Bauen

Bilbao mit dem Guggenheim Museum ist ein Beispiel dafür, wie sich eine Stadt verändern kann. (Foto: Ursula Wiegand)

12.04.2018

Handeln und sich neu erfinden

TUM-Forschungsprojekt: Welchen Einfluss hat „Star-Architektur“ auf die Stadt?

Das Guggenheim Museum des kanadischen Star-Architekten Frank Gehry hat in Bilbao vor knapp 20 Jahren einen wahren Erdrutsch ausgelöst. Die heruntergekommene Industriestadt wandelte sich innerhalb kürzester Zeit zur Kulturmetropole. Statt der erhofften halben Million Besucher jährlich pilgerten nach dem Bau doppelt so viele Menschen nach Bilbao, um das Guggenheim Museum zu sehen – ein Gebäude im Stil des Dekonstruktivismus, das mit fließenden Elementen wie Bögen und Kurven arbeitet statt mit Ecken und Winkeln.

Aufgrund des phänomenalen Erfolgs investierte die Stadt Bilbao in weitere Werke von Star-Architekten wie etwa ein Universitätsgebäude des portugiesischen Architekten Álvaro Siza oder eine Fußgängerbrücke des spanischen Architekten Santiago Calatrava. Der Bilbao-Effekt ist seither ein Synonym dafür geworden, wie Star-Architektur einer wirtschaftlich am Boden liegenden Stadt zu neuem Leben verhelfen kann.

Der Lehrstuhl für Raumentwicklung der Technischen Universität München (TUM) hat in einem zweijährigen Forschungsprojekt den Bilbao-Effekt systematisch wissenschaftlich unter die Lupe genommen. Die Forscher wollten herausfinden, welche Rolle Star-Architektur bei der Repositionierung kleiner und mittelgroßer Städte spielt und inwiefern sich der Bilbao-Effekt überhaupt auf andere Städte übertragen lässt.

Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den sozio-ökonomischen Auswirkungen der Bauten auf die Städte sowie der Identifikation von Chancen und Risiken für urbane Transformationsprozesse. Ausgewählt wurden drei Fallbeispiele: das Kunsthaus Graz, das Kultur- und Kongresszentrum KKL in Luzern und das phaeno in Wolfsburg.

Eine erste Erkenntnis der Analyse war, dass der Bilbao-Effekt ein umherwandelndes Konzept ist, das durch die Welt gereicht wird. Auslöser für die architektonischen Leuchtturmprojekte war in allen drei Städten der Druck zu handeln und sich zu verändern, um sich als Stadt neu zu erfinden. Wiederkehrende Motive hierfür waren einerseits politischer und wirtschaftlicher Natur, um den Tourismus anzukurbeln und die urbane Erneuerung voranzutreiben. Auf der anderen Seite war die Intention, die Stimmung einzufangen, etwas Großes machen zu wollen und zu beweisen, dass man als Stadt etwas zu bieten hat.

Im Detail betrachtet waren die Motivationen differenzierter. Mit dem Kunsthaus in Graz der britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier ist es gelungen, ein Zusammenspiel von modernem und historischem Bauen zu erreichen. Das Kunsthaus, das auch „friendly alien“ genannt wird, sticht sehr deutlich aus den umliegenden Gebäuden heraus und hat die Murvorstadt zu einem hippen Wohn- und Kulturviertel aufgewertet, das vor allem Studenten anzieht.

Die Stadt Wolfsburg stand als eine der wenigen Stadtneugründungen des 20. Jahrhunderts vor dem Problem, eine Brücke zu schaffen zwischen der Stadt an sich und der Autostadt um den Volkswagen-Konzern. Man entschied sich für den Entwurf der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid. Das sogenannte phaeno ist eine Experimentierlandschaft für wissenschaftliche Fragestellungen geworden sowie ein begehbares Kunstwerk. Trotz des relativ wuchtigen Beton- und Stahlbaus fügt sich das phaeno fließend in den gegebenen Raum ein.

Der Bau des Kultur- und Kongresszentrums KKL in Luzern hatte vor allem den Hintergrund, die Positionierung als Standort für das Lucerne Festival zu sichern, eines der renommiertesten internationalen Festivals der klassischen Musik. Man wollte keineswegs nur von den Investitionen der Vorfahren leben, bekräftigte Thomas Held, ehemaliger Geschäftsführer der KKL-Trägerstiftung. In die Entscheidung zu den Details des Baus des französischen Architekten Jean Nouvel wurden die Bürger durch mehrere Volksabstimmungen stark einbezogen, was aufgrund des direkt-demokratischen Systems der Schweiz Usus ist. Der Gedanke war, ein Gebäude zu schaffen, bei dem alles unter einem Dach ist, und das nicht elitär auftritt, sondern für alle da ist.

Aufmerksamkeit
durch Leuchtturmprojekte

Die Forscher der TUM kamen zu dem Schluss, dass Bilbao als umherwandelndes Konzept ein Beispiel dafür ist, wie man eine Stadt verändert. „Es ist das Bedürfnis einer Stadt, zu reagieren, und Architektur ist ein Medium, um dieses Bedürfnis zu befriedigen“, erklärt Nadia Alaily-Mattar, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Raumentwicklung der TUM.

Durch eine Diskurs- und Bildanalyse in den internationalen Medien stellten die Forscher der TUM fest, dass Graz, Wolfsburg und Luzern im Zuge der architektonischen Leuchtturmprojekte Aufmerksamkeit bekamen. Jedoch schaffte es keine Stadt, sich dadurch nachhaltig in den internationalen Medien zu platzieren, so wie es Bilbao gelungen ist.

Den Bilbao-Effekt empirisch zu beweisen stellte in mancher Hinsicht eine Herausforderung dar. Die Hotels in Graz konnten sich beispielsweise nach dem Bau des Kunsthauses über mehr Gäste freuen. Das Kunsthaus selbst jedoch konnte nicht mehr zahlende Kunden verzeichnen. Dass die Touristen trotzdem wegen der Außenansicht des Kunsthauses angereist sind, ohne das Gebäude von innen zu besichtigen, bleibt lediglich eine Annahme.

Darüber hinaus gibt es das Problem, dass beispielsweise das Projekt phaeno in Wolfsburg von einer Öffentlichkeit ausgeht, die es dort in der Form noch nicht gibt. 15 Jahre seien jedoch ein relativ kurzer Zeitraum, um nachhaltige Effekte deutlich aufzuzeigen, vermerken die Forscher. Darüber hinaus ist die Debatte um die Rolle der Star-Architektur bei der Repositionierung von Städten vor allem im Zuge des geplanten Konzerthauses in München interessant, das im Werksviertel am Ostbahnhof entstehen soll. (Daniela Preis)

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