Bauen

24.05.2013

Millionen-Investitionen in die mittelalterliche Bausubstanz

Rothenburg ob der Tauber

Liebevoll restaurierte Häuserfronten sowie Brunnen und Erker aus früheren Epochen: Rund zwei Millionen Gäste wissen Rothenburgs ob der Tauber einzigartige Atmosphäre alljährlich zu schätzen. Ihre steinerne Geschichte ist das Kapital der Kommune – und zugleich riesige Aufgabe: Das 11 000-Einwohner-Städtchen verbucht mehr zu erneuernde Bausubstanz als Großstädte wie München oder Berlin. Seit Anfang 2013 stellt sich die Stadt nun einer immensen Herausforderung: Mehr als 1,3 Millionen Euro fließen in Sanierungsarbeiten am Marktplatz. Doch nicht nur die Stadt investiert in Rothenburgs touristische Zukunft. Auch Privatunternehmer nehmen viel Geld – gepaart mit kreativen Ideen – in die Hand: Um im hart umkämpften Tourismusmarkt zu bestehen und die eigene Identität zu bewahren.
Dabei war der Erhalt der alten Substanz für die Bürger des mittelfränkischen Kleinstädtchens nicht immer so selbstverständlich wie heute. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts kursierten im Stadtrat Überlegungen, alles Alte abzureißen und ein modernes Rothenburg zu errichten. Den Wert des speziellen Charmes erkannte man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals entdeckten die ersten Touristen Rothenburg als attraktives Ausflugsziel – und das Städtchen erschloss sich eine neue Einnahmequelle.
Das Bewusstsein für den Wert des Alten wuchs rasch und so war Rothenburg nach dem Zweiten Weltkrieg eine der wenigen Städte, die mittelalterliche Strukturen nahezu originalgetreu wieder aufbaute. Heute zeigen etliche Konzepte in der Stadt, wie zeitgemäß und modern der Erhalt der mittelalterlichen Bausubstanz ist, auch wenn der „Stein das Geld frisst“.
Wie investitions- und arbeitsintensiv der Erhalt denkmalgeschützter Substanz ist, kann man derzeit am Marktplatz erleben. Dieser wird eindrucksvoll eingerahmt von hohen Patrizierhäusern auf der Ostseite, dem giebelständigen Bau der Ratstrinkstube im Norden, dem Renaissanceteil des Rathauses im Westen und im Süden von dem Ensemble aus Georgsbrunnen und Fleischhaus. Doch erinnert dessen Südgiebel seit Jahresbeginn eher an eine Christo-Installation. Kosten der Fachwerksanierung: eine halbe Million Euro.

Fleischhaus erinnert an Christo-Installation

Auch an Rothenburgs Wahrzeichen – errichtet ab dem Jahr 1240 – nagt der Zahn der Zeit, deshalb wird die Balustrade (von 1681) des Rathauses abgebaut und für geschätzte 300 000 Euro restauriert. Ebenso ist die Ratstrinkstube eingerüstet – und nach der Außensanierung des markanten Gebäudes mit Uhren- und Glockenspiel, für 550 000 Euro, soll hier 2014 die Innenrenovierung folgen.
Den tatsächlichen Sanierungsarbeiten gingen aufwändige, restauratorische Voruntersuchungen voraus. Stadtbaumeister Michael Knappe betont: „Ganz bewusst werden die Baumaßnahmen nun auf ein Jahr konzentriert, sodass Touristen ab 2014 auf dem Marktplatz wieder gerüstfreie Fotos schießen können.“ Doch auch wenn laut Knappe mit den „fast überfälligen Sanierungen“ ein Meilenstein in Rothenburgs Stadtbild-Auffrischung erreicht ist: Jahr für Jahr wird die Stadt auch in Zukunft neue Baukosten schultern müssen. Allein für regelmäßige Arbeiten an den städtischen Brunnen musste die Kommune in zehn Jahren fast 700 000 Euro in die Haushalte einplanen. Und Rothenburg besitzt etliche weitere historische Objekte – von der Wehranlage mit 40 Türmen bis hin zu Sakralbauten, wie etwa der Spitalkirche.
Und auch Privatunternehmer nehmen in Rothenburg viel Geld für Sanierungsarbeiten in die Hand im Bewusstsein: Den besonderen, romantischen Charme machen hier gerade die vielen denkmalgeschützten Bauten aus. So etwa das mehr als 1000 Jahre alte Herren-schlösschen als eines der ältesten bewohnten Häuser Deutschlands. Mehr als ein Viertel Jahrhundert war es unbewohnt, mittels eines innovativen Hotelkonzepts gelang es, das Gemäuer aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Der Erfolg gibt der Idee recht: Anfang Februar kürte das Reiseportal Tripadvisor die romantischsten Hotels weltweit – das Herrenschlösschen schaffte es unter die Top 25, als einziges deutsches Hotel.

Sanierung kostet Überwindung

Mit dem Denkmal leben und aus seinem Potenzial schöpfen: So lautet auch das Prinzip des 31-jährigen Unternehmers Johannes Wittmann. 2005 hatte er von seiner Tante das Traditionsgeschäft „Waffenkammer“ mit zugehörigem Wohnhaus geerbt. Ein Berater empfahl damals, das Erbe nicht anzutreten. Der junge Mann entschied anders, obwohl es Jahrzehnte dauern und Unsummen kosten wird, das alte Gemäuer zu sanieren. „Es ist ein Kulturgut, das verpflichtet“, sagt Wittmann. Dabei setzt er auf eine Kombination aus alter Substanz und modernem Erlebniseinkauf: Den Verkaufsbereich der Waffenkammer mit Artikeln rund ums Ritterleben gestaltete er großzügiger und offener, zudem erschloss er für Gäste das originale Kellergewölbe unter dem Haus aus dem 12. Jahrhundert.
Zusätzlich zur „Waffenkammer“ erwarb er vor zwei Jahren ein weiteres denkmalgeschütztes Objekt in der Rothenburger Judengasse. In eineinhalb Jahren baute er das Wohnhaus aus dem 14. Jahrhundert in das Vier-Sterne-Luxus-Ferienhaus „710“ um. Gäste erwartet ein Whirlpool im Luxusbad, eine iDock-Station und edel-modernes Mobiliar – und trotzdem fühlt man sich zwischen Fachwerk, Original-Deckenbalken und Naturmaterialien zurückversetzt ins Mittelalter. Zu Beginn dieses Jahres wurde Wittmann für die Objektsanierung der Denkmalpflegepreis des Bezirks Mittelfranken verliehen.
Der 31-Jährige gesteht ein: Die Sanierung alter Bauten kostet Überwindung, viel Geld, Nerv und Freizeit – und ist eine Lebensaufgabe. Auf der anderen Seite betont er aber: Alte Gebäude einfach zu begradigen oder abzureißen, heißt, die eigene Identität aufzugeben. Und damit auch das große Potenzial, das im mittelalterlichen Rothenburg steckt und nur ausgeschöpft zu werden braucht. (BSZ)

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