Kultur

Daktylologe Wolfgang Morawietz erklärt Stabi-Chef Werner Taegert (mit weißen Handschuhen) die Fingerabdrücke auf dem Umschlag zur Todesanzeige. Der Chemiker Jürgen Bügler (sitzend) und der Biologe Jan Grunwald rätseln mit, wie die eigentümlichen Kleckse entstanden sein könnten. (Foto: Dütsch)

01.02.2013

CSI Munich - ein haariger Fall

Experten des Landeskriminalamtes in München beschäftigen sich mit einer merkwürdigen Todesanzeige aus dem Jahr 1821

Ein paar Kleckse und Wischer – das sollen die Pfotenabdrücke des legendären Katers Murr von E.T.A. Hoffmann sein? Werner Taegert, der Leiter der Staatsbibliothek Bamberg, wüsste nur zu gern, was an der Geschichte dran ist. Er sucht Rat bei den Spezialisten für Urkundentechnik am Landeskriminalamt in München.

Die Maden wuseln auf dem Stück Fleisch. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtet er sie. Ein Handy-Jingle lenkt ihn ab. „Ja?“, meldet er sich unwirsch. „Waas?“, er reißt die Augen auf, „ich bin gleich da.“ In großen Sätzen hastet Jan Grunwald die Treppe aus seinem undefinierbar muffeligen Kellerlabor zwei Stockwerke nach oben. Bei Guido Limmer, dem Chef des kriminaltechnischen Instituts stehen schon die Kollegen. Ratlosigkeit schlägt ihm entgegen. Der Chemiker und der Daktyloskop mit seinem Technikkasten unterm Arm starren auf den Tisch. Den anderen Herrn, der vor dem gefälschten Dali steht und mit eisernem Griff einen Silberkoffer umklammert, kennt er nicht. Ist das vielleicht …?
„Also“, unterbricht Guido Limmer seinen blitzschnellen Check der Situation, „das hier ist das Asservat. Der mutmaßliche Täter ist ein Kater. Wir wissen sogar seinen Namen. Er heißt Murr.“ Jan Grunwald schaut ungläubig auf eine handschriftliche Todesanzeige. Daneben ein Papierfetzen mit undefinierbaren Klecksen. Der Biologe und Experte für Mikrospuren am LKA grinst: „Mal was Neues. Ein Kater als Mörder?“
Die blitzenden Augen der Kollegen verraten die Lust am Ulken – aber streng räuspert sich der Herr mit dem Silberkoffer: „Nein, der Kater war kein Mörder. Er ist der Tote. Dass er auf ganz natürliche Weise starb, steht fest. Es geht hier nur darum, ob das auf dem Umschlag zu seiner Todesanzeige auch seine Unterschrift ist.“
Jetzt schielt der Daktyloskop Wolfgang Morawietz ihn skeptisch: „Aha! Die“, er dehnt die Silben, „Un-ter-schrift einer Katze?“ „Nicht irgendeiner Katze!“, entrüstet sich der Herr mit dem Silberkoffer, „sondern vom Kater Murr! Verstehen Sie?“ – auch er dehnt – „Von d-e-m Kater der Weltliteratur!“ Und dann erzählt er begeistert von E.T.A. Hoffmann, und dass der für seinen geliebten Stubentiger in tiefer Trauer eine Todesanzeige verfasste, als dieser im Jahr 1821 verschied. Dazu gibt es ein gefaltetes Stück Papier, das als Umschlag diente. „Und das da“, er deutet auf die Kleckse, die den Umschlag überziehen, „sollen die Tatzenabdrücke von Murr selbst sein.“
„E.T.A. Hoffmann hatte doch selbst eine kriminologische Ader“, wirbt der kofferbewehrte Herr mit herausforderndem Blick in die Runde. Und weil doch die Kripo in München so viele Spezialisten für Kunst, alle Arten von Dokumenten und vor allem für Unterschriften hätte ... Könnte man da nicht mal …? Schließlich gehe es um eine Rarität: das einzige tierische Autograf der Weltliteratur! „Ein sensationelles und obendrein ungemein wertvolles Dokument!“
Das Expertenteam ist urplötzlich tierisch ernst. Los geht die CSI-Munich-Folge „Causa Murr“.

