Kultur

Das Historische Lexikon Bayerns gibt es nur in dieser einzigen Druckausgabe - damit man einmal sieht, wie umfangreich die Buchedition wäre, würde man alles konventionell veröffentlichen, was unter www.historisches-lexikon-bayerns.de zu finden ist. (Foto: HLB)

24.06.2016

Bayern in Bytes

Zehn Jahre Historisches Lexikon Bayerns: Wie man die Geschichtswissenschaft erfolgreich im Netz platziert

Nach rund 200 Jahren war Schluss: 2014 wurde offiziell das Aus für den Brockhaus verkündet. Das Leit-Lexikon machte Millionen Miese – Wikipedia hatte ihm den Rang abgelaufen. Heute schlägt man nicht mehr nach – jetzt wird durchs Online-Lexikon geklickt und gewischt. Und da bringen es die Betreiber vom Historischen Lexikon Bayerns (HLB), einem Internet-Lexikon, doch glatt fertig, und präsentieren jetzt ihr Werk ganz konventionell: 8000 Seiten in 19 Bänden.

„Nein, wir machen keinen Sprung zurück“, beruhigt Stephan Kellner, der Projektverantwortliche, lächelnd, „diese analoge Version wird es nur in diesem einzigen Exemplar und nicht zu kaufen geben“. Man hat sich das zum zehnjährigen Jubiläum gegönnt – um einmal dem Virtuellen eine vorstellbare Maßstäblichkeit zu geben. So umfangreich wäre das Lexikon nämlich, wenn man all die Lemmata unter www.historisches-lexikon-bayerns.de drucken würde.

Vielleicht gerade mal die Hälfte geschafft

Und das wäre nur der erste Teil. Bestimmt noch einmal zehn Jahre und 1000 bis 1500 weitere Artikel brauche es, so Stephan Kellner, bis das Opus magnum die konzipierte Gestalt habe – ohne freilich je fertig zu sein. Es bleibt ein Work in Progress – Ergänzungen oder Korrekturen können fortwährend und relativ schnell durchgeführt werden. Bei Druckausgaben mussten bis zur kompletten Neuauflage umständlich zu handhabende Ergänzungsbände nachgelegt werden.

Radikale Entscheidung

Der Staat leistet sich das Basis-Nachschlagewerk zu seiner Geschichte „nur“ online? Das war damals eine radikale Entscheidung, aber keineswegs (nur) der Furcht vorm wirtschaftlichen Flop einer Printversion geschuldet: Gerade in der Bayerischen Staatsbibliothek, die federführend bei der technischen Umsetzung des Projekts ist, hatte man schon zu dieser Zeit genügend Erfahrungen mit dem Nutzerverhalten hin zu digital und online gesammelt.
Die Rechnung ging auf: Rund 50.000 Benutzer klicken sich nun allmonatlich durch das HLB – und zwar auch User ohne akademischen Background: „Uns geht es um die Vermittlung von Wissenschaft für eine breite Nutzerschicht“, erklärt Stephan Kellner und spricht ein bisschen stolz von der „volksaufklärerischen Aufgabe des Lexikons“, wenn er die Auswertung der jüngsten Nutzerstatistiken zitiert.

Aktuelles klicken

Die meisten Klicks im Januar galten Hitlers Mein Kampf. Da war die kommentierte Ausgabe des Bandes in aller Munde, die Leute wollten mehr Hintergrund dazu erfahren. Im Februar und März war ein Beitrag zu Flucht und Vertreibung nach 1945 der meistgeklickte. Auch das geschah während der aktuellen politischen Diskussion. Und im Mai schnellten die Klicks zur Ottheinrich-Bibel in die Höhe – in dem Monat eröffnete eine große Ausstellung dazu in Neuburg an der Donau.

Kurze Sätze, lesbar, um Allgemeinverständlichkeit bemüht: Für die HLB-Autoren gibt es natürlich Richtlinien. Letztlich wird jeder Beitrag sowieso von der Redaktion und vom wissenschaftlichen Beirat genau unter die Lupe genommen – stilistisch, vor allem aber inhaltlich. Das geschieht auf sehr hohem Niveau: Man legt Wert aufs wissenschaftliche Expertenwissen – die Redaktion sucht gezielt Autoren und verwaltet nicht etwa zufällig und nach persönlichem Interesse eingereichte Beiträge.

Stephan Kellner, der von Anfang an das Projekt leitet, skizziert das Prozedere: Es gibt Epochenmodule – derzeit „Weimarer Republik“, „Spätmittelalter“ und „Zeitgeschichte“. Die Redaktion baut zu jedem quasi ein Skelett aus Stichpunkten („damit ist ein wissenschaftlicher Kollege halbtags gut ein Jahr beschäftigt“), das mit Projektleitung und wissenschaftlichem Beirat abgestimmt wird. Erst dann geht die Suche nach Autoren los – „im Idealfall finden wir zwei Verfasser. Sicher ist sicher, falls einer abspringt“, deutet Stephan Kellner die Unwägbarkeiten der Redaktionsarbeit an. Den „goldenen Blumentopf“ gibt es für die Autoren nämlich nicht zu gewinnen – 30 Euro Honorar sind kein Druckmittel. Autorenschaft beim HLB ist eher eine Frage der wissenschaftlichen Ehre; aber eine Erhöhung steht bereits vor der Tür.

Neue Skills für Wissenschaftler

„Wie gehe ich mit meiner wissenschaftlichen Arbeit an die Öffentlichkeit? Wie vermittelt man heute Wissenschaft im Netz?“, formuliert Ferdinand Kramer die Fragen, um die auch der Historikernachwuchs nicht drumherum kommt. Bayerns „oberster Landeshistoriker“ fungiert als wissenschaftlicher Leiter des Historischen Lexikons. Das Historische Lexikon sei eine ideale Plattform, sagt Ferdinand Kramer, wo angehende Geschichtswissenschaftler zeitgemäße Skills erwerben können: „In der Redaktionsarbeit können sie einmalige Erfahrungen sammeln, wie nicht nur ihr Spezialgebiet, sondern ein ganzes Fach optimal digital verbreitet wird, wie die Mechanismen im Netz funktionieren. Das ist eine ideale Weiterbildungschance für unsere Disziplin.“

Er delegiert regelmäßig Hilfskräfte („Doktoranden im fortgeschrittenen Stadium“) – das feste HLB-Team ist sehr überschaubar und kann jede Unterstützung einsetzen: Stephan Kellner ist Teilzeit-Projektleiter, hauptsächlich leitet er das Bavarica-Referat an der Bayerischen Staatsbibliothek. Neben dem Koordinator Matthias Bader gibt es eine Bildredaktionsstelle sowie zwei halbe wissenschaftliche Stellen, und eben stundenweise die Doktoranden.
Das Historische Lexikon Bayerns „in progress“: Das bedeutet nicht nur das systematische, fortlaufende Anfüllen mit Inhalt, sondern auch optische Veränderung. Vor einem halben Jahr hat das Online-Lexikon ein radikales Facelifting erfahren: Die etwas dröge, wenig sinnfällige Homepage ist einem bunten Auftritt gewichen, der an ein Magazin erinnert und mit vielen Zugängen geradezu zum Schmökern animiert.

An den Start ist das HLB vor zehn Jahren mit einer technischen Eigenentwicklung der Digitalen Bibliothek an der Bayerischen Staatsbibliothek gegangen – inzwischen funktioniert es technisch vergleichbar zu Wikipedia (zum Beispiel auch mit der Möglichkeit, die Chronik der Artikelversionen nachzuvollziehen).

Am nächsten Modul tüfteln

Im August, so überschlägt Stephan Kellner, wird der 1000. Artikel freigeschaltet werden – übers Reinheitsgebot. Der wird eingeordnet ins Modul „Frühe Neuzeit“. Derweil überlegt sich Stephan Kellner, dass es an der Zeit wäre, ein neues Modul aufzumachen – freilich muss ein solcher Schritt erst mit dem wissenschaftlichen Beirat abgestimmt werden: „Die Redaktion würde das zur NS-Zeit gestalten. Es sind dazu nämlich schon viele Artikel vorhanden. Wir könnten damit das 20. Jahrhundert komplettieren. Außerdem käme das auch den Nutzern entgegen, die genau zu diesem Themenkreis im HLB sehr viel recherchieren.“ (Karin Dütsch)

Abbildungen:
Der neue Webauftritt des Historischen Lexikons Bayerns kommt bunt daher und bietet viele Zugänge zu den Themen. (Screenshots: Dütsch)

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