Kommunales

Wirkliche Fans der alljährlich zwei Mal erfolgenden Zeitumstellung gibt es nicht viele. (Foto: dpa)

02.04.2015

Bad Kissingen lässt sich Zeit

Der unterfränkische Kurort kämpft als erste deutsche Kommune offiziell gegen die Auswirkungen der alljährlichen Uhren-Umstellung im Frühjahr

Drei Viertel aller Deutschen halten sie für überflüssig, Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) auch: Die Zeitumstellung. Angeblich befasst sich die EU mit dem Projekt, bis es aber zu einer Entscheidung kommt, dürfte wohl noch viel Zeit vergehen – sommers wie winters. Im unterfränkischen Bad Kissingen allerdings gibt es derzeit bereits schon Überlegungen die Sommerzeit im Alleingang abzuschaffen. Denn als erste so genannte Chronocity der Welt versucht der Kurort, mehr auf die innere Uhr zu hören.
Die Chronobiologie soll jetzt im traditionsreichen Kurbad den Takt vorgeben, also die Lehre vom Leben nach der inneren Uhr. Die Stadt versucht, Erkenntnisse der Wissenschaft auf das öffentliche Leben zu übertragen. Passend dazu gibt es sogar einen neuen Slogan: „Bad Kissingen – Entdecke die Zeit“. Aber wie soll das konkret funktionieren?
Ambitionierte Vorschläge gibt es viele. Der städtische Wirtschaftsförderer Michael Wieden hat das Projekt gestartet und auch gleich einen renommierten Wissenschaftler mit ins Boot geholt: den Chronobiologen Thomas Kantermann von der Hochschule im niederländischen Groningen.

 

Der Busfahrplan blockiert


Vom späten Aufstehen können die Schüler des Jack-Steinberger-Gymnasiums weiterhin nur träumen. Ein späterer Unterrichtsbeginn ist an den Busfahrplänen gescheitert. Stattdessen werden jetzt in einigen Klassenzimmern Tageslichtlampen getestet. Sie sollen die Schüler wacher machen und dadurch auch deren Leistungen verbessern. Rektor Frank Kubitza berichtet: „ „Eine Buslinie kostet zirka 100 000 Euro im Jahr. Und dann nur für die Mittelstufe, die man später anfangen lässt eine halbe Million auszugeben – das ist sehr viel und das mutet man dem Landkreis als Kostenträger nicht zu.“
Auch im geplanten Anbau der Bäckerei Schmitt wird die Beleuchtung eine Rolle spielen. Und es soll mehr Platz geben. Dadurch können einzelne Schichten mehr in den Tag hinein gelegt werden. Ein Versuch, den Arbeitsplatz zumindest etwas attraktiver zu gestalten. Bäcker Jochen Schmitt berichtet: „Natürlich müssen wir uns bemühen, zum einen attraktive Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist zweifelsohne nicht einfach im Bäckerhandwerk gute Nachwuchskräfte – sei es Azubis oder gestandene Fachkräfte – zu finden. Ich denke, das sind viele kleine Details, die man beachten muss, um attraktive Arbeitsplätze zu schaffen und das möchte wir mit diesem Bemühen schaffen.“
Kay Blankenburg (SPD), der Oberbürgermeister der rund 21 000 Einwohner zählenden Kommune, kann dem Projekt viel Positives abgewinnen: „Ich denke es gibt sehr viele, denen es einfach besser ginge, die besser durch den Tag kämen und gesünder wären und die sich auch wohl beziehungsweise noch wohler fühlen würden, wenn sie die Möglichkeit hätten den Tagesrhythmus ein bisschen mehr nach ihren körperlichen Bedürfnissen auszurichten.“ Frank Oette, der städtische Kurdirektor, erhofft sich, „mit dem Projekt Chronocity gemeinsam mit der Stadt da auch neue Inhalte zu entwickeln, die wissenschaftlich fundiert sind und uns im Bereich Gesundheit auch neue Angebote bringen.“
Unterdessen versucht die Reha-Klinik Hescuro, die Therapiepläne ihrer Patienten auf deren Chronotyp anzupassen – für eine bessere Genesung. In Zusammenarbeit mit der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität werden die Patienten chronotypisiert: Jeder soll also seinen optimalen Therapieplan bekommen – egal ob Nachteule oder Lerche. Außerdem bekommen Langschläfer Zimmer mit Jalousien und speziellem Verdunklungsvorhang – damit sie auch wirklich ausschlafen können. Aber abgesehen davon, dass die momentan noch gar kein Interesse daran zeigen, könnten die Patientenwünsche am Ende mit den Schichtplänen der Mitarbeiter kollidieren.
Klinikleiter Thorn Plöger gibt deshalb zu: „Das könnte ein großes Problem werden, dem müssen wir uns dann auch stellen. Also wenn wir die Patienten chronotypisiert haben, müssten wir auch die Mitarbeiter typisieren und dann schauen, welche Möglichkeiten gibt es denn, in unserer Situation etwas zu verändern. Wahrscheinlich werden wir nicht alle Mitarbeiter dementsprechend verändern können. Aber die Chance besteht.“ (Julia Kuhles, BR)

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