Nur ja nichts abkratzen!

Ehrlich? Ganz so episodisch ging es nicht zu im Bayerischen Landeskriminalamt an der Maillinger Straße, als Werner Taegert mit seinem Schatz aus der Bamberger Staatsbibliothek um Aufklärung bat. Aber wenn man schon mal mitten in einer Runde von Deutschlands Top-Kriminalisten steht und ihnen zusehen darf, wie sie sich über einen wahrlich haarigen Fall hermachen: Spinnt man sich da nicht gerne eine CSI-Story zusammen?
Und tatsächlich: Die Profis ziehen für den „Fall Murr“ all ihre Register. Naja, soweit sie der Bibliotheks-Chef eben lässt: Denn dass auch nur ein Fitzelchen von der autografischen Rarität abgekratzt oder abgeschnitten würde, lässt er nicht zu. Das wäre aber nötig, wollte man noch exaktere Aussagen zur Authentizität des Dokuments machen – „nur so viel wie der Aufstrich eines Buchstabens“, versucht es Jürgen Bügler, der als Chemiker das Sachgebiet Urkunden und Papier leitet. Dann könnte man das Papier ebenso wie die Tinte genauer bestimmen. Es ließe sich sagen, ob beide aus dem angegebenen Zeitraum stammen, und auch, ob die Tinte mit der mutmaßlichen Katerunterschrift die selbe ist wie jene, mit der E.T.A. Hoffmann den anrührenden Nachruf geschrieben hat.
Oder befinden sich im Schreibmittel gar Pigmente, die seinerzeit noch gar nicht zur Verfügung standen? In der modernen Malerei seien zum Beispiel oft Weißpigmente das überführende Indiz, erzählt Jürgen Bügler; vor allem bei Monet-Bildern würden Fälscher oft in die verkehrten, in zu moderne Farbtöpfe greifen. Und was Roy Lichtenstein-Bilder und das illegale Kopieren mit all den Inkjetfarben angeht: Da muss der Chemiker mit seinen Analyseverfahren nicht nur permanent auf dem Laufenden bleiben, sondern selbst Methoden verfeinern und erfinden.
„Nichts da!“, sagt Werner Taegert unmissverständlich, als bange er, dass die Lust der Kriminologen am High-Tech-Sherlock-Holmes-Spiel mit ihnen durchgeht – ausgerechnet bei „seinem“ Stück Papier, das er doch nur treuhänderisch hütet. Todesanzeige und Umschlag hat vor wenigen Jahren die Ernst von Siemens Kunststiftung erworben und der Staatsbibliothek Bamberg, einer der ersten Adressen für die E.T.A. Hoffmann-Forschung, als Leihgabe anvertraut.

