Kultur

Taehyun Jun als Rodolfe, der düstere Vater der Einwandererfamilie; im Hintergrund Augustin Dikongué als Abad. (Foto: Ludwig Olah)

23.01.2015

Hafen der Hoffnungslosen

Régis Campos Oper „Quai West“ in einer überarbeiteten Uraufführung am Staatstheater Nürnberg

Unheimlich dröhnen die Warnsignale der Ozeanriesen, aber anlegen wird keiner mehr in dieser gottverlassenen Hafengegend des Quai West. Das war 1985 für den französischen Dramatiker Bernard-Marie Koltès (1989 an Aids gestorben) ein Sinnbild für Elend, Geldnot, sozialen Abstieg, Dunkelheit, Abwanderung, messerstechende Gewalt. Cécile, die Mutter einer Immigrantenfamilie aus dem Süden, zählt alles auf, was in dieser Welt der verrotteten Lagerhäuser verhandelt wird, wo alles nur den Gesetzen von Gewalt und Geld gehorcht.
Régis Campo, der französische Komponist, der in der laufenden Spielzeit „composer in residence“ am Staatstheater Nürnberg ist, hat eine Oper daraus gemacht – seine erste und die erste Koltès-Oper überhaupt. Die Uraufführung war letzten September in Straßburg, die Resonanz war sehr gespalten; jetzt gab es in Nürnberg die Uraufführung einer Neufassung: gekürzt, in deutscher Sprache – mit gleichem Regisseur (Kristian Frédric), gleichem Bühnenbild (Bruno de Lavenère), aber mit Nürnberger Sängern.
Besonders wichtig war als Bindeglied zwischen beiden Aufführungen Marcus Bosch als Dirigent, der mit der Staatsphilharmonie die dekorative Delikatesse der Partitur vorzuführen weiß: mit einer klassischen Orchesterbesetzung, mit exotischem Schlagzeug, diversen Keyboards und den beiden E-Gitarren, die immer krasse Gewalt signalisieren. „Der Stoff führt zwar in die niedrigsten Beweggründe des Menschlichen, aber es bleibt immer etwas Ästhetisches in ihr“, sagt er, „typisch für die französische Musikszene.“
Darunter mag man dann auch verstehen, dass Campo sich überall in der Operngeschichte umgesehen hat, wo die Entrechteten, Hoffnungslosen über ihr Leid lamentieren. So ist aus dem Vater der Einwandererfamilie, Rodolfe (sehr eindimensional: Taehyun Jun), ein düsterer, hämisch lachender Alberich geworden, aus seiner Frau Cécile, die sich in die alte Heimat zurückträumt, eine Trovatore-Azucena. Und das Terzett aus den drei wichtigen Frauen Cécile, Claire und Monique wird zu einem Rosenkavalier-Finale auf den Feuerleitern über dem Fegefeuer. Ihr Niemand wird uns die Tränen trocknen strömt mit kantablem Schmerz ins Parkett, ein Fernchor addiert noch ein bisschen mehr Rührung – da ist man dann schon sehr nahe an der Kitschgrenze.

Schnelle Verfallszeit

Der Koltès-Text wurde für die 90-Minuten-Oper gut um die Hälfte eingedampft. Auf der Strecke bleibt alles, was den Hintergrund dieser Menschen verdeutlichen würde. Übrig geblieben ist eine Momentaufnahme, wo mit Rolex, Kreditkarten, Jaguar und Sex gehandelt wird. Dazu bleibt Campos Musik detailverliebt, schillernd dekorativ, aber auch mit vielen minimalistischen Wiederholungen und schneller Verfallszeit.
Den Sängern fällt es schwer, in der konventionellen Opernregie von Frédric, Interesse an den Figuren zu wecken. Nach dem Frauenterzett übernehmen zur Finalrunde die Männer wieder das Gewaltregime: der Bankier und Pleitier Maurice (Pavel Shmulevich), der am Quai West den Tod gesucht hat, wird leblos über das Pflaster gezerrt, Charles (Hans Kittelmann) wird vom allzeit sex- und gewaltbereiten Fak (Fabrice di Falco) erschossen. Und das „In God we trust“ der amerikanischen Dollarnoten wird mit dem Zusatz „Do we?“ zur unbeantworteten Frage, bevor der Vorhang fällt. (Uwe Mitsching)

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