtung Großraum München ausgerichtet ist. Somit wirkt Landshut über seine Verwaltungsfunktion hinaus noch nicht als Leistungszentrum für das östliche Niederbayern. Stadt und Landkreis Kehlheim gehören zum Einzugsgebiet der Großstadt Regensburg, die einschließlich ihrer Universität aber für ihre Region nichts leistet.
Die Donaustädte Straubing, Deggendorf und Passau sind laut „Grafenauer Impulse“ einzeln auch samt Landkreisen keine Leistungszentren, die wirtschaftlich in die Landkreise Pfarrkirchen, Regen und Freyung-Grafenau ausstrahlen. Das ließe sich aber ändern: „Gemeinsam könnten die Donaustädte mit abgestimmten Schwerpunkten in ihren Häfen und Hochschulen eine Leistungsachse bilden, von der das östliche Niederbayern und der Bayerwald profitieren kann“, heißt es im Entwurf. Dies würde aber erfordern, „dass diese drei Städte sich stärker öffnen und ihr Umland nach dem Vorbild der Fachhochschule Deggendorf besser einbinden.“ Die Dreiländer-Region zwischen Inn, Donau und Moldau könnte laut „Grafenauer Impulse“ viel enger mit Oberösterreich und Tschechien zusammenarbeiten, „wenn sie nicht von fehlender Infrastruktur behindert wäre, weil die drei Donaustädte das ‚Tor zum Osten’ nicht wirklich interessiert und die Stadt Passau fast jede Entwicklung blockiert.“
Ein anderes Beispiel für Initiativen außerhalb der Politik liefert der „Rotary Club Bayerwald-Zwiesel“. Vizepräsident Karl Rabl stellte diese Woche sein Konzept mit den Worten vor: „Unsere Devise heißt nicht jammern, sondern handeln. Und unser Zukunfts-Rat lautet: TechnologieRegion Bayerischer Wald.“ Der Club konzentriert sich auf Unterstützung des Konzepts der FH Deggendorf mit Außenstellen für Technologietransfer im Grenzland. Seit Längerem befasst sich der Club mit der Zukunftsfähigkeit der Region und der Frage, wie man auf den demografischen Wandel reagieren könnte. Das Konzept sei noch nicht ausgereift, meinte Rabl, aber er wolle es in die öffentliche Diskussion bringen, um zu zeigen, „wie wir Waldler unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen können.“ (Hannes Burger)

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