Kommunales

Alkohol- und Tablettensucht: in Alten- und Pflegeheimen inzwischen weit verbreitet. (Foto: Bilderbox)

12.12.2014

Auch Senioren sind zunehmend betroffen

Eine Informationsveranstaltung des Bezirks Schwaben thematisiert den steigenden Konsum vor allem neuer Drogen

Suchtabhängige brauchen Hilfe. Viele leiden unter Ausgrenzung, andere verbergen ihre Abhängigkeit aus Scham- und Schuldgefühlen oder führen sie auf persönliches Versagen zurück. Es ist deshalb wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Abhängigkeit eine behandlungsbedürftige Krankheit ist“, betonte nun Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert bei einem Fachtag im Bezirk Schwaben, bei dem Experten, Betroffene und Angehörige über die Situation und die Behandlungsbedarfe von suchtabhängigen Menschen in der Region diskutierten.
So hatten sich Fachleute aus der Suchtberatung, der Bezirkskrankenhäuser sowie von Caritas, Drogenhilfe Schwaben und des Kreuzbundes wie auch der Augsburger Kriminalpolizei zusammengesetzt, um über verstärkte Kooperationen und neue Arbeitsfelder zu sprechen. Es kamen rund 100 Betroffene und ihre Angehörigen wie auch Vertreter weiterer Fachverbände und zahlreiche Bezirksräte. Reichert rief zu Beginn der Tagung dazu auf, sensibler zu werden bei der Problematik der Abhängigkeitserkrankungen, auch was die Alltagsdroge Alkohol betrifft.
Nach Aussage der Suchtkoordinatorin beim Bezirk, Friederike Rahlf-Martin, seien Zigaretten und Alkohol deutschlandweit die verbreitetsten Drogen. Es gibt im Land 14,7 Millionen Raucher und 1,8 Millionen Alkoholabhängige, hinzu kämen mindestens 9,5 Millionen Menschen mit einem bedenklichen Alkoholkonsum. 2,3 Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig. Konsumenten illegaler Drogen und Glücksspielsüchtige werden jeweils auf etwa 500 000 geschätzt. Deutlich wurde bei der Diskussion, dass sich die Szene beständig wandelt.
Das gilt laut Kripoleiter Klaus Bayerl insbesondere für den Bereich illegaler Drogen, wo neue psychoaktive Substanzen – landläufig etwa „Badesalz“ oder „Kräutermischungen“ genannt – die klassischen Drogen wie Heroin, Cannabis oder Kokain zunehmend verdrängen. Sie sind besonders bei Jugendlichen beliebt, da sie billig sind und wegen ihrer Zusammensetzung nicht vom Betäubungsmittelgesetz erfasst werden und daher leicht zu erhalten sind.

Neue Substanzen sind nur noch schwer nachweisbar


Aus Bayern sei nun die Initiative gekommen, das Betäubungsmittelgesetz entsprechend zu verändern. „Die Behandlung“, so Oberarzt Gerhard Stecker vom Bezirkskrankenhaus Augsburg, „hinkt häufig hinterher, weil diese neuen Substanzen so schwer nachweisbar sind.“ Am BKH Augsburg habe man ungefähr 600 vollstationäre Aufnahmen in der Drogenklinik jährlich. Auch dort zeige sich, dass die klassischen Drogen immer mehr von den neuen psychoaktiven Substanzen abgelöst werden, Substanzen, die enorm gefährlich sind, führen sie beispielsweise zu schwerwiegenden psychischen Veränderungen und körperlichen Folgeschäden. „Diese neuen Konsumtrends und Substanzen stellen das ganze Hilfesystem vor große Herausforderungen“, betonte Stecker.
Dies bestätigte auch Jürgen König von der Drogenhilfe Schwaben: „Da kann ein User vom Schaf zum Wolf mutieren, so sehr verändert sich die Persönlichkeit.“ Auch die Drogenhilfe Schwaben – 1971 als Selbsthilfeverein gegründet – stellt sich auf die veränderten Bedingungen ein. Darüber hinaus machte König jedoch auch noch auf weitere Bedarfe im Versorgungssystem aufmerksam, so mangele es an Wohnraum, an Arbeitsmöglichkeiten für Substituierte und auch die Prävention bei Jugendlichen müsse noch weiter intensiviert werden.
Aber auch etwa bei Senioren werden neue Problemlagen sichtbar: Alkohol- und Tablettensucht seien inzwischen in Alten- und Pflegeheimen weit verbreitet. Die Pflegekräfte könnten damit oft nicht umgehen. Dies sei durchaus eine zusätzliche Herausforderung für das Pflegepersonal, so Celia Wenk-Wolff von der Geschäftsstelle des Bayerischen Bezirketags. Thema war auch, wie Jugendliche rechtzeitig vor den Drogengefahren gewarnt werden können. Prävention müsse zudem schon in der Familie anfangen. (Birgit Böllinger)

<media 10841>Komplette Bezirkeseite Teil 1</media>

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