Bauen

Viel mehr als die Tunneleingänge, und die auch nur aus sicherer Entfernung, sehen Baustellenbesucher nicht. Der Film „Faszination Tunnelbau“ zeigt ihnen nun, wie es im Innern des Berges zugeht, welch hohe Anforderungen an den Baubetrieb gestellt sind, wenn Arbeiter und riesige Maschinen auf engstem Raum gewaltige Bergmassen ausräumen. Weitere Filmstills finden Sie in der Bildergalerie am Ende des Beitrags, dort ist auch ein Link zum kompletten Film. (Foto: picomotion)

13.01.2017

Königsdisziplin der Bauingenieure

Mit eindrucksvollen Filmbildern führt die Autobahndirektion Südbayern tief hinein in die faszinierende Baustelle des Tunnels Oberau

Jeder Tunnelbau ist quasi ein Prototyp. Auch wenn noch so viele Experten der unterschiedlichsten Disziplinen aus allen möglichen Richtungen ihre Blicke vorher reingebohrt haben: Es bleibt ein Rest von Terra incognita, wenn sich die Bautrupps in den Gebirgsstock bei Oberau (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) vorarbeiten.

Gerade jetzt ist es brenzlig: Auf etwa halber Strecke des gut drei Kilometer langen Tunnels sind die Arbeiter nach massivem Felsgestein auf äußerst lockeres vorgestoßen: Zwischen dem Mühlberg und dem Kirchbichl verläuft das Gießenbachtal mit seinem Schotterbett. Freilich wusste man das von geologischen Bestandsaufnahmen – doch wie sich das lockere Gestein bei Erschütterungen, beim Ausbaggern tatsächlich verhält, ergibt sich erst im unmittelbaren Moment. Sekunde auf Sekunde kann das anders sein.

Tempo rapide gedrosselt

Das Tempo ist rapide gedrosselt worden: Schafften die Arbeiter vorher gut zehn Meter Tunnelbau täglich, sind es jetzt nur noch zwei Meter. Enorm gestiegen ist dagegen der Sicherheitsaufwand: Im Schotterbereich droht bei Starkregen der Wasserspiegel blitzschnell zu steigen – im Nullkommanichts könnte der Tunnel überflutet sein. Vorbeugend wurden von der Oberfläche aus tiefe Brunnen gebohrt, um eventuelle Wassermassen zu kanalisieren.

Damit nicht genug der heiklen Herausforderung: Im Gießenbachtal verläuft der Tunnel nur sieben Meter unter der Oberfläche (sonst sind es bis zu 120 Meter) – und obendrauf stehen Gebäude. Auch die galt es zu sichern: Mit lauter Betoninjektionen wurde quasi eine Schutzebene eingefügt, die Gebäude können Zentimeter um Zentimeter angehoben werden.

Warum und Wie erklären

Schade, dass man von dieser bautechnischen Raffinesse nichts mehr sieht in dem Film Faszination Tunnelbau – „wir überlegen tatsächlich, ob wir nicht auch die weiteren Arbeiten filmisch erklären“, stellt Josef Seebacher in Aussicht. Er ist Pressesprecher der Autobahndirektion Südbayern, seine Idee war es, erstmals ein solches Großbauprojekt filmisch zu begleiten – nicht mit einem Clip, sondern mit Erklärfilmen. Es gibt bereits einen Film, der das Warum des Projekts erklärte, nun ein fast viertelstündiger Film über das Wie.

Warum diesen die Autobahndirektion Südbayern selbst beauftragte, erklärt Josef Seebacher auch damit: „Es ist erschreckend, wie wenig die Öffentlichkeit und auch mancher Politiker von den Aufgaben einer Autobahndirektion wissen.“ Das falle gerade jetzt auf, wo es um die Neuordnung der Autobahndirektionen mit einer bundeszentralen Organisationsstruktur geht. Die Selbstdarstellung im modernen Kommunikationsdesign sei dringend notwendig – „jetzt ist vieles natürlich erst einmal auf Eis gelegt, bis wir wissen, wie es bei uns weitergeht“.

Für Sympathie werben

Unabhängig davon: Sensible Aufklärungsarbeit und laufender Informationsaustausch mit der Öffentlichkeit ist bei derartigen Großprojekten zunehmend vonnöten. Josef Seebacher macht keinen Hehl daraus: Der Film soll für Sympathie werben.

Freilich ist die Situation in Oberau in dieser Hinsicht recht komfortabel: Die Bewohner selbst haben lange Zeit für eine Ortsumfahrung gekämpft: durchschnittlich 26000 Kraftfahrzeuge täglich im Ort, wo die B 23 auf die mit 845 Kilometern längste und älteste Bundesstraße Deutschlands, die B 2, trifft – das war den Oberauern schon lange zu viel. Die Planungen für eine Ortsumfahrung dauerten indes Jahrzehnte. Die Lösung Tunnelbau ergab sich deshalb, weil auf der gegenüberliegenden Seite der wertvolle Naturraum der Loisach verschont werden musste. Verzögerung gab es dann noch bei der Genehmigung: Ursprünglich wollte der Bund sein OK nur geben, wenn die Winterolympiade 2018 nach München und Garmisch-Partenkirchen kommt – doch die Bewerbung platzte mit dem Nein der Garmisch-Partenkirchner Bürgerentscheide 2011. Aber Berlin gab dann doch grünes Licht.

