Kommunales

Fern - schnell - gut? Mit 25,25 Metern ist der Gigaliner nochmal 6,50 Meter länger als einer normaler Lastwagen. (Foto: DAPD)

25.11.2011

Riesenärger um Riesenlaster

Bayerns Kommunen sind nicht auf die neuen Lang-LKW vorbereitet und fürchten Chaos – Nürnberg ist bereits aus dem Pilotprojekt ausgestiegen

Gigaliner sind eine Katastrophe“, schimpft die Dachauer Stadträtin Elisabeth Kraus (FW). Die Straßen im Landkreis seien 50 Jahre alt und würden jetzt schon auseinanderbrechen. Wenn dann noch die Riesenlaster darauf fahren, müssten Bürger und Kommunen mit unverhältnismäßig hohen Kosten für die Fahrbahnsanierung rechnen. Zudem brauche selbst der größte Spediteur vor Ort keinen der überdimensionierten Lastwagen. Sie klagt: „Bayern soll sich lieber am Schienengüterverkehr der Schweiz orientieren.“ Doch ihre Warnung kommt zu spät, und selbst die Kritik vom bayerischen Städtetag blieb ungehört.


Bayern macht freiwillig mit


Zwar nehmen wegen der heftigen Kritik im Vorfeld nur noch sieben Bundesländer an dem Feldversuch des Bundesverkehrsministeriums teil – doch der Freistaat ist dabei. Freiwillig. Denn wenn das Land abgelehnt hätte, wären auch keine Riesenlastwagen auf seinen Autobahnen gefahren, erklärt eine Ministeriumssprecherin. Nachdem Verkehrsminister Martin Zeil (FDP) jedoch kürzlich die Teilnahme zugesichert hat, werden ab 1. Januar 2012 viele der 400 gut 25 Meter langen „EuroCombis“ über bayerische Straßen rollen. Erst nach fünf Jahren soll nochmal geprüft werden, ob dies tatsächlich eine Entlastung für den wachsenden Güterverkehr bringt.
Betroffen sind bisher alle Autobahnen und vierspurigen Bundesstraßen, bestätigt das bayerische Innenministerium. Hinzu kommen 51 Zubringerstrecken, um Fernstraßen oder Speditionsgelände zu erreichen. Ein vollständiges Streckennetz wird es erst zum Jahreswechsel geben. „Es wird keine Sechzigtonner oder Monstertrucks geben“, versichert allerdings Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Denn die teilnehmenden Laster dürften das bisher geltende Höchstgewicht von 44 Tonnen nicht überschreiten. „Wo heute drei Lkw pro Tag unterwegs sind, sind es im Feldversuch nur zwei Lang-Lkw“, beschwichtigt er. Außerdem hätten sie im Verhältnis einen geringeren Spritverbrauch und würden deutlich weniger CO2 ausstoßen.
Für den verkehrspolitischen Sprecher der Landtags-Grünen Thomas Mütze ist das Projekt dennoch eine „Sackgasse“. „Wie soll der Verkehr entlastet werden, wenn die Lang-Lkw nur mehr Volumen, aber nicht mehr Gewicht transportieren“, fragt er. Weil das Ursprungskonzept der Gigaliner auf Sechzigtonnern basierte, befürchtet er deren Zulassung noch vor Ende der Testphase. Weiter sorgt er sich mangels Stellplätze für Großraum- und Schwertransporte um Parkmöglichkeiten für die XXL-Trucks: „Die armen Fahrer werden verzweifeln.“ Im bayerischen Innenministerium erwartet man jedoch keine Probleme mit der Anzahl der Stellflächen. „Ob weitere Kapazitäten notwendig werden, wird der Feldversuch zeigen“, erklärt Innenminister Joachim Herrmann (CSU) lapidar.
Trotz der Probleme sind bislang viele Städte und Gemeinden noch völlig unvorbereitet: „Wir haben das Thema noch nicht in der Fraktion besprochen“, entschuldigt sich beispielsweise die für Verkehr zuständige Augsburger Stadträtin Daniela Dafler (CSU). Sie befürchte durch die Riesentrucks zwar auch eine große Umstellung für alle Verkehrsteilnehmer, sei aber momentan noch mit der Haushaltsplanung beschäftigt. Der Bezirksausschuss in Moosach habe sogar erst aus der Zeitung von der Teststrecke für Riesen-LKW im neuen Jahr erfahren. Die Moosacher haben jetzt Angst um ihr frisch aufgewertetes Stadtquartier und befürchten viele Unfälle beim Abbiegen der Gigaliner.
 Der Ingolstädter Stadtrat und ÖDP-Bezirksvorsitzende in Oberbayern Franz Hofmaier sieht in dem Feldversuch gar ein „ökologisches Armutszeugnis“. Für Ingolstadt sei zwar nur eine Zufahrtsstraße von der Autobahn positiv beschieden worden. Ob diese Route jedoch in allen Fällen von den Fahrern eingehalten werde, bezweifelt er. „Bei Straßensperrungen nach Unfällen ist dies ohnehin nicht möglich.“ Ähnlich sieht es Bayreuths Oberbürgermeister Michael Hohl (CSU): „Ein Gigaliner auf Abwegen wäre natürlich ein echtes Problem für den Verkehrsfluss in der Stadt, für Brückenbauwerke, Verkehrskreisel et cetera.“ Fahrverbote seien in Bayreuth allerdings zum jetzigen Zeitpunkt kein Thema.
Das ist in Nürnberg anders. Dort habe der Stadtrat das Thema frühzeitig in den Verkehrsausschuss gezogen, berichtet der stellvertretende Vorsitzende der Nürnberger SPD Thorsten Brehm. Nachdem die Meinung aufgrund der negativen Auswirkungen und aus Umweltgesichtspunkten parteiübergreifend sehr kritisch war, habe Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) dem Regierungsbezirk Mittelfranken für das Stadtgebiet mitgeteilt: „Kein Interesse“. Dies beruhe jedoch nicht auf einer rechtlichen Grundlage, sondern einfach auf der Tatsache, dass die XXL-Laster schädlich für Nürnberg sind. Der Regierungsbezirk habe dies anschließend bei der Genehmigung des Modellversuchs berücksichtigt.


Keiner muss mitmachen


Seitdem sei Ruhe eingekehrt. „Wir haben uns sehr gefreut, dass höhere Ebenen sich nicht über unsere Entscheidung hinwegsetzen“, berichtet Brehm erleichtert. Mütze hofft auf viele Nachahmer: „Wenn der Bürgermeister zusammen mit den anderen Parteien entscheidet, ‚die brauchen wir nicht’, kann das auch anderswo so laufen“. (David Lohmann)

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