Kultur

Werner Tübke. "Happening in Pompeji" asus dem Jahr 1980. (Foto: VG Bild-Kunst)

06.02.2015

Faible für bekannte Bildvorlagen

Zwei Leipziger Meister: Werner Tübke und Michael Triegel in der Aschaffenburger Jesuitenkirche

Mysterium“ nennt sich beziehungsreich die Bildvorlage für das Plakat der neuesten Ausstellung in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche. Sie präsentiert Zwei Meister aus Leipzig, den Mitbegründer der Leipziger Schule, Werner Tübke (1929 bis 2004) und Michael Triegel (geboren 1968), wichtig als Vertreter der Neuen Leipziger Schule. Beide verbindet kein Lehrer-Schüler-Verhältnis, wohl aber eine Reihe von Gemeinsamkeiten, so die scheinbar altmeisterliche Technik der langwierigen Lasurmalerei, scheinbare Detailgenauigkeit und Gegenständlichkeit, scheinbarer Wiedererkennungswert.
Die Selbstbildnisse beider Maler weisen auf Entscheidendes hin: Beide zitieren bekannte Bildvorlagen. Tübke sieht sich auf seinem Selbstporträt von 1988 als Maler mit roter Kappe, also in der Tradition von angesehenen Renaissance-Künstlern, aber skeptisch blickend, Triegel in seinem doppelten Selbstbildnis von 1997 in der Pose des Botticellischen Medici-Porträts, aber unwirklich übersteigert. Daraus wird klar: Es geht hier nicht um den Bildgegenstand, sondern um die Bedeutung dahinter. Bei allem vordergründigen Realismus speist sich die Aussage aus einem reichen Fundus aus ikonografischem Wissen und mythologischem Hintergrund.
Tübke malt also bei seinem Tod in der Iller, bei dem Weißen Terror in Ungarn oder bei Arbeiterklasse und Intelligenz nicht das vordergründige Ereignis, das klassenkämpferisch ausgewertet werden könnte, sondern sieht dahinter, in menschliche Tragödien. Das war einer der Gründe, warum er zeitweise in der DDR in Ungnade fiel.
Immer wieder tauchen bei ihm Motive aus der christlichen Ikonografie auf, etwa in „Mahnung“, „Beweinung“ oder „Verfassung mit Kogge“, häufig Zitate der Kreuzigung. Er glorifiziert nicht das Thema, etwa im Sinn des Sozialismus, sondern er zeigt das Leiden der Menschen. Auch bei seinem Riesenauftrag, dem Bauernkriegsgemälde in der Rotunde von Bad Frankenhausen (1983 bis 1987) wird nicht der Kampf der „unteren“ Klasse heroisiert; vielmehr steht im Mittelpunkt der Mensch als geknechtetes, gefährdetes Wesen.

Ins Depot verbannt


Die Menschen, etwa auch in Ende der Narrengerichtsbarkeit, sind Gequälte, Zwängen unterworfen, ständig vom Tod bedroht. Häufig hat Tübke vielfigurige, verwirrende, vor Kämpfen und verdeckten Heilsbotschaften wimmelnde Panoramen einer schrecklichen, ruinösen, aber irgendwie doch schönen Welt entworfen. In ihr treten dann oft ein Narr, ein Harlekin, Marionetten oder Wesen mit Masken in auch pompösen Verkleidungen auf; nur im Spiel kann der Mensch die Bedrängnisse der Welt ertragen. Bezeichnend dafür: Drei Frauen aus Cefalu, die drei Lebensalter symbolisierend, mit puppenhaften Gesichtern, wie erstarrt dem Verfall, der Greisin in der Mitte, verbunden.
Der allem innewohnende Tod wird vielfach formuliert in Totenköpfen, Skeletten, apokalyptischen Weltende-Visionen. Dennoch bricht sich immer wieder das Schöne Bahn, selbst bei Motiven der Zerstörung durch den metaphorischen Rückgriff auf bekannte Bildmotive aus der Kunstgeschichte, etwa Veronese oder Raffael. Tübke verwob all dieses in ein Gleichnis zur Gegenwart.
Auch Triegel malt viele Bilder nach bekannten oder christlichen Motiven, etwa Abendmahl, Ecce homo oder Kreuzigung; doch er wertet diese um, entleert sie quasi ihres Inhalts – deutlich an den gesichtslosen Figuren –, formuliert so die Sehnsucht nach Erlösung von diesem Mangel an menschlicher Heilszuversicht. Das ist keine religiöse Kunst, trotz des ehrenvollen Auftrags für das Porträt von Papst Benedikt.
So zeigt zwar die Triegelsche Auferstehung von 2002 (im Würzburger Museum am Dom ins Depot verbannt) einen emporschwebenden nackten schönen Mann, eine Art Apoll im Strahlenkranz; ihm zu Füßen aber sitzt ein schlafender junger Nackter mit Lorbeerkranz. Das scheint ein Verweis auf Bacchus oder Dionysos, zumal das Weinglas auf dem leeren Buch Ähnliches suggeriert. Das könnte ein Gleichnis sein für den Sieg des apollinischen Prinzips, also von Schönheit und Ordnung, über das dionysische, welches für Entgrenzung und Rausch steht.
Fast immer formuliert Triegel auf seinen fast überrealistischen Gemälden mit wenigen Figuren – oft aus dem familiären Umkreis – und Anspielungen auf bekannte christliche Bildmotive den Zweifel, die Skepsis, die Nichtdarstellbarkeit des Göttlichen, etwa in Deus absconditus. Auch er schöpft aus einem Reservoir von tradierten Motiven, um die Bedrohung durch Tod und Oberflächlichkeit zu zeigen.
Beide Künstler entziehen sich mit ihrem Anliegen und ihrer Darstellungsweise auch dem Diktat der Moderne, dass die Kunst autonom sein müsse, dass das Originalschöpferische das Bestimmende sei. Sie zeigen vielmehr, dass wir alle geprägt sind von einem kunsthistorischen Schatz an Bildvorlagen und Vorstellungen. (Renate Freyeisen)
(Die Ausstellung ist noch bis zum 19. April 2005 zu sehen.)

(Michael Triegel: "Doppeltes Selbstbildnis aus dem Jahr 1997 und Werner Tübke "Selbstbildnis mit roter Kappe, 1988, - Fotos VG Bild-Kunst

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