Kommunales

Normales Totengedenken oder unkritische Heldenverehrung: Dieser Konflikt tritt bei Soldatengräbern häufig auf. (Foto: dpa)

11.05.2015

Zoff um Soldaten-Grab

Im Landkreis Nürnberg kündigt eine evangelische Pfarrerin, weil ihre Gemeinde die Kritik an der Ruhestätte für Angehörige der Waffen-SS nicht teilt

Der Streit um ein Grab für SS-Männer auf dem evangelischen Kirchhof in Offenhausen bei Hersbruck (Landkreis Nürnberger Land) führt nun zum Weggang der Pfarrerin. Barbara Meister-Hechtel, die ihr Amt erst vor zehn Monaten übernommen hatte, bewirbt sich auf eine andere Stelle. Sie werde voraussichtlich zum 1. September Offenhausen verlassen.
Die Gedenkstätte im Kirchhof für drei Mitglieder der Waffen-SS, die von US-amerikanischen Truppen am 21. April 1945 erschossen wurden, sorgt schon seit einiger Zeit für Streit in Offenhausen. Drei Stahlhelme an einem niedrigen Birkenkreuz und die SS-Runen in der Grabplatte sind vor drei Wochen entfernt worden. Allerdings war das Grab unter der Amtszeit von Meister-Hechtels Vorgänger vor zwei Jahren noch restauriert worden. "Dafür schäme ich mich", so die Pfarrerin.
Während Alteingesessene und Vertreter der 170 Mitglieder starken Krieger- und Soldatenkameradschaft der Auffassung sind, das Grab sei ein Mahnmal an sich, sind andere wie der Hersbrucker Dekan Werner Thiessen dafür, es zu entfernen oder wenigstens mit einer kommentierenden Tafel zu versehen. Stein des Anstoßes ist auch ein Gedicht auf der Platte, in dem unter anderem etwas von den "feigen Mördern" der jungen Männer steht, oder "es ist süß und ehrenhaft fürs Vaterland zu sterben".

 

Ein Stück Zeitgeschichte, sagen die meisten im Ort




In den letzten Kriegstagen hielten die US-Truppen im Offenhausener Schulhaus einige deutsche Soldaten gefangen. Unter ihnen waren auch die drei Mitglieder der Waffen-SS, die von den anderen getrennt und an einem Waldrand erschossen wurden. Sie sollen "herausfordernde Reden" gehalten haben. Für nicht unwahrscheinlich hält es der wissenschaftliche Referent bei der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Ulrich Fritz, dass die drei Männer zu den Bewachern der Todesmärsche aus den aufgelösten Konzentrationslagern gehörten. Im zweitgrößtes Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg hatten Gefangene Stollen für ein geplantes unterirdisches Flugzeugwerk der Firma BMW schlagen müssen.
Im Ort herrscht die Stimmung vor, das Grab sei jetzt 70 Jahre kein Problem gewesen und außerdem ein Stück Zeitgeschichte, erklärte der Offenhausener Bürgermeister Georg Rauh (parteifrei).Die Gemeinde müsse aber bereit sein, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, erklärt dagegen Pfarrerin Meister-Hechtel, nachdem sie sich entschlossen hat zu gehen. Der Streit um das Grab und andere "Altlasten" seien zu viel gewesen, um sie zu bewältigen, sagt sie.
Der zuständige Nürnberger Regionalbischof Stefan Ark Nitsche zeigt erständnis für den Wunsch Meister-Hechtels, Offenhausen wieder zu verlassen. Die Pfarrerin habe sich deutlich positioniert, wofür er ihr dankbar sei. Das weitere Vorgehen um die Grabstätte werde nicht nur für den Kirchenvorstand, sondern für alle Beteiligten "mühsam", so Nitsche. "Aber wenn man dran bleibt, kommt man vielleicht zu einer Lösung." Doch die Gemeinde wünscht sich erst mal Ruhe. Schließlich steht an diesem Wochenende das 125-jährige Jubiläum der Feuerwehr auf dem Programm. "Die Feier soll nicht überschattet werden", so Dekan Thiessen. Die Pfarrerin will  auf den brodelnden Streit in ihrer Predigrt nicht eingehen. (epd)

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Kommentare (8)

  1. steintor am 17.05.2015
    Eine Pfarrerin die das völkerrechtswidrige Erschießen von unbewaffneten und verwundeten Soldaten die sich schon ergeben hatten nicht verurteilt, sondern am Ende sogar noch verteidigt und ihr Totengedenken stören will, ist eine Schande für die Kirche, für Deutschland und für die Menschheit!

    Das waren junge Bürschchen unter 20 - Pfui Teufel!
  2. gw am 18.05.2015
    Es ist schon eine "Leistung", die - tatsächlich völkerrechtswidrige - Standrechtliche Erschießung als (wie es " steintor" macht) DAS Skandalon herauszustellen und von Totenruhe und Schande zu schwafeln --- wenn die angeblich unbedarften "Bürschchen" aus der Schar der SS-Schandtäter herausgeholt worden waren, weil sie sich besonders gebrüstet hatten, ihren grausigen Teil "geleistet" zu haben innerhalb einer unvorstellbar jedes Recht missachtenden Mordmaschinerie! Können "steintor", der vorherige Pfarrer, der jetzige Bürgermeister, der Kirchenvorstand etc. wirklich nicht kapieren, welchen Ungeist sie fördern, wenn sie "harmloses Gedenken" propagieren, zu "verteidigen" glauben, aber praktisch unter den Tisch fallen lassen, wie viele wirklich (!) unbewaffnete und unschuldige Menschen von Waffen-SS & Co. gequält, geschunden, getötet wurden?! Ach steintor, wenn Du geschwiegen und nachgedacht hättest, wärst Du wahrscheinlich immer noch kein Philosoph, aber nicht gar so dumm-überheblich! Wirklich gescheite Leute lernen lebenslang. Vorschlag an "steintor", Rauh etc., sich diese Mühe des Dazulernens zu machen, bislang verrammelte Tore aufzumachen, Frischluft renzulassen... Es lohnt sich. Und wenn dann sogar eine - ernst gemeinte - Entschuldigung an die Pfarrerin herauskäme, dann - d a n n ! - wäre das Größe! Gut für die Kirche, Deutschland, die Menschheit...
  3. muel am 18.05.2015
    Pfarrerin, Dekan und Kreisdekan wollen nicht oder getrauen sich nicht zur Wahrheit zu stehen: Das Erschießen von Kriegsgefangenen ist und bleibt ein Verbrechen, auch wenn es sich um Gefangene aus der SS handelt, auch wenn es von den siegreichen Amerikanern begangen wird. Gefangene aus dem KZ- Außenlager Hersbruck wurden nie durch Offenhausen geführt, siehe das Buch "Herr Pfarrer, wie kamen sie zur SS?". Dort ist der "Todesmarsch" von Hersbruck nach Dachau beschrieben. Wenn die ev. Kirche eine Zukunft haben will, sollte sie zur Wahrheit stehen! Aber sie ist ja schon bei Bischof Meiser eingeknickt und hat zugelassen, dass ein Bischof, der sich gegen den Nationalsozialismus gestellt hat, in den Schmutz gezogen wird ...
  4. P.Reinike am 20.05.2015
    In der Tat ist die Erschießung von drei Soldaten der Waffen SS wegen "herausfordernder Reden" ein glasklares Kriegsverbrechen, für das auch in diesem Fall niemand bestraft wurde. Wären verbale 'Herausforderungen' eine Rechtfertigung oder Legitimierung für Erschießungen, so wäre jedes Kriegsrecht ad absurdum geführt. Wenn der wissenschaftliche Referent bei der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Ulrich Fritz nun in die Debatte wirft, es seien unter Umständen Angehörige einer Einheit zur KZ Bewachung gewesen, so ist das eine durch nichts bewiesene Vermutung oder eine Suggestion, mit dem das Kriegsverbrechen zumindest subkutan gerechtfertigt werden soll. Das missionarische Aufreten der der Pfarrerin Barbara Meister-Hechtel, die die Gräber bereinigen oder zumindest zeitgeistmäßig und didaktisch bearbeiten wollte, hat nicht die von ihr gewünschte vorbehaltlose Resonanz gefunden und ist nun ihr Motiv, empört die Gemeinde zu verlassen.

    Das sind zwar alles nur Nebenaspekte, die in der Summe aber den bizarren und zuweilen pathologischen Zustand zeigen, in dem die Auseinandersetzung über den 2. WK mittlerweile geführt wird. Der 'Kampf gegen Rechts' scheint sich mittlerweile nicht nur auf Lebende zu beschränken, sondern hat die Friedhöfe und damit die Gräber erreicht.
  5. MBi am 20.05.2015
    Es wird der Pfarrerin, dem Dekan, dem Regionalbischof mehrfach vorgeworfen, sie wollten die Erschießung der drei jungen Männer beschönigen, verteidigen oder ähnliches. Solches hat aber meines Wissens keiner der Kirchenleute getan. Da sollten die Forumsteilnehmer gerecht sein bei dem, was sie sagen.
    Die Geschichte der drei SS-Leute ist ganz einfach ungeklärt. Man braucht die Soldaten nicht anzuklagen und man braucht sie nicht zu vertreidigen, bedauern kann man sie immer. Für manche Offenhausener ist das Grab offenbar ein Mahnmal gegen eine vermutete rechtswidrige Erschießung.

    Das möge von mir aus gerne so bleiben, aber man konnte das Grab von außen nicht als so ein Mahnmal erkennen. Der fremde Betrachter des Grabes, der die Geschichte nicht kannte, musste sich ernsthaft fragen, ob in diesem Dorf die SS doch noch irgendwie verherrlicht werden soll. Das Aussehen des Grabes war zweideutig. Um das zu vermeiden, hätte womöglich eine erklärende Tafel ausgereicht. Eine simple Idee eigentlich. Man ging nun sicherheitshalber einen Schritt weiter und entfernte die Helme und die Runen. Auch eine denkbare Lösung. Vom Landesbischof Mieser, der hier erwähnt wird, gab es übrigens bereits zu Kriegszeiten einen Erlaß, dass Runen jeder Art auf Friedhöfen nichts zu suchen hätten. Das hat man anscheinend nach dem Krieg, als das hier behandelte SS-Grab in die heutige Form gebracht wurde, schon nicht mehr gewusst.
    Was jedenfalls nicht geht, ist so ein Grab unkommentiert zu lassen. Jede belassene Zweideutigkeit ist ein Schlag ins Gesicht aller, die (oder deren Angehörige) von der SS-Schreckensherrschaft betroffen waren. Und sollten die drei Begrabenen selbst zwangsrekrutiert gewesen sein, dann gilt das erst recht.
  6. Gutz am 21.05.2015
    Es ist immer wieder herrlich zu erleben, wenn weltweit NUR die Deutschen, diesen angeblichen Ojektivitätswahn huldigen, der faktisch nur ein Schuldkult ist - denn er hat nicht geholfen, aktuelle Verbrechen und Ungerechtigkeit zu verhindern.

    Wer gedenkt eigentlich der unschuldigen deutschen Opfer, die von polnischen Mordbrennern in den 20ern "geqält, geschunden und ermordet" wurden?

    "SS-Schreckensherrschaft, SS-Schandtäter". Wahnsinn, welche Vokabeln ihr Spezialisten aus dem Hut zaubert, @Mbi&gw. Gerne hätte ich eine Meiung von deutschen Normalbürgernin der Zeit des 3. Reichs, ob sie ihre Jugend in einer "Schreckensherrschaft" verbrachten. Unkenrufe lassen mich zu anderen Schlüssen kommen.

    Dazu die Pauschalverurteilung aller SS-Angehörigen. Hat man denn nicht aus den Fehlern von Pauschalverurteilungen gelernt?
  7. Anne Wand am 23.05.2015
    Vielleicht sollte sich die Pfa..in mit dem Doppelnamen und ihr "Verstaendnis" zeigender Regionaloberchrist mal eine Ausgabe des Kriegsgraebergesetzes besorgen und darin lesen, bevor jemand vorbeikommt und es ihnen vorliest...
  8. MBi am 24.05.2015
    Hallo Gutz! Mit SS-Schreckensherrschaft ist hier gemeint: Zur Zeit der Machtergreifung Schlägertrupps, die Opposition nicht durch Argumente, sondern durch Gewalt verschüchtert haben. Eine große Mehrheit, die nicht opponiert hat, hat davon natürlich wenig gemerkt. Zur Zeit der Partisanenkämpfe Auslöschung von kompletten Dörfern (also nicht nur Partisanengruppen) in jedem Land, das damals von Deutschland besetzt war. Zur Zeit des Vernichtungskriegs gegen andere Länder der Sonderauftrag der SS, Kriegsgefangene und Angehörige bestimmter Volksgruppen systematisch umzubringen; hier insbesondere der Betrieb von riesigen Vernichtungslagern (KZ). Zur Zeit des Zusammenbruchs Hinrichtung von Menschen, die vernünftiger Weise die Verteidigung aufgeben wollten (die zahllosen Fotos der deswegen Erhängten sind glaube ich bekannt. Natürlich war hier nicht nur die SS beteiligt). Für diese "Projekte" steht längst nicht jedes SS-Mitglied, aber der Name der SS schon. Sie wurde nach dem Krieg nicht ohne Grund als "Verbrecherische Organisation" eingestuft.
    Und nochmal: Es geht in dieser Diskussion (Grab in Offenhausen) nicht um Schuldzuweisungen, sondern es geht darum, dafür zu sorgen, dass das Grab nicht als eine Verherrlichung von Schlägertrupps, Auslöschung von Volksgruppen und Dörfern und überhaupt unschuldigen Menschen verstanden werden kann.

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