Kommunales

16.09.2011

Literarische PR für die Kommunen

In Bayern stiften immer mehr Städte und Gemeinden Dichter-Preise – nicht immer wird ausschließlich Wertvolles geehrt

Herbstzeit ist Lesezeit. Wenn die Tage wieder früher dunkel werden, machen es sich die Menschen öfters mit Büchern gemütlich. Der Herbst ist aber auch die große Zeit der Literaturpreise. Über 100 soll es in Bayern geben, die genaue Zahl kennt keiner, denn auch Auszeichnungen kleinster Gemeinden oder gar Stadtviertel zählen dazu.

Viele finden auch kaum oder nur ein geringes Echo in der überörtlichen Öffentlichkeit, aber fest steht: Es werden immer mehr.
„Dazu gibt es sehr unterschiedliche Wertungen“, meint Andrea Wolf vom bayerischen Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. „Befürworter argumentieren, das sei gut, um auch verschiedene Sparten von Literatur beim Publikum bekannt zu machen und auf diese Weise vor allem junge Autoren zu fördern. Kritiker wiederum bemängeln, das inflationäre Stiften neuer Auszeichnungen würde den einzelnen Preis in seiner Bedeutung herabwürdigen.“
Unter Literaturkritikern gibt es die nicht eben seltene Ansicht, dass der Zugzwang einer Preisvergabe auch Autoren würdige, deren literarische Qualität zu wünschen übrig lasse. Die großen Verlage dagegen sehen die Situation entspannt. „Wir freuen uns, wenn ein Autor in einer bestimmten Region eine literarische Auszeichnung erhalten hat“, sagt Patricia Kessler, beim Münchner Verlag Droemer Knaur zuständige Pressesprecherin für die Belletristik. Dabei verfolge man auch nicht primär finanzielle Interessen, sondern wolle eher mithelfen, einen Autor gezielt aufzubauen. Ob sich der Absatz eines von diesem Autor verfassten Werkes dann signifikant verbessere, werde zwar nicht genau verfolgt, „aber nach allen Erfahrungswerten hat das schon gewisse Auswirkungen auf die Verkaufszahlen des Buches“, so Kessler. Droemer Knaur finanziere zwar keinen regionalen Literaturpreis direkt mit, unterstütze aber auf Nachfrage gern mit Buchlieferungen eine Tombola oder ein Preisausschreiben, ergänzt die Sprecherin.

Höhere Umsätze im Buchhandel

Andrea Wolf vom bayerischen Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erachtet die kommunalen Literaturpreise zwar als „ganz, ganz wichtig“ für den Buchhandel, verweist aber auch darauf, dass die Auswirkungen auf den Absatz natürlich vom Bekanntheitsgrad des Autorennamens abhängig sind. Als vor zwei Jahren der Geschwister-Scholl-Preis der bayerischen Landeshauptstadt an den italienischen Autor Roberto Saviano verliehen wurde, landete sogar die Taschenbuchausgabe seines Buches „Gomorrha“ auf der Spiegel-Beststeller-Liste. Zuvor war bekannt geworden, dass der Schriftsteller aufgrund seiner Recherchen vom organisierten Verbrechen verfolgt und bedroht wurde.
Unabhängig davon, ob das Stiften eines eigenen Preises das literarische Leben bereichert, ist das Ganze für eine Kommune nicht allzu schwer umzusetzen. Man braucht dazu lediglich einen Autor, der in irgendeiner biografischen Verbundenheit zu der jeweiligen Stadt oder Gemeinde steht, möglich ist auch ein literarisches Genre wie der Krimi (vielleicht gab es einst mysteriöse Morde in der Gegend). Wenn der Preis nur alle zwei, drei Jahre verliehen wird und die Preissumme nicht allzu hoch ist – unter 5000 Euro – , wird auch das Gemeindesäckel nicht über Gebühr belastet.
Und man kann davon ausgehen, dass einige Leser aufgrund der Lektüre gerade deswegen den Weg in die Region finden und die zusätzlichen Verkäufe in den örtlichen Buchhandlungen für eine höhere Gewerbesteuer sorgen. Die Stadt Penzberg beispielsweise verleiht gemeinsam mit den Vereinigten Sparkassen im Landkreis Weilheim-Schongau alle zwei Jahre den mit 2000 Euro dotierten „Penzberger Urmel“. Er wendet sich an Autoren und Illustratoren von Jugendbüchern. Im Gegensatz zu manch anderen, oft sehr allgemein formulierten Voraussetzungen, fordert die „Urmel“-Jury, dass der Preisträger „eine markante, einprägsame und bewegende literarische Gestalt geschaffen oder ihr eine unverwechselbare Erscheinung verliehen hat“. Schirmherr ist der Wahl-Penzberger Max Kruse, der Verfasser der „Urmel“-Geschichten.
Für die Organisation der Veranstaltung zuständig ist Gisela Geiger. Sie sieht im „Urmel“ auch eine Chance für Penzberg, überörtlich bekannt zu werden, gerade weil die Stadt in touristischer Hinsicht nicht viel zu bieten habe. Wichtig sei aber, dass man auch vor Ort über eine Klientel verfüge, die eine solche Initiative würdige. Penzberg sei eine klassische Industriestadt, so Geiger, und weise deshalb eine hohe Dichte an Akademikern auf. Auch müsse man das Projekt kontinuierlich erweitern, ist die Organisatorin überzeugt. In diesem Jahr beispielsweise fand erstmals ein Wettbewerb in Glasmalerei für Kinder statt, den man auf dem Münchner Stadtgeburtstag bewarb. Dort wiederum ist Penzberg über seine Mitgliedschaft in der Werbegemeinschaft im Jahr des „Blauen Reiters“ präsent.
Karin Rolles, Inhaberin einer Buchhandlung am Ort, beobachtet eine kurzfristige deutliche Erhöhung der Verkaufszahlen unmittelbar nach der „Urmel“-Preisvergabe. „Aber wir müssen auch einiges dafür tun, beispielsweise Büchertische aufstellen, mit Plakaten werben oder die Autoren zu Signierstunden einladen.“ Dabei spiele es keine Rolle, ob der Preisträger vorher einem breiten Publikum in der Region bekannt war oder nicht. (André Paul)

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