Kultur

Rauschhaftes Ballgeschehen: Brynolf Wennerbergs "Columbine mit zwei Pierrots". (Foto: Museum)

03.01.2014

Die Leichtigkeit des Seins

Der Kunstmarkt entdeckt Brynolf Wennerberg neu – und die Stadt Fürstenfeldbruck liefert die passende Ausstellung dazu

Plötzlich reden alle von ihm, die Preise für seine Gemälde steigen um mehrere hundert Prozent, es gibt es städtische Ankäufe: Den Startschuss für den kunsthistorischen Wettlauf um Brynolf Wennerberg hat die Nürnberger Kunsthistorikerin Ruth Negendanck mit ihrer umfangreichen Biografie gegeben (siehe Bayerische Staatszeitung Nr. 10 vom 8. März 2013, archiv>www.bayerische-staatszeitung.de>archiv): Brynolf Wennerberg (1866 – 1950) Maler.Zeichner.Gebrauchsgrafiker, heißt das umfangreiche Werk.
Seit den Arbeiten an der Biografie stand fest, dass die Stadt Fürstenfeldbruck eine Ausstellung mit Wennerbergs Bildern machen würde – jetzt ist sie eröffnet: Die Leichtigkeit des Seins ist sie betitelt.
Sie erinnert an den Schweden mit bayerischer Staatsangehörigkeit, der von 1900 bis 1905 dort gelebt hat: Er suchte nach seiner Zeit in Leipzig die Nähe zu München, zum „Simplicissimus“, die Flusslage und die frische Luft. Und zog dann doch die nahe Großstadt, später London und Paris vor, bevor er sich 1915 in Bad Aibling niederließ – wo er bis zu seinem Tode lebte; er hatte dort das ehemaligen Atelier von Wilhelm Leibl übernommen.
Aus vielen Leihgaben gerade aus Bad Aibling haben Negendanck und die Kuratorinnen Eva von Seckendorff sowie Angelika Mundorff die Ausstellung gestaltet. Leider haben sie für die Leichtigkeit des Seins nur die drückende Balkenlandschaft im Obergeschoß des Museums Fürstenfeldbruck bekommen, statt die lichtdurchfluteten Räume des benachbarten Kunsthauses. Das steht, so Fürstenfeldbrucks Kulturreferent Klaus Wollenberg, der Stadt nur ein Drittel des Jahres als Ausstellungsmöglichkeit offen: schade für die schwebende, stürmische Kunst von Wennerberg, für die rauschenden Ballszenen und die sich in Wolken von Tüll auflösenden Roben.

Moderne Werbegrafik

Natürlich kann man die merkantile Seite von Wennerbergs Lebenswerk betonen. Diesen „Wennerberg-Typ“ von Frauen, mit dem er alle Bereiche von Gesellschaft und Konsum eroberte und den manche Redner der Vernissage etwas einseitig betonten. Sicher war er einer der Erfinder der modernen Werbegrafik, hatte große Aufträge von „4711“, Opel oder Klepper und hat mit einem neuen Frauentyp erfolgreich Reklame gemacht.
Erfreulicherweise bleibt die Ausstellung aber nicht nur im Klischee des ewig heiteren Wennerberg hängen, der in Wirklichkeit schlimme Schicksalsschläge hinnehmen musste. Dem würde schon das wunderbare Porträt seiner Töchter Ellen und Charlotte von 1908 widersprechen, mit dem sich Wennerberg in die erste Reihe der deutschen Impressionisten stellt.
Und ein paar Jahre weiter werden seine Frauenbilder, seine Pierrots und Columbines mitten in der Welt der Opern eines Korngold oder Schreker stehen, werden sie die melancholisch-heiteren Frauen und „süßen Mädels“ eines Arthur Schnitzler sein und vielleicht auch einen Hauch von Frank Wedekinds Lulu haben – befreit von Pflichten, sozialen Zusammenhängen, wirtschaftlichen Nöten. Mit dieser Welt hat Wennerberg sich auch selbst identifiziert.
Die reichen Bestände der Ausstellung ermöglichen unterm düsteren Dachgebälk eine sehr differenzierte Sicht auf Wennerberg, ermöglichen, dass man hinter einem perfekten Illustriertenniveau (Zwei junge Frauen auf einer Bank) auch die Risse im Gesellschaftsbild jener Zeit sieht (Flußufer mit Haus). Oder die Auflösung fester Formen, wie sie Wennerberg in seinen Degas-nahen Ballbildern bis hin zum Rauschhaften zeigt.
Auch sein karikierendes Geschick im Anschluss an Ludwig Thomas Geschichten ist dokumentiert. Oder die Strenge seiner Porträts wie das von Hermine Lindner: ein Gesicht, eine Figur wie mit doppeltem Boden, mit faszinierenden Augen und ganz ohne die angeblich überall dominierende Leichtigkeit des Seins. Da sieht man, was hinter der Perfektionierung des Glatten und Schönen, hinter glänzender Reklame als Broterwerb steckt. Diese Ambivalenz ist das eigentlich Interessante dieser Ausstellung, die ihre Wurzeln in den Beständen des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs genauso hat wie in den behüteten, sehr privaten Beständen der Leihgeber und seiner Familie in Schweden. (Uwe Mitsching)

Bis 17. März. Museum Fürstenfeldbruck im Kloster Fürstenfeld, Fürstenfeld 7e, 82256 Fürstenfeldbruck. Di. bis Sa. 13 – 17 Uhr, So. und Fei. 11 – 17 Uhr.
www.stadtmuseum-ffb.de

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