Bauen

Auf einer ehemaligen Brachfläche nahe der Ortsmitte von Marktleuthen entstand eine Freizeitanlage mit einem Pavillon. (Foto: Marion Schlichtiger)

09.03.2012

Gemeinsam sind sie stärker

Neun Kommunen im nördlichen Fichtelgebirge wollen zusammenarbeiten, um Tourismus und Handel voranzubringen

Das Bund-Länder-Programm „Stadtumbau West“ hatte 2005 die neun Kommunen des „Nördlichen Fichtelgebirges“ als Verbund aufgenommen. Die Gemeinden Markt Oberkotzau, Röslau, Markt Sparneck und Markt Zell i. Fichtelgebirge sowie die Städte Kirchenlamitz, Marktleuthen, Schönwald, Schwarzenbach a.d. Saale und Weißenstadt bieten dabei eine repräsentative Zusammensetzung aus Gemeinden, Marktgemeinden und Kleinstädten in ländlichen Regionen.
Das Interkommunale Entwicklungskonzept (IEK) für ein Siedlungsgebiet von rund 35 000 Einwohnern ist bald sechs Jahre alt und hat die Verantwortlichen schon lange in die Phase der Umsetzung entlassen. Die Ideensammlung des IEK erfasst die Lebensbereiche Tourismus, Einzelhandel, Generationengerechtigkeit sowie städtebauliche und freiräumliche Schwerpunkte. Der Katalog von über 70 möglichen Maßnahmen ist für das Stadtumbaumanagement des Büros UmbauStadt seit 2008 die Grundlage für die so genannte initiierende Projektentwicklung.
In jeder der Kommunen haben sich offensichtliche Dinge getan, meist Bauprojekte, die sich direkt aus dem besagten Konzept ergeben haben. Es sind in erster Linie die Ortskerne, in denen man die Veränderungen sieht. Dazu gehören aber auch zahlreiche interkommunale Projekte, die verborgener geschehen und die aufwändiger abgestimmt werden müssen.

Struktureller Umbruch


Interkommunale Zusammenarbeit ist gerade angesichts der Notwendigkeiten in der Daseinvorsorge oder den noch nie dagewesenen Ansprüchen zum Klimaschutz eine aussichtsreiche Strategie für Gebiete jenseits der Ballungsräume. Im nördlichen Fichtelgebirge gibt es trotz einer markanten Naturlandschaft auch eine industrielle Vergangenheit und Gegenwart. Im strukturellen Umbruch steht die Teilregion vor der Herausforderung, ihre Identität, das heißt ihre Selbstwahrnehmung, neu auszurichten.
Aus der Fülle interkommunaler Anliegen hat sich bereits 2008 das eigenständige Altenhilfe- und Mehrgenerationenkonzept „Generation 1, 2, 3“ entwickelt, gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. Damit lag ein wesentliches Arbeitsfeld der Daseinsvorsorge in Expertenhand und wurde über Landkreisgrenzen hinweg engagiert angegangen.
Seniorenwegweiser, Bürgerbusse und regelmäßige seniorenpolitische Veranstaltungen waren unter anderem Ergebnisse der ersten Projektphase bis 2010. Dem Stadtumbaumanagement oblag es gleichzeitig, ein Potenzialflächenmanagement zu organisieren, gemeinsame Klimaschutzkonzepte und Wohnungswirtschaftsanalysen zu initiieren sowie Maßnahmen zur Öffentlichkeitsarbeit anzuleiten. So entstanden unter anderem die Internetseite www.noerdliches-fichtelgebirge.de oder auch ein gemeinsamer Imagefilm. Damit hat sich mit der Verfestigung eines Markenbegriffs „Nördliches Fichtelgebirge“ auch die Unumkehrbarkeit und Ernsthaftigkeit der gemeinsamen Anliegen gestärkt. Seit 2009 ist ein Verfügungsfonds eingerichtet, der den Kommunen das Vertrauen gibt, kleinere gemeinsame und geförderte Projekte direkt zu finanzieren.
Neben den interkommunalen Ansätzen sind im Rahmen von „Stadtumbau West“ zahlreiche Bau- und Umgestaltungsprojekte in den neun Kommunen geplant, begonnen oder schon abgeschlossen. Der knallrote Infopavillon im Zentrum von Marktleuthen oder der EDEKA-Markt auf einer ehemaligen Industriebrache in Schwarzenbach/Saale stehen für die bereits seit Längerem fertiggestellten Projekte des Stadtumbaus. Die „Neue Mitte“ in Schönwald ist mit ihrer Platzgestaltung und Randbebauung längst in Betrieb ebenso wie der „Platz der Generationen“ in Röslau.
Die Marktplätze sind auch in Zell und Weißenstadt Hauptthema im Stadtumbauprozess. Studien zur Umnutzung von Industriebrachen liegen für das Summa-Gelände in Oberkotzau und für die beiden Winterling-Areale in Kirchenlamitz und Schwarzenbach/Saale vor. Mit ähnlicher Weiternutzungsperspektive wird das ehemalige Flehmig-Areal in Sparneck aktuell mit einer Bauleitplanung entwickelt. Es hat sich gezeigt, dass von der Dynamik, welche die lokalen Projekte entwickeln, das Bewusstsein für den interkommunalen Verbund bei der Bevölkerung als auch bei den Stadt- und Gemeinderäten erheblich profitiert.
Die Praxis im „Nördlichen Fichtelgebirge“, Einzelaufgaben an verschiedene Fachleute zu vergeben, belegt, dass Teilgebiete im interkommunalen Handeln eines besonderen Fachverstands und eines gesonderten Zeitbudgets bedürfen. Die Monatszeitung Komm Mit, die eigene Tourismusstelle, das gesondert erstellte und geförderte Klimaschutzkonzept, die Arbeit im Bereich „Generation 1, 2, 3“ oder auch das von vier Kommunen beauftragte Wohnungswirtschaftliche Konzept – alle diese Projekte stehen für eine Diversifizierung, das heißt zunehmende Arbeitsteilung und externe Arbeitsvergabe.
Die Gemeinschaft der Neun hat dabei ein zunehmendes Selbstbewusstsein bekommen und tritt verstärkt als eigenständiger Auftraggeber auf. Im Lauf der fünf Programmjahre wurden interkommunale Themen zusätzlich in wechselnden und kleineren Teilverbünden organisiert und gefördert. Diese Strategie hat die Gesamtgruppe von der verpflichtenden Kooperation Aller befreit und gerade deshalb ein erweitertes Themenspektrum erlaubt.
Gerade mit der Einweihung öffentlicher Platzanlagen oder von neu gestalteten Straßenzügen (Röslau, Schönwald, Schwarzenbach/Saale, Kirchenlamitz) richtet sich der Blick auf die Folgeinvestitionen bei privaten Eigentümern. Eine zukünftige Herausforderung sind deshalb nach wie vor leer stehende private Immobilien in den Ortszentren. Hier wird künftig ein weiterer Schwerpunkt des interkommunalen Projekts liegen.
Die Frage nach einer institutionalisierten Grundlage der Zusammenarbeit ist für die neun Kommunen im laufenden Prozess nicht aktuell. Strukturen, wie ein Zweckverband oder ähnliches sind solange nicht interessant, solange man projektbezogen effektiv zusammenarbeiten kann. Dies ist im nördlichen Fichtelgebirge zurzeit der Fall. Der Ehrgeiz interkommunaler Entwicklung steht immer im Widerstreit von lokalen Notwendigkeiten und gemeinschaftlichen Bekenntnissen. Die Zusammenarbeit im Nördlichen Fichtelgebirge ist mittlerweile mit genügend Erfahrung gefestigt, dass sie diesen Gegensatz gelassen aushält und weiterhin gemeinsam in Angriff nimmt, was der einzelnen Kommune nicht möglich ist.
(Ulrich Wieler - Der Autor ist Stadtumbaumanager der Interkommunalen Gemeinschaft „Zukunft nördliches Fichtelgebirge“)

(Die Winterling Prozellanbrache in Schwrzenbach am Wald. Die Brache soll zu einem Gewerbepark umgenutzt werden. - Foto: Studio Stefan Röder)

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