Kommunales

Irene Straub war schon bei den Anfängen der „Aktion Schutzwald“ 1984 dabei. (Foto: Schneider)

19.09.2014

Die Baum-Päppler aus den Alpen

Freiwillige Helfer der „Aktion Schutzwald“ haben in 30 Jahren fast eine Million Setzlinge gepflanzt

Der bayerische Alpenwald ist ein bedrohtes Stück Natur. Im Jahr 1984 taten sich deshalb Freiwillige vom Deutschen Alpenverein (DAV) mit Spitzhacken zusammen, um am Hagenberg neue Bäume zu pflanzen – oder besser gesagt 20 bis 30 Zentimeter kleine Setzlinge, die später einmal zu einem großen Schutzwald heranwachsen und Steinschlag, Muren- und Lawinenabgänge verhindern sollen. Doch auch nach mehr als 930.000 Setzlingen in 30 Jahren bleibt die Lage ernst.

Alleine 8000 mühsam in Baumschulen im Tal herangezogene Pflänzchen sollen heuer zwischen dem Schliersee und dem Spitzingsee eine neue Heimat finden. Angesichts des runden Geburtstags der Aktion will sich auch Bayerns oberster Forst-Politiker ein Bild der Lage machen: Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) stapft an diesem feucht-kühlen Septembermorgen gemeinsam mit dem DAV-Vizepräsidenten Ludwig Wucherpfennig auf einem Trampelpfad durch das Unterholz.
Die Lage ist durchwachsen: Stefan Pratsch, der Forstbetriebsleiter von Schliersee, zeigt ihnen abgestorbene Äste, vom Sturm umgerissene Baumstämme und die Folgen von Borkenkäfern und Wildverbiss. Die Triebe der jungen Pflanzen sind in Gefahr von Gämsen, Rot- und Rehwild angeknabbert zu werden. Tannen, Fichten, Buchen und Lärchen wachsen hier in 1100 Metern Höhe ohnehin nur äußerst langsam. Damit die Aufforstung in den 150.000 Hektar Schutzwald in Bayern auch nachhaltig bestehen bleibe, müssten Waidmänner und Waldarbeiter eng zusammenarbeiten. „Mehr schießen“, wie die Forst-Lobby meint.
Etwas außer Atem erreicht der Minister das Ziel auf dem Hang am Hagenberg. Der Politiker hat nicht geplant, „so einen Höhenunterschied“ hinter sich zu bringen. Bereits beim Aufstieg ohne feste Wanderstiefel ist ihm ein schnaufendes „Des ist ja der Wahnsinn“ entfahren, jetzt lobt Brunner „Arbeitseifer, aber auch Freude“ der Ehrenamtlichen. 11 000 Bäume hätten die Freiwilligen der „Aktion Schutzwald“ gemeinsam mit Fachleuten im vergangenen Jahr gepflanzt. Hinzu kämen 8000 Meter ausgebesserte Steige und 20 neue Hochsitze für Jäger – ganz „nach dem Grundsatz Wald vor Wild“.
Im Gesicht noch deutlich gerötet, schreitet Brunner für ein Foto schließlich selbst zur Tat und bückt sich in den steilen Hang. Langsam drückt er einen Tannensetzling in die steinige Erde und spürt am eigenen Leib, wie anstrengend schon kleine Handgriffe im alpinen Gelände sein können.
Zur Sommerfrische verirren sich Urlauber hier auch eher nicht her. Kein Gipfel wie Rotwand, Wendelstein oder Brecherspitz locken. Für die Einheimischen und den Tourismus im Mangfallgebirge ist der Hagenberg dennoch ein Schicksalsberg. Im Winter bedrohen Lawinen die darunterliegende Zufahrtstraße zum Ski- und Wandergebiet Spitzing. Neben den Bäumchen sind daher auch kostspielige Verbauungen nötig, um die Schneemassen zu bändigen. Stahlnetze sollen in baumlosen Schneisen, in denen der Windwurf gewütet hat, vor Steinschlägen schützen. Dreibeine aus Rundhölzern brechen die Schneedecke und bewahren den Jungwald vor dem Erdrücktwerden.
Knapp zehn Prozent des bayerischen Schutzwaldes bieten der Wucht von Erdrutschen oder Schneemassen selbst keinen Widerstand mehr. So werden für die Freiwilligen-Aktion keine Mühen gescheut, unzählige neue Pflanzen mit dem Helikopter auf die Berge zu fliegen oder mit einer Materialseilbahn so nahe wie möglich zu den Ehrenamtlichen des DAV heranzubringen.

Forstarbeit als Workout

Rund 130 Naturschützer nehmen sich für das Bäume pflanzen jedes Jahr extra frei. In rund 20 Aktionswochen zwischen Juni und Oktober reisen die Helfer aus ganz Deutschland an, hacken Löcher in die Hänge, forsten auf und wandeln reine Fichtenbestände nach und nach in stabilere Bergmischwälder um. Alleine am Spitzingsee arbeiten bis Ende September vier Gruppen. „Ihr müsst nicht schnell sein, sondern die Pflanzen tief reindrücken“, warnt der erfahrene Forstwirt Anton Stöger dann einige Übereifrige. „Unter unseren Freiwilligen sind viele Leute, für die ist das in erster Linie Entspannung und Sport.“
Wenn der Waldarbeiter das sagt, klingt das anerkennend. Der kernige Mann mit Käppi und grell orangefarbenem Hemd weiß die Unterstützung zu schätzen, die ihm die Arbeit ungemein erleichtert. Im Sommer steht er von 7 bis 17 Uhr auf dem Berg: „Das geht auf die Knie und den Rücken.“
Für viele Städterer ist die Schufterei dagegen gewollte Abwechslung vom Büro-Alltag. In Gruppen von acht bis zehn Mann in einer einfachen Berghütte leben (einige haben nicht einmal Strom), mit dem Sonnenaufgang aufstehen und kräftig zupacken: Das ist gelebte Alm-Idylle – zumindest für ein paar Tage im Jahr.
Eine Freiwillige der ersten Stunde ist die 46-jährige Irene Straub. Mit 16 Jahren hat sie zum ersten Mal hingelangt, später ihre eigenen Kinder zum Pflanzen mitgenommen. „Damals waren wir mit der DAV-Sektion Vierseenland und dem Förster von Hohenschwangau unterwegs. Da ging es um das Umweltthema Waldsterben“, erzählt die drahtige Yoga-Lehrerin aus dem Landkreis Starnberg. Das Erlebnis in der freien Natur und der Einblick in die Funktionsweisen des Waldes hätten sie von jeher interessiert. „Teilweise haben wir vor 30 Jahren erst die Zapfen der Nadelbäume gesammelt und noch selbst zu kleinen Pflänzchen hochgezüchtet“. Später hätten sie die filigranen Bäumchen dann wieder im Gebirge ausgewildert. „Rettet den Wald ist wirklich schön!“, sagt Straub und bleibt trotzdem pragmatisch: „Aber die Alpen sind auch Lebensraum für den Menschen. Wir dürfen das Gebirge nicht sich selbst überlassen.“
(Andreas C. Schneider)

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