Kommunales

Emissionen, Streusalz und mechanische Belastungen machen Bäumen in Städten zu schaffen. (Foto: Christ)

15.07.2011

Stadtbäume im Stresstest

Landesanstalt für Gartenbau unterzieht bis 2021 zukunftsträchtige Stadtbaumarten einer Klimaprüfung

Straßen mit Bäumen zu begrünen ist aus mehreren Gründen sinnvoll. Zum einen sind Bäume gut für die Luftqualität, zum anderen dienen sie der Erholung und sehen in Straßen und Parks einfach schön aus. Problematisch ist, dass Stadtbäume vor allem durch den Klimawandel zunehmend mehr Stress verkraften müssen. Welche Gewächse trotz Klimawandels künftig in Städten gedeihen werden, das erforscht die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG) seit 2009. Erste Ergebnisse des Projekts „Stadtgrün 2021“ wurden jetzt bei einem Symposium in Veitshöchheim vorgestellt.
Stadtbäume müssen mit strengen Wintern zurechtkommen, in warmen Sommermonaten enorme Rückstrahlung aushalten, sie sind Schadstoffemissionen, Streusalz, Spätfrösten und mechanischer Beschädigung von Wurzel, Stamm und Krone ausgesetzt. Dass vor allem Trocken- und Hitzestress zunimmt, steht für Biologin Susanne Böll vom Forschungsprojekt „Stadtgrün 2021“ außer Frage: „Wir sehen immer mehr Stammaufrisse aufgrund Frost und Sonnenbrand“, sagt Böll. Auch machten neue Schädlinge wie die Wollige Napfschildlaus Stadtbäumen zu schaffen. Vor allem Linden und Kastanien werden von der Schildlausart, die sich von Nordrhein-Westfalen über Deutschland verbreitet, befallen.
Doch kann es überhaupt „den“ Klimabaum für Bayern geben? Sicher nicht. Deshalb läuft der LWG-Versuch an drei ganz unterschiedlichen Standorten: in Würzburg, Hof und Kempten. In Unterfranken müssen die im Herbst 2009 gepflanzten Bäume mit dem warm-trockenen Weinbauklima zurechtkommen. Normalerweise steigen hier an mindestens sieben Tagen im Sommer die Temperaturen über 30 Grad, der Hitzestress für Stadtbäume ist dementsprechend sehr hoch. In Hof – mit seinen durchschnittlich 45 Eistagen jährlich auch das „Sibirien Bayerns“ genannt – haben die Bäume hingegen mit Winter- und Spätfrösten zu kämpfen. Kempten im Allgäu zeichnet sich durch reichlich Niederschläge aus. Es regnet hier etwa doppelt so viel wie in Würzburg.
Die 20 vom LWG-Team ausgewählten Baumarten verfügen über Eigenschaften, die sie trockenresistent und winterhart machen. Zu den besten Sorten für den Einsatz in der Stadt zählt laut Landschaftsplaner Philipp Schönfeld, Mitarbeiter im Projekt „Stadtgrün 2021“, die Nordamerikanische Rotesche. An den Standorten Würzburg und Kempten überraschte aber auch die Blumenesche im vergangenen Jahr mit einem dichten Austrieb. Die größten Unterschiede beim Austrieb an den drei Standorten wurden beim Ginkgo registriert. In Würzburg trieb das „lebende Fossil“ 2010 bereits in der 14. Kalenderwoche aus, in Kempten erst fünf und in Hof sogar erst sechs Wochen später.
Wert legte das Projektteam bei der Artenauswahl auch darauf, dass, je nach Standort in der Stadt oder im Dorf, Bäume von verschiedener Wuchsform zur Auswahl stehen. Wo große Bäume gefragt sind, eignet sich Schönfeld zufolge die trockenresistente, schnellwüchsige Zerr-Eiche. Insgesamt erprobt die Landesanstalt bis 2021 drei allesamt auch von dem Wiener Eichenexperten Helmut Pirc als Stadtbaum empfohlene Eichen. Neben der Zerr-Eiche wurden Ungarische und Spanische Eichen gepflanzt. Mit unterschiedlichem Erfolg.
Am Standort Hof zum Beispiel fiel die Ungarische Eiche wegen starker Streusalzbelastung komplett aus, sie musste in diesem Frühjahr ersetzt werden. Dass starker Wind und massiver Schneefall Stadtbäumen nicht zuträglich sind, zeigte sich an in Würzburg gepflanzten Amberbäumen. Im Herbst 2010 musste ein Exemplar dieser – wegen ihrer spektakulären Herbstfärbung schön anzusehenden – Baumart aufgrund Windbruch ersetzt werden.
Im vergangenen Winter kam es bei einem weiteren Exemplar zu starkem Kronenbruch, auch dieser Baum war nicht mehr zu retten. Vielversprechend entwickelten sich bisher dagegen die aus dem Südkaukasus stammenden, hitzeverträglichen und frosttoleranten Eisenholzbäume – laut Philipp Schönfeld eine bisher „völlig unterschätzte Art“. Zu beachten gilt hier, dass die Alterskrone dieser Bäume sehr breit werden kann. Abzuwarten bleibt, inwieweit die 20 ausgewählten Baumsorten tatsächlich das Potenzial haben, den Klimawandel zu überstehen.
Der vom bayerischen Landwirtschaftsministerium geförderte Hitzehärtetest wird sich noch über ein Jahrzehnt hinziehen. Zweimal jährlich sind Untersuchungen geplant. Besonders interessant für Mitarbeiter kommunaler Gartenämter und Landespfleger ist die Frage, inwieweit die Wurzeln der ausgewählten Stadtbäume von einer Mykorrhizapilz-Behandlung profitieren.
Die Hälfte der 480 Baumexemplare aus dem Versuch „Stadtgrün 2021“ ist damit besiedelt. Erwartet wird, dass Mykorrhiza-Präparate Stadtbäume unempfindlicher gegen Stress machen. Neben der Zerr-Eiche wurden Ungarische und Spanische Eichen gepflanzt. (Pat Christ)

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