Kultur

Andreas Kriegenburg nimmt in seiner Inszenierung nicht die multimedialen Vorgaben Zimmermanns auf. Die Bühne mit den zu einem Kreuz gruppierten Käfigen bleibt statisch. (Foto: Wilfried Hösl)

30.05.2014

Atemberaubendes Horrorszenario

Kirill Petrenko macht Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten" zu einem Hörerlebnis der Extraklasse

Es ist nicht ganz einfach, Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten auf die Bühne zu hieven. Denn dieser Vierakter, der Ende der 1950er Jahre entstanden und 1965 in Köln uraufgeführt wurde, sprengt buchstäblich den konventionellen Theaterraum. In zahlreichen Simultanszenen wird die Geschichte einer pervertierten, gewaltvollen Gesellschaft erzählt – nach dem gleichnamigen Stück von Jakob Michael Reinhold Lenz von 1774/75. Noch dazu hatte Zimmermann eine frühe Form der Multimedialität ausgeklügelt.
Davon blieb in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg, die jetzt an der Bayerischen Staatsoper Premiere hatte, nicht viel übrig. Wie so häufig in jüngeren Produktionen dieses Meisterwerks wurden weder die szenische Mehrschichtigkeit noch der multimediale Ansatz umgesetzt – obwohl dies gerade heute technisch einfacher umzusetzen wäre als zur Entstehungszeit der Oper. Es wurden nicht einmal Filmeinblendungen eingearbeitet, die Zimmermann ursprünglich vorgesehen hatte.

Kriegenburg historisiert

Stattdessen kreierte Harald B. Thor im Grunde eine traditionelle Guckkasten-Bühne: sieben Käfige bilden ein riesiges Kreuz. Das fährt zwar vor und zurück – vom etwas statischen Entwurf kann das aber nicht ablenken. In den sieben Käfigen ist der Mensch gefangen – Täter und Opfer gleichermaßen. Von der ersten Note an misshandeln und vergewaltigen Offiziere und Soldaten die Gefangenen. Manches Horrorszenario erinnert an das US-Folterlager Abu Ghuraib im Irak. Selbst die tragische Marie (Barbara Hannigan) war von Beginn an eine verlorene Soldatenhure: Eine dramaturgische Entwicklung war nicht erkennbar. Bei dieser Fallhöhe blieb eine Steigerung unmöglich.
Noch dazu gibt sich Kriegenburgs Inszenierung ausgesprochen historisierend. Die Kostüme von Andrea Schraad atmen überwiegend die Zeit des 19. Jahrhunderts, nur der Beatles-Look der Jazz-Combo auf der Bühne schlägt eine verhaltene, jedoch eher hilflose Brücke ins Heute – obwohl Zimmermann auch die Zeitebenen aufhebt, um die Allgemeingültigkeit menschlicher Perversion vorzuführen.
Wie sehr Kriegenburg historisiert, offenbart aber vor allem die Finalszene. Ursprünglich wollte Zimmermann die Oper mit der Projektion einer Atombombenexplosion beenden, um die Misshandlung und den Tod aller zu verdeutlichen. Bei der Uraufführung 1965 ließ der Regisseur Hans Neugebauer stattdessen ein grelles Licht auf das Publikum richten – genau das tat nun auch Kriegenburg in München.
Umso epochaler und atemberaubender sind die Leistungen von Kirill Petrenko und dem großartigen Staatsorchester. Mit äußerster Expressivität und schier körperlicher Kraft verlebendigt Petrenko die vielschichtige Partitur, ohne sich im Klangrausch zu verlieren. Denn zugleich seziert er punktgenau Zimmermanns polystilistische Collage, samt Jazz, Elektronik, Zuspielbändern und Raumklang-Wirkungen: Ein fesselndes, packendes Hörerlebnis wurde geboren. Petrenkos Leitung hat alles in den Schatten gestellt, was man in jüngerer Zeit von diesem Werk gehört hat. Sein Dirigat hat jene Mehrschichtigkeit hörbar gemacht, die sich szenisch rar machte.
Obendrein sind Solisten zu erleben, die darstellerisch und gesanglich durchwegs glänzen. Das gilt nicht nur für die faszinierende Hannigan als Marie, sondern auch für Michael Nagy (Stolzius), Daniel Brenna (Desportes) und Okka von der Damerau (Charlotte). Bis in die kleinste Rolle wurde Überragendes geleistet. Diese Soldaten bescheren ein bleibendes Hörereignis. (Marco Frei)

Foto (Wilfried Hösl):
Grandiose Solisten: Barbara Hannigan als Marie und Daniel Brenna als Desportes.

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