Kommunales

In der Altersgruppe der über 90-Jährigen hat mehr als jeder Dritte Alzheimer. (Foto: dpa)

07.04.2017

Kaum Licht am Ende des Tunnels

Forschung zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit kommt nur mühsam voran

Rückschläge gehören zum Geschäft. Dennoch hat sich der US-Pharmakonzern Eli Lilly das Ergebnis seiner Forschungsinvestition anders vorgestellt. Ebenso wie die überaus engagierten Mitglieder des Health Care Bayern. Auch das Ehrenamt braucht Erfolge, geht es doch um nicht weniger, als die Stärkung des Gesundheitsstandorts Bayern, ein selbstgestecktes Ziel.

Unter dem Motto „Alzheimer – schicksalhafte oder behandelbare Krankheit?“ – wollte der gemeinnützige Verein über den aktuellen Stand der Alzheimer Forschung sowie Diagnose, Früherkennung und Möglichkeiten der Versorgung informieren. Allerdings überschattete die jüngst enttäuschte Hoffnung im Kampf gegen das Vergessen die Veranstaltung.

Vier Phasen muss ein Medikament durchlaufen, bevor es auf den Markt kommen kann. Frühe Studien legten zwar einen medikamentösen Durchbruch nahe, die Datenlage der dritten Phase aber spricht deutliche Worte: Der Pharmakonzern kündigte an, keine Genehmigung der Arznei zu beantragen.

Haarausfall-Forschung ist erfolgversprechender


Dabei hatte so mancher Analyst dem Medikament Spitzenumsätze von mehr als fünf Milliarden Dollar jährlich zugetraut. „Pharmakonzerne stecken achtmal mehr in Forschung gegen Haarausfall als in die gegen Alzheimer. „Es wird also wohl so kommen, dass 2060 alle so aussehen wie Chewbacca (der Fell-Alien aus Star Wars), aber jeder die kognitive Leistungsfähigkeit einer Amöbe hat“, so jedenfalls legt es ein bekanntes Aperçu nahe.

Pflegekosten in Milliardenhöhe stehen auf dem Spiel, sollten die Forschungsanstrengungen wirklich langfristig scheitern. Denn Alzheimer ist eine Erkrankung, die erst meist mit dem fortgeschrittenen Alter kommt. Zwar sind nicht einmal zwei Prozent der 65-Jährigen daran erkrankt, aber dafür mehr als 35 Prozent der 90-Jährigen.

Die steigende Lebenserwartung scheint selbst das Bemühen um eine optimierte individuelle Lebensführung ad absurdum zu führen. Berechnungen zufolge sollen 2050 weltweit über hundert Millionen Menschen an Alzheimer erkrankt sein. Bayern, ein Alzheimer-Land? Bekanntlich steckt der Teufel im Detail. Ein wissenschaftlicher Königsweg im Rennen um eine Verzögerung der kognitiven Leistungsfähigkeit schien in jüngster Zeit die sogenannte Amyloid-Hypothese, eine Antikörpertherapie mit dem Beta-Amyloid-Protein als Zielmolekül. Nach erfolgsversprechenden Ansätzen bleiben zwei große Phase-III-Studien mit dem Wirkstoff Bapineuzumab ohne den gewünschten Erfolg. Johnson & Johnson und Pfizer zogen ihr Engagement zurück. Das schreckte Lilly allerdings nicht, ihren Antikörper Solanezumab in eine große multinationale, randomisierte Phase-III-Studie mit 2100 Alzheimer-Patienten einzubringen.

Das Ergebnis fiel ernüchternd aus. Allein die US-Pharmafirma Biogen mit ihrem spezifischen Wirkstoff Aducanumab, dem Dritten im Bunde, ist noch im Rennen, eine große Studie, die voraussichtlich bis 2018 läuft, soll für Klarheit sorgen. Transparenter und schneller Informationsaustausch zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung ist das Ziel der Health Care Bayern, Impulsgeber für neue Themen und Lenker der Lösungsfindung zu sein das Programm. Unter der Schirmherrschaft der bayerischen Staatsregierung vor zehn Jahren gegründet, zeigte die Organisation und ihre Referenten – die ein hohes Niveau des Symposiums garantierten – Größe in der Enttäuschung.

Diagnose über eine Speichelprobe


Die Forschungsgemeinde gibt sich derzeit desillusioniert, ebenso wie die anwendenden Ärzte. Was ist, wenn neue Ansätze und neue klinische Studien wider Erwarten auch nicht den erhofften Erfolg bringen werden? Jeder neue Ansatz in Therapie und Prävention wird medial mit großem Interesse verfolgt, zu viele Menschen warten schließlich auf eine wirksame Therapie. Gesunde Lebensweise, alternative und ergänzende Therapien wie Ergotherapien und Gedächtnistraining oder Nahrungsergänzungsmittel wie Ginseng, sind bestimmt hilfreich, doch – so betont, Professor Alexander Kurz vom Klinikum Rechts der Isar, seien lediglich in der Lage, den Gesamtzustand des Patienten und die Lebensqualität zu erhöhen, aber nicht zu heilen.

Allerdings sind die Forscher um Ideen nicht verlegen. Eine frühe Diagnose der Alzheimer-Krankheit bringt viele Vorteile, denn eine zeitige Behandlung kann die Lebensqualität erhalten. Hier sind neue Verfahren in der Erprobung, wie der Versuch, Alzheimer über eine Speichelprobe zu diagnostizieren. Das Beta-Amyloid bleibt zwar weiterhin im Fokus vieler Forscherteams, allerdings mit veränderten Therapiestrategien, wie BACE-Inhibitoren, gegen die Plaquebildung.

Darüber hinaus legen Tierexperimente nahe, dass die fibrillären Ablagerungen per Ultraschall aufgelöst werden könnten. Kritik an den heutigen Ansätzen der Alzheimer-Forschung erscheint unangemessen angesichts der Komplexität der neurodegenerativen Erkrankung. Auch wenn es Anzeichen gibt, dass die Alzheimer-Forschung auf dem richtigen Weg ist, bleibt es ungewiss, wie erfolgreich und risikoarm die neuen Konzepte sein werden. Die klinische Wirksamkeit kann letztlich nur am Menschen beurteilt werden. So bleibt den Forschern allein das „Prinzip Hoffnung“. (Rebecca Koenig)


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