Kultur

Der Gruppe WIR ging es um einen Aufbruch in der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg – und um eine Gegenposition zum vorherrschenden Informel. Hier Hans Matthäus Bachmayers "Metamorphose" (1965), dahinter Reinhold Hellers Monteverdi (1964/65). (Foto: Kohl)

13.03.2015

Aufbruch mit Gefühl

Das Museum Lothar Fischer in Neumarkt widmet der Münchener Gruppe WIR eine längst überfällige Ausstellung

Drei Maler bildeten die Gruppe WIR, später wurden es fünf. Trotz unterschiedlicher Positionen wollten alle das gleiche: den Aufbruch im München der Nachkriegszeit, den Widerstand gegen die damals vorherrschende Abstraktion und den Protest gegen das Establishment.
Helmut Rieger (1931 bis 2014), Florian Köhler (1935 bis 2013) und Heino Naujoks (1937 geboren) studieren 1959, im Jahr der Gruppengründung, noch an der Akademie der Bildenden Künste in München Malerei (Klasse von Erich Glette). Im Sommer 1959 fahren sie zur documenta II nach Kassel und diskutieren die Neue Figuration. Aus der Werkstatt der Künstler (Buchtitel) des damals in München lebenden Malers und Kunsttheoretikers Hans Platschek, der mit der 1957 gegründeten Gruppe SPUR um Lothar Fischer, Heimrad Prem, Helmut Sturm und HP Zimmer in Kontakt war.
„Neue Figuration“ nannten sie in Abgrenzung zur gegenstandslosen Kunst ihre expressiv-figurative Bildsprache, die sich zunächst aus der Tradition der alten Meister wie Tintoretto, Rubens, El Greco oder Delacroix nährte. Sie waren fasziniert von dem Barockbildhauer Bernini, dessen Verzückung der Hl. Theresa in Rom sie elektrisiert haben muss, aber auch von den Deckenfresken des bayerischen Barocks, den sie in gemeinsamen Ausflügen erkundeten.
WIR rückte in ihrem 1960 herausgegebenen Manifest die Probleme der Zeit in den Fokus, wandte sich gegen Kapitalismus und Materialismus und plädierte für die „Echtheit des Gefühls“. Ihre Auseinandersetzung mit dem Barock ist dokumentiert in dem Film Über den barocken Raum, den Helmut Rieger 1962 gemeinsam mit den neu hinzugekommenen Mitgliedern Reinhold Heller (1933 bis 1993) und Hans Matthäus Bachmayer (1940 bis 2013) drehte.
Parallel dazu wurden die Formensprache des analytischen Kubismus wichtig, der abstrakte Expressionismus von Jackson Pollock und Willem de Kooning. Auch Pop Art fand ihren Weg in die Kunst von WIR, veränderte deren Formen. Collagen fanden Eingang in die Bilder, schon 1963 montierte Heino Naujoks Zeitungspapier auf seine Leinwände, triviale Bildthemen tauchten auf. Köhler und Rieger beschäftigen sich mit Interieurs, Bachmayer und Heller bauen Glieder von Puppen als Elemente in Bilder und Assemblagen ein. 1965 fusionierte WIR mit der Gruppe SPUR.

Grandioser Rückblick

Die aktuelle Ausstellung im Lothar Fischer Museum in Neumarkt gibt einen längst fälligen Überblick und würdigt das Schaffen der Gruppe in ihrer Bedeutung als einen der „markantesten Beiträge zur Erneuerung der zeitgenössischen Kunst im München der Nachkriegszeit“, wie Zdenek Felix, Kunstverein München, später Direktor der Deichtorhallen in Hamburg, das schon bald sah.
Die Ausstellung widmet jedem Künstler einen eigenen Raum und zeigt in einem grandiosen Rückblick auf diese fruchtbare Zeit des vehementen Aufbruchs nach den düsteren Kriegsjahren, welch erneuernde Kraft von den mittlerweile legendären Gruppen in München ausging. (Ines Kohl)

Bis 3. Mai. Museum Lothar Fischer, Weiherstraße 7a, 92318 Neumarkt. Mi. bis Fr. 14 bis 17 Uhr, Sa./So. 11 bis 17 Uhr. www.museum.lothar-fischer.de

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