Kultur

Als Beispiel für eine „Herausforderung des Objekts“ nannte Ulrich Großmann, der Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in seinem Festvortrag Ottmar Hörls Installation aus 7500 Plastikhasen, die der berühmten Feldhasen-Studie von Albrecht Dürer nachgebildet sind. Die Arbeit war 2003 auf dem Nürnberger Hauptmarkt aufgestellt. (Foto: GNM)

27.07.2012

Auf der Suche nach dem wahren Charakter

Zum Internationalen Kongress der Kunsthistoriker reisten rund 1500 Experten aus aller Welt nach Nürnberg

Beim 33. Internationalen Kongress der Kunsthistoriker in Nürnberg versuchten eine Woche lang an die 1500 Kunstexperten aus 46 Ländern aus vier Kontinenten den Gegenstand dingfest zu machen, dem ihr Handwerk gilt und der sie wissenschaftlich herausfordert: das Kunstwerk, das künstlerische Artefakt, das historische Relikt der Kunst und das Kunsthandwerks. Die Herausforderung des Objekts lautete deshalb auch das Motto der Tagung, zu dem das Germanische Nationalmuseum Nürnberg den seit 1873 bestehenden „Congrès International d’Histoire de l’Art“ (CIHA) ins Nürnberger Congress-Centrum eingeladen hatte. Nur einmal, 1893, tagte der alle vier Jahre stattfindende Kongress schon in Nürnberg, der zuletzt in Montreal, 2004, und in Melbourne, 2008, abgehalten worden war und der 2016 nach Peking weiterzieht.
In 400 Vorträgen ging es vor allem um die Frage, wie sich denn das Kunstwerk im Zeitalter des Internet, des Cyberspace und der Digitalisierung, also der beliebigen Verfügbarkeit von jedermann und allerorten, seine Originalität bewahren könne. Verliert es nicht gerade das, was jenseits des Sichtbaren seine Aura ausmacht, sein Faszinosum, das Menschen über Jahrhunderte hinweg in Bann zieht oder provoziert?
Aber gerade die derzeit im Germanischen Nationalmuseum zu sehende (und mittlerweile von mehr als 100 000 Menschen besuchte) große Ausstellung Der frühe Dürer widerlegt diesen Verdacht, bestätigt vielmehr, dass die analoge Präsentation des Bildes im Museum der digitalen Repräsentanz und dem Verschwinden des Objekts in den Weiten des Webs immer noch überlegen ist.
Eine ganz andere Dimension des Verschwindens von Kunstwerken rückte das Paneel „Beutekunst, Raubkunst und Restitution“ ins Blickfeld: Kunstwerke sind die letzten Gefangenen des Ersten und viel mehr noch des Zweiten Weltkriegs, verstreut und versteckt an Orten in der ganzen Welt, wohin sie nach Enteignung, Arisierung, Beschlagnahmung, Diebstahl oder Raub entführt wurden.
Bei Beutekunst geht es ja längst nicht mehr nur um die seriöse Provenienzforschung der Museen und der Rückgabe der Objekte an ihre rechtmäßigen Eigentümer. Vielmehr ist der Handel mit Raubkunst zum höchst profitablen Geschäft für darauf spezialisierte Rechtsanwälte und Auktionshäuser geworden, was freilich den nach Jahrzehnten des Schweigens längst fälligen Mentalitätswandel erst mit herbeiführte.
Der Kunsthistoriker-Kongress beschäftigte sich nicht nur mit solch handfesten Fragen zum Schicksal und zur Geschichte von Objekten, sondern diskutierte höchst diffizile theoretische Fragestellungen wie etwa die nach Begriff und Theorien des Originals als hermeneutisches Problem.
Da ging es dann um die Herausforderungen, die das Objekt an den Kunsthistoriker wie an den Kenner, Sammler und Betrachter stellt, der im Kunstwerk als dem Objekt seiner Begierde nicht nur das äußerlich Ikonografische, sondern auch das dahinter verborgene Ikonologische sehen und suchen sollte. Wie etwa den geistigen und gesellschaftlichen Raum der Epoche, die – frei nach dem immer wieder zitierten Walter Benjamin – die unsichtbare und dennoch spürbare, lesbare Aura oder gar die ideologische Umzirkung, die das Werk nicht als Dekoration eines Salons ansieht (und damit die Kunsthistoriker zu Dekorateuren macht), sondern das eine eigene Dynamik entwickelnde Objekt zum sozialen Artefakt macht, also seinen wahren Charakter als Warencharakter enthüllt. Das ist eine Betrachtungsweise, die notabene zu einer radikalen Demokratisierung der Kunstgeschichte führen müsste, wie der griechische Kunsthistoriker Nicos Hadjinicolaou vehement forderte.
Da spätestens war man bei der Entgrenzung des Objekts und dem immer wieder apostrophierten erweiterten Kunstbegriff angelangt, den Joseph Beuys auf die ebenso viel zitierte, wie immer noch falsch verstandene These und damit auf den Punkt gebracht hatte: Jeder Mensch ist ein Künstler. Womit er ja nicht meinte, dass jeder Mensch wie Dürer porträtieren und wie Picasso malen könne; vielmehr, so provozierte Beuys und erklärte damit jedes Kunstwerk zum (in des Wortes buchstäblicher Bedeutung) wahren Volks-Vermögen, sei das noch so brillante Gemälde nichts als ein Stück Leinwand mit aufgetragenen Farbpigmenten, wenn nicht ein Mensch davor stehe, der es sich in einem Akt höchster geistiger Kreativität aneigne – und es staunend betrachte und bewundere. (Friedrich J. Bröder)

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