Bauen

In diesem kürzlich renovierten Haus kam Pablo Picasso am 25. Oktober 1881 zur Welt. (Foto: Wiegand)

01.07.2011

Saniert: Picassos Geburtshaus

Málaga rettet sein architektonisches Erbe

Alte Städte bergen besondere Geheimnisse. Wenn dort gebaut wird, kommt Vergessenes zutage. So war es in Málaga, der andalusischen Hafenstadt. Dort entdeckte man bei Arbeiten im Garten des Kulturhauses zwar keine Relikte der Phönizier, die die Stadt vor mehr als 2800 Jahren gegründet hatten, wohl aber ein römisches Theater aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Ein sensationeller Fund.
Um die antiken Überbleibsel vollends auszugraben, wurde das Kulturhaus 1995 abgerissen und ein Stück weiter neu erbaut. Inzwischen nehmen die Besucher das Amphitheater bereits in Besitz. Auf den rekonstruierten Sitzreihen lässt es sich vor oder nach dem Aufstieg zur Festung Alcazaba gut rasten. Diese Anlage stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist damit etwa 200 Jahre älter als Granadas berühmte Alhambra, beide Beispiele für maurische Baukunst.
Unter der 800-jährigen Herrschaft der Araber erlebte Andalusien eine Zeit wirtschaftlicher und kultureller Blüte. Recyceln war schon damals angesagt. Beim Bau der Festung Alcazaba, die über dem wiederentdeckten Theater thront, hat man dessen Steine mit verwendet. Drei Jahrhunderte später wurde die Burg zur königlichen Residenz umgebaut, später jedoch dem Verfall preisgegeben. Im vorigen Jahrhundert schickte die Stadtregierung die Obdachlosen hinauf. Die richteten sich dort häuslich ein und schlugen Fensterlöcher in die alten Gemäuer. Nach ihrem Auszug, so zeigt es ein Foto, wirkten die brüchigen Mauern mit den leeren Fensterhöhlen wie nach einem Bombenhagel.

Straße statt Kathedralenweiterbau


Gerade noch rechtzeitig wurde die Festung rekonstruiert und damit gerettet. Auch die terrassenförmigen Gärten hat man neu angelegt. Nun ist die Alcazaba eine der Hauptattraktionen von Málaga, zumal man aus dieser Höhe einen großartigen Blick auf die Stadt und ihren pulsierenden Hafen genießen kann. Von hier oben setzt sich die mächtige Renaissance-Kathedrale besonders eindrucksvoll in Szene. Mit ihrer Errichtung wurde 1487 begonnen, gleich nach der Rückeroberung Málagas durch die katholischen Könige. Ein Neubau war es nicht, vielmehr setzte man das Gotteshaus auf die Fundamente der abgerissenen Hauptmoschee.
Die eigentlichen Bauarbeiten begannen 1528, doch für die Errichtung des zweiten Turms fehlte stets das Geld. „La Manquita“, die Einarmige, nennen die Einheimischen ihre Kathedrale. Genau genommen steckt anderes dahinter, eine Volksabstimmung von 1880. Málaga erlebte durch die Industrialisierung eine Blütezeit und wollte investieren. Wie das Geld ausgegeben werden sollte, sollten die Bürger bestimmen. Die hatten die Wahl zwischen dem Weiterbau der Kathedrale und einer Verbindungsstraße vom Meer in die Innenstadt. Sie votierten für die Straße und der Marqués de Larios nahm die Sache in die Hand. 1891 war die Prachtstraße fertig und erhielt seinen Namen. Den trägt sie noch heute und lädt nach erfolgter Restaurierung nun als Fußgängerzone ebenso zum Flanieren ein wie vor gut hundert Jahren.
Auch die Umnutzung von Gebäuden ist ein Thema. So hat das „Museo Carmen Thyssen“ mit seinen Gemälden in einem restaurierten Renaissance-Stadtpalast eine attraktive Bleibe gefunden. Am 25. März 2011 wurde das Museum eröffnet. Weit wichtiger ist den Besuchern jedoch das gerade aufgefrischte Bürgerhaus, in dem der Maler Pablo Picasso am 25. Oktober 1881 das Licht der Welt erblickte. Die Familie bewohnte die Bel Etage, also den 1. Stock, zog aber später in die preiswertere 3. Etage um. Im Erdgeschoss sind die Restaurierungsarbeiten noch nicht beendet, in der mehr als hundertjährigen zentralen Markthalle aber sehr wohl. Kosten verursachte vor allem die Sanierung der tragenden Stahlkonstruktion, doch pünktlich zum Weihnachtsfest 2010 konnten die Menschen dort wieder einkaufen.
Auch die schmiedeeiserne Fußgängerbrücke, die sich über den Fluss Guadalmedina schwingt, wirkt frisch überholt und bietet noch weitere Überraschungen. Offiziell heißt sie Puente de Santo Domingo, schlägt sie doch den Bogen über den Fluss, an dem sich moderne Bauten reihen, hinüber zur gleichnamigen Kirche aus dem 15. Jahrhundert. In Klammern darunter steht jedoch Puente de los Alemanes, das heißt Brücke der Deutschen. Die Erklärung liefert die Rückseite des Schilds – die Havarie der „Gneisenau“. Als das Segelmotorschiff am 16. Dezember 1900 bei einem plötzlich aufkommenden Sturm gegen die Mole prallte, retteten beherzte Männer aus Málaga die Überlebenden und sorgten anschließend für deren Unterkunft und Verpflegung. Als „Dankeschön“ bauten die Deutschen diese Fußgängerbrücke, die 1909 fertig wurde. Rettung von Menschenleben – Rettung des architektonischen Erbes – so schließt sich der Kreis. (Ursula Wiegand)

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