Viele Neugierige kommen

Auch wenn die Befürwortung in Oberau also gegeben ist: Der Tunnelbau dauert mehrere Jahre, die Großbaustelle fordert Anwohnern und Autofahrern Geduld und Toleranz ab. Was passiert dort alles? Nicht wenige Neugierige kommen auf die Baustelle – freilich dürfen sie aus Sicherheitsgründen nur in ein eigens eingerichtetes Container-Besucherzentrum. „Ich bin so froh, dass wir jetzt den Film haben, da können wir die Gäste quasi in die Röhren hineinbegleiten“, freut sich Bauleiterin Manuela Gruber, die sich vor Ort um die Besucher kümmert.

Natürlich sind das spektakuläre Filmmotive, eine Tageszeitung schwärmte gar von einem Hollywoodstreifen. Tatsächlich steckt in dieser knappen Viertelstunde viel Action. Gar manchmal meint man als Zuschauer, vor einer der riesigen Baumaschinen zur Seite springen zu müssen, hält fast den Atem an, wenn sich die Staubwolken nach einer Sprengung auf die Kamera zuwälzen.

„Oft war es ein Balanceakt im Grenzbereich der Sicherheit“, gestand Filmregisseur Philipp Paulitschke von der Münchner Firma Picomotion bei der Präsentation des Films. „Spannend waren die Aufnahmen mit den großen Baumaschinen im engen Tunnel. Denn einerseits sollten die Tunnelarbeiten nicht aufgehalten werden und andererseits wollten wir dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, mitten im Tunnel zu stehen und Einblicke in die sonst nicht einsehbaren Arbeitsprozesse zu liefern. Deswegen musste jede unserer Bewegungen, sei es, dass sie der Regie, Kamera, dem Licht und Ton galten, mit den Arbeitern abgesprochen werden, damit man nicht in Gefahr geriet, überfahren zu werden. Das war eine wahnsinnig spannende Herausforderung für uns als Filmemacher.“

Raffinierte Animationen

Philipp Paulitschke ist filmversierter, promovierter Physiker – seinem Auftraggeber, der Autobahndirektion Südbayern, ging es darum, „dass wir jemanden mit dem Film beauftragen, der Ahnung von technischen Vorgängen hat und diese in leicht verständlichen, auch emotionalen Bildern rüber-bringt“, erklärt Josef Seebacher.

Jeder Tunnelbau ist eine hohe Herausforderung an das Zusammenspiel von Geologie, Technik und Baubetrieb. Das ist noch immer die Königsdisziplin der Bauingenieure. Der Film erklärt in realen Bildern (Kameras: Jan Kopp, Lars Gollnick) und raffiniert eingebundenen Animationen (Koray Altunbas) nicht nur die sogenannte Neue Österreichische Tunnelbauweise (NÖT), er erzählt vor allem auch in einer emotional-ästhetischen Filmsprache von der Begeisterung der Ingenieure und Techniker sowie vom Respekt für die gefährliche Arbeit der Bautrupps: wie das Team perfekt aufeinander eingespielt ist, wie jeder Handgriff sitzt, wie die Arbeiter sich stolz um ihre Maschinen selbst kümmern.

Viel Fingerspitzengefühl war gefragt, „die Arbeiter lassen einen nicht so schnell an sich ran“, erzählt Philipp Paulitschke. „Die Arbeiter haben kaum Deutsch gesprochen und mussten ihren straffen Zeitplan einhalten. Aber wir blieben hartnäckig.“

Klassische Bergmannsarbeit

Viele Drehtage, oft 16 Stunden am Tag – ein Filmteam, das in Arbeiterkluft im Schlamm rumstapft und den Baustaub einatmet, sich vor allem für die Arbeiter selbst interessiert: „Das hat irgendwann sogar die Tunnelmineure beeindruckt und der Filmcrew Respekt verschafft, was zu einer hohen Bereitschaft für das Mitwirken bei den Filmaufnahmen geführt hat.“

„Das Besondere an diesem Tunnelprojekt in Oberau ist ja“, erklärt Josef Seebacher, „dass nicht so gigantische Tunnelvortriebsmaschinen wie beim schweizerischen Gotthard-Basistunnel zum Einsatz kommen, sondern dass hier noch ganz klassisch bergmännisch und mit viel harter, auch gefährlicher Manpower gearbeitet wird.“

„Es wäre schön, wenn unser Film dazu beiträgt“, wünscht sich Philipp Paulitschke, „dass bei solchen Großprojekten der Blick des Laien für die faszinierende technische Meisterleistung, die gerade hier in viel Handarbeit geschieht, geschärft wird.“ (Karin Dütsch)

Information: Den Film „Faszination Tunnelbau“ kann man sich auch online ansehen: vimeo.com/195323564

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