Soft und zerstörungsfrei

Die Spezialisten fügen sich mit nicht weniger Eifer (und Begeisterung) – sie können durchaus auch „soft“, also zerstörungsfrei. Das kritische Taxieren, der geschulte Augenschein steht am Anfang. Wie beim Pingpong geht im Team der Mix aus Beobachtung und Überlegung hin und her. „Das sieht verwischt aus“ klingt nur scheinbar banal: Hat der Kater möglicherweise noch gelebt und sich gegen das ihm abgenötigte „Autogramm“ gesträubt? Das wäre makaber: Den Umschlag zur Todesanzeige noch vor dem Dahinscheiden des Getreuen zu gestalten! Aber bei E.T.A. Hoffmanns Faible für dunkle Geschichten … Und wenn Murr tatsächlich schon tot war, konnte sein Herrchen die Pfote wobmöglich nicht mehr passabel zurecht drehen, ist sie ihm irgendwie ausgekommen? Oder hat E.T.A. Hoffmann einfach nur gekleckst und war nicht schnell genug beim Versuch, das Malheur wegzuwischen? Vielleicht hat der sattsam bekannte Freund anregender Getränke ja seinen Kummer mit einem (eher mehreren) Gläschen Wein runtergespült und aus Versehen etwas auf den vorher astreinen Pfotenabdruck tropfen lassen?
Stopp! Den Zaungästen geht der Gaul der Phantasie durch – die Kriminaler bleiben „nüchtern“.
„Wenn ich will, dass der Pfotenabdruck meiner Katze für die Nachwelt erhalten bleiben soll, mache ich ihn dann nicht so, dass man ihn auch als solchen erkennt? Also mit Ballen, Fingern und Krallen?“, fragt Jan Grunwald nach der Plausibilität. Nein, entwaffnen lässt sich Werner Taegert nicht so schnell: „Ja, aber das könnte doch die künstlerische Überhöhung sein!“ Ein schelmisches Lächeln begleitet seine Mutmaßung, dass es E.T.A. Hoffmann wohl nicht unbedingt um die anatomische wiedergabe einer Katzenpfote gegangen sein müsste: „Das soll vielleicht so etwas wie Katzenschrift sein.“
Ungerührt ziehen die Kriminaler ihr Ding durch. Der Biologe und der Daktyloskop gestikulieren mit ihren Händen so, als ob es Katzentatzen wären: Wie müsste die Pfote gehalten worden sein, damit sich diese spezifische Spur ergibt? Aber alles Handgelenkverdrehen und Fingerquetschen wollen keinen rechten Sinn ergeben.
„Wir gehen ins Labor“, bestimmt Guido Limmer, „ins physikalische“, beschwichtigt er: „Mit unseren Mikroskopen und optischen Apparaturen sehen wir einfach mehr als mit dem bloßen Auge.“
Das Licht ist fahl. Gespenstisch bewegen sich leuchtende Hände: Die in den weißen Baumwollhandschuhen, die das Dokument wieder aus dem Silberkoffer holen, und jene in den blauen Latexhandschuhen, die das „gute Stück“ in den Lichtschlitz eines „Kastens“ schieben. Das Erscheinungsbild dieses Spezial-Scanners ist das reinste technische Understatement: In dem Gerät stecken Filterschikanen, die sichtbar werden lassen, was manchen Fälscher später vor Gericht blass aussehen lässt. Der Apparat ist auf sämtliche üblichen Sicherheitsmerkmale in Dokumenten „geeicht“ – neugieriges Nachbohren nützt nichts, so ganz will man sich bei der Kripo nicht in die Karten schauen lassen. Klick, klick – schnell verschwinden noch ein paar Personalausweise vom Bildschirm. Der Datenschutz …

Drunter und Drüber

„Das ist schon mal nicht schlecht“, murmelt Jürgen Bügler, „da hat jedenfalls keiner mit Halogenlicht nachgeholfen.“ Das Papier des Autografs ist auf ganz natürliche Weise vergilbt, ein etwaiger künstlich beschleunigter Alterungsprozess wäre im UV-Licht aufgefallen. Der Checkup geht routinemäßig weiter, andere Filter werden zugeschaltet: Eindeutig Ruß! Also Tinte oder Tusche. Wären Farbpigmente enthalten, würden sie luminiszieren und floureszieren. „Es spricht nichts dagegen, dass das alte Tinte ist“, lautet Jürgen Büglers diplomatischer Schluss. „Genaueres könnte ich sehr gut …“
Doch Werner Taegert überhört geflissentlich, was man im Rasterelektronenmikroskop, mit der Gaschromatographie, der Massenspektrometrie oder der Thermodesorption noch so alles herauskriegen könnte – was das Verdampfen preisgeben würde, wirklich nur von einer klitzekleinen Probe … Der Bibliothekar starrt ungerührt mit den anderen Experten auf den Bildschirm, wo Kater Murrs Signet nun in 30facher Vergrößerung ganz neue Denkansätze provoziert: Man sieht eindeutig ein „Drunter“ und „Drüber“ im tierischen Autogramm – das gibt dem Ganzen auch noch die zeitliche Dimension.
Einmal die Tatze in die Tinte getunkt und drauf aufs Papier: Das war es also nicht. Obwohl: An den dicken schwarzen Stellen könnte es schon so gewesen sein, überlegt Daktyloskop Morawietz.„Wenn man einen Finger zu tief und zu lange in Tinte taucht, dann füllen sich auch die Hauttäler und im Abdruck sieht man statt des Musters von Hautleisten einfach strukturlose Flecken.“ Und noch einmal tasten seine Augen das Gebilde ab: „Da!“, sein Finger schnellt vor, „das könnten zwei parallele Linien sein! Wir versuchen es jetzt noch größer.“

Hoffmann exhumieren?

Das bekleckste Blatt wird nun unter ein Auflicht-Stereomikroskop mit 150facher Vergrößerung gelegt (mit anderen Objektiven bis 1500fach). Wieder erscheint der Bildausschnitt – man sieht, wie die dicke Tintenschicht verkrustet und gerissen ist, darunter stechen dünne „Wischer“ ins Auge: „Ja! Dieses Gebilde hier könnte für Fingerspuren sprechen!“
Ein bisschen ist es, wie wenn ein Arzt dem Patienten Ultraschallbilder zu erklären versucht – man muss einfach glauben, was der Experte da Spannendes entdeckt: „Vermutlich sind das Fragmente von zwei Fingerabdrücken. Da sieht man auch Poren. Der eine Abdruck erscheint leicht weggezogen, der andere wie noch einmal kurz aufgesetzt. Möglicherweise handelt es sich um ein Fingerendglied. Aber das sind zu wenige Infos. Ich kann nicht sagen, welche Finger das gewesen sind.“
Endlich! Ist das der erhoffte Beweis? Aber Wolfgang Morawietz spricht immer von Fingern. Schön, biologisch gesehen hat auch eine Katze Finger. „Können Sie sehen, ob da Fellspuren sind? Irgendein Krallenkratzer?“, die suggestive Hoffnung in Werner Taegerts Frage bekommt eine kalte Dusche: „Nein, das da ist auf jeden Fall ein menschlicher Fingerabdruck. Und bei den anderen Flecken kann man einfach keine derartigen Strukturen erkennen.“
Auch der Biologe Grunwald gibt sein Bestes und fahndet jetzt nach Abdrücken von Haarschuppen. Wieder: Fehlanzeige! „Aber wie gesagt“, das Team bestätigt es aufmunternd nickend, „wenn die Pfote zu üppig mit Tinte getränkt war, hinterlässt ein Abdruck eben kaum Feinstrukturen. Da kann man halt nichts machen.“
Das Thema scheint abgehakt. „Aber dann hätten wir hier doch immerhin die einzigen erhaltenen Fingerspuren von E.T.A. Hoffmann höchstselbst!“, begeistert sich Werner Taegert. Der Chemiker und der Daktyloskop nehmen ihn sofort umgarnend in die Zange: „Jeder Fingerabdruck hinterlässt Schweißspuren. Das Papier saugt diese Aminosäuren auf, mit dem Ninhydrinverfahren könnte man noch heute die Abdrücke sichtbar machen oder aber nach DNA-Spuren suchen. Wir bräuchten dann nur noch eine Vergleichsprobe – äh, wo ist E.T.A. Hoffmann eigentlich begraben? Eine Exhumierung ...“
Der Silberkoffer schnappt zu. Die Todesanzeige darin. Für den Bamberger Bibliothekar Werner Taegert ist die „Causa Murr“ (vorläufig?) beendet. Freilich hätte er sich über die Bestätigung des Knüllers gefreut: eine echte „Berührungsreliquie“ von einem tierischen Star der Weltliteratur! „Ich bleibe dabei! Das ist die Unterschrift des leibhaftigen Katers Murr.“ Den Zweiflern zitiert er aus dem von Murr selbst verfassten Vorwort zu seiner Autobiografie: „Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, dass er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt, und scharfe Krallen.“ Augenzwinkernd gibt Werner Taegert zu bedenken: „Die Warnung gilt auch für dieses Autograf!“ (Karin Dütsch)

 

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