Kultur

Überzeugende Schauspieler: Sabin Tambrea und Edgar Selge als Ludwig II. und Richard Wagner. (Foto: Warner Bros. Pictures)

14.12.2012

Lust an Theatralischem

Der neue Ludwig II.-Film beginnt charmant, bleibt aber auf halber Strecke stecken

Nun also ein neuer Ludwig II.-Film – ein Jahr, nachdem man ausgiebigst des 125. Todestages von Bayerns (weltweit) bekanntestem König gedachte. Und aufs Jahr 40 Jahre nach Viscontis filmischer Hymne mit Helmut Berger. Ein Vergleich wäre zu billig, und letztlich: Die in die Jahre gekommenen, eingefleischten L.II./Berger-Fans lassen ohnehin an jedem Neuen so schnell kein (onduliertes) Haar. Warum also nicht bewusst den einst Maßstab setzenden Kassenknüller mit seinen Stars ignorieren und etwas Neues für die jüngere, „unbedarfte“ Generation machen – die ja noch dazu im gleichen Alter ist wie Ludwig, als er König wurde (werden musste)?
Tatsächlich, das hat Charme, wie uns da der neue Ludwig II. im Film von Peter Sehr und Marie Noëlle (Drehbuch, Regie) begegnet: Ob der „echte“ Wittelsbacher als junger Bursch auch so ein auffallend breit lächelnder, strahlender Sunnyboy war? Ob’s da auch mal so handgreiflich mit seinem Bruder Otto zuging? Ob er sich auch getraut hätte, seine Mutter Marie anzuschreien, zu beleidigen und brutal von sich zu stoßen? Vermutlich hätte ihn da die Familie schon für unzurechnungsfähig erklären lassen.
Egal: Eine solche Interpretation geht in Ordnung, will man heute Empathie wecken für die Seelenlage eines sich gerade erst selbst entdeckenden jungen Mannes vor über eineinhalb Jahrunderten, der von einem Tag auf den anderen Erster im Land zu sein hatte. Vielleicht visualisieren solche Szenen ja das, was Ludwig gerne mal wirklich getan hätte: Um sich schlagen, mit der Krone auf dem Kopf daher stolzieren. Wie anrührend sind tatsächlich diese wenigen Minuten, in denen Ludwig seine Thronrede übt: Hin- und hergerissen zwischen kindlichem Verkriechen vor der Anforderung und langsamem Erwachen der Lust zu Theatralisieren. Wie Sabin Tambrea das spielt, wie Kamera und Schnitt das filmisch fassen: Das lässt beinahe den Beginn von Shakespearscher Dramengröße ahnen.
Bei der Ahnung bleibt es aber. Wie krass ist doch der Bruch zwischen jungem und „reifem“ Ludwig – der Film zerfällt regelrecht in zwei Teile. Der spritzigen Interpretation des Wieso? und Wie? folgt schweigende Starre. Der König hat sich tatsächlich immer mehr zurückgezogen – schlagartig kapitulieren auch die Filmemacher und verzichten auf fortführende künstlerisch-fiktive Interpretation. Optische Ähnlichkeit des Schauspielers (jetzt Sebastian Schipper) mit dem „Original“ ersetzt den zerreißenden Kampf zwischen drinnen und draußen: Zwischen Ludwigs Visonen vom Königtum und der wachsenden Ohnmacht gegenüber dem sich emanzipierenden Ministerapparat, zwischen seinen Neigungen (Wagner-Musik ebenso wie seiner Homosexualität) und der Staatsräson, zwischen seiner Kulissenwelt (Neuschwanstein) und der realen Welt.
Das alles wird halt irgendwie blutleer „auch noch“ angetippt – obendrein in allzu plakativen, allzu oft bemühten Motiven in wenig inspirierten Kamerabildern (ohne, dass man szenenbildnerische Opulenz erwarten würde): Der König in seiner goldenen Kutsche, der König beim Mahl im Thronsaal von Neuschwanstein, die buckelnden Diener und – ja, da entschied man sich dann banal für eine der beiden Ludwig-Lager-Thesen – sein Selbstmord im Starnberger See. Das alles ist sattsam Schnee von gestern, wird der Reihe nach abgehakt – reflektieren lässt man diesen Ludwig nicht mehr.
Letztendlich bleibt dieser üppigst koproduzierte und geförderte Film auf halber Strecke stecken. (Karin Dütsch)


Ludwig II. Produktion: Bavaria Pictures GmbH. Drehbuch/Regie: Peter Sehr, Marie Noëlle. Darsteller (u.a.): Sabin Tambrea, Sebastian Schipper (Ludwig II.), Edgar Selge (Richard Wagner), Hannah Herzsprung („Sisi“), Uwe Ochsenknecht (Prinