Kommunales

Dasing hat einen Lärmschutzwall und eine -wand erhalten, die Menschen klagen dennoch. (Foto: Alt)

10.02.2012

Kampf gegen ein lautes Zuhause

Die Gemeinde Dasing will die Lärmbelastung durch Bayerns meistbefahrene Autobahn A 8 nicht länger akzeptieren

Die Dasinger leben seit Jahrzehnten mit und von der Autobahn A 8. Die schnelle Verbindung nach München hat dem 5000-Einwohner-Ort nahe Augsburg auf der altbayerischen Lechseite viel Gewerbe und Zuzug von Pendlern gebracht. Dasing war allerdings lange hauptsächlich durch Staumeldungen im Radio bekannt. Seit die Vorkriegs-Autobahn hier sechsspurig ausgebaut wurde, ist dieses Problem beseitigt. Die Bürger freuten sich, als der neue großzügige Autobahnabschnitt eröffnet wurde. Bei vielen ist die Freude inzwischen jedoch sehr gedämpft: Die Autobahn sei unerträglich laut, klagen viele.
Manfred Müller lebt im Ortsteil Laimering. „Wir haben ja vorher nicht gewusst, dass es mit dem Autobahnlärm noch schlimmer wird“ meint er. „Ich habe gedacht, dass automatisch ein Lärmschutz gebaut wird – das ist ja überall sonst auch gemacht worden. Aber jetzt kann ich nicht mehr auf meinen Balkon.“ Eine „starke Beeinträchtigung der Lebensqualität“ sei es, „meine Frau hat deshalb Migräne“.
Müller wohnt am südwestlichen Ortsrand. Einige hundert Meter weit steigt ein Hang an, auf der Anhöhe führt die Autobahn vorbei. Früher war der Hang höher und die Fahrbahn tiefer, es gab Bäume, die Autogeräusche abschirmten. Die Trasse ist ein Stück zum Ort hin verlegt worden. Zu hören sind jetzt, zur Feierabendzeit, auch die Autos, die auf der anderen Seite von Müllers Haus in den Ort hinein fahren. Aber dieser Lärm beschränke sich auf wenige Morgen- und Abendstunden. Die Autobahn jedoch sei ab dem frühesten Morgen und bis weit in die Nacht beständig zu hören.


Autobahndirektion lehnt Lärmmessungen ab


Dasings Bürgermeister Erich Nagl (Freie Wähler) bekommt solche Klagen seit der Eröffnung der Ausbaustrecke Ende 2010 immer wieder zu hören. Aus seiner Schreibtischschublade zieht er einen Stapel Grafiken. Per Messgerät hat er in den Ortsteilen Laimering und Tattenhausen jeweils eine Woche lang die Autobahngeräusche aufgezeichnet. An allen Tagen ergibt sich das gleiche Bild: In der Zeit von 5 bis 6 Uhr morgens und zwischen 22 Uhr und Mitternacht ist der Lärmpegel ebenso hoch wie tagsüber – obwohl da niedrigere Nacht-Grenzwerte gelten. Für Nagl ist damit klar, dass der Lärmschutz verbessert werden muss. Der Bürgermeister ist deswegen seit längerem mit der Autobahndirektion in Kontakt. Die Atmosphäre der Gespräche sei „positiv“, getan habe sich bis jetzt aber noch nichts.
Die Behörde zieht sich auf Technokratensprech zurück: „Im 2004 abgeschlossenen Planfeststellungsverfahren sind gemäß der 16. Bundesimmissionsschutzverordnung Lärmberechnungen angestellt worden, auch detailliert für jedes vom Lärm betroffene Gebäude. Soweit Anspruch auf Lärmschutz bestand, wurde der nach Maßgabe von Verhältnismäßigkeit und Wirtschaftlichkeit gewährt.“ Richtige Lärmmessungen dagegen spielen für das Amt keine Rolle – sie seien „nicht aussagekräftig“, denn sie unterlägen „Witterungseinflüssen und Verkehrsschwankungen und nehmen auch Geräusche auf, die nicht von der Autobahn stammen“.
Grundlage für das Autobahnamt ist der „Prognoseverkehr 2020“, das dann erwartete durchschnittliche tägliche Verkehrsaufkommen auf den sechs Spuren. Die Behörde geht von einer gefahrenen Durchschnittsgeschwindigkeit von 130 km/h aus und zieht für den verbauten Waschbeton 2 dB(A) im Vergleich zu einer Asphaltdecke ab. Bei Wetter und Windrichtung würden die für die Anlieger ungünstigsten Faktoren angenommen. Die Sprecherin macht auch geltend, dass „der Autobahnverkehr in den vier Jahren Bauzeit sehr eingeschränkt und der Lärm durch ein Tempolimit gedämpft war. Dadurch hören die Bürger die Autobahn nun umso lauter“.


Bürger vermuten Fälschung bei Planungsunterlagen


Einige Dasinger Bürger argwöhnen, dass beim Bau vom Plan abgewichen wurde – besonders im Ortsteil Tattenhausen. Das Dorf reicht dort sehr nahe an die Autobahn heran, weshalb auch Schutzwälle aufgeschichtet und eine Lärmschutzwand errichtet wurden. Östlich dieser Wand ist beim Trassenausbau auf der anderen Straßenseite aber eine kahle Schräge entstanden, die nach Ansicht der Anlieger Lärm in den Ort reflektiert. In diesem Bereich scheinen tatsächlicher und im Plan eingezeichneter Lärmschutz nicht übereinzustimmen. Bürgermeister Nagl fordert deshalb Einsicht in die Planunterlagen und will klären, ob die Aufträge zum Straßenausbau der Planfeststellung entsprechen.
Ein Tempolimit zwischen Augsburg und München ist im Landtag bereits abgelehnt worden. Zusätzliche Lärmschutzwände kämen teuer, doch die Schaffung weiterer Erdwälle wäre möglich. Das kann laut Nagl die Gemeinde eventuell selbst finanzieren. Man müsste zu diesem Zweck Grundstücke von Bund, Land und Privatleuten erwerben und eine ordentliche Bauplanung durchführen. Ein Problem sieht das Gemeindeoberhaupt aber eher in den Kosten, um solche Wälle dauerhaft zu unterhalten und zu pflegen. Dafür wünscht er sich öffentliche Unterstützung.
Der Autobahndirektion müsste eigentlich daran gelegen sein, keinen Präzedenzfall zu schaffen, denn Dasing ist sicher nicht die einzige Gemeinde, die beim Lärmschutz an der Autobahn auf Nachbesserungen drängt. Die Behörden-Sprecherin blockt den Dasinger Wunsch zwar nicht ab, bleibt aber unverbindlich: Es sei „häufig angewandte Praxis, dass die Gemeinden einen zusätzlichen und über das gesetzliche Niveau hinausgehenden Lärmschutz selbst bezahlen. Die Autobahndirektion berät die Gemeinden dabei nach ihren Möglichkeiten.“ Konkrete Unterstützung klingt irgendwie anders. (Andreas Alt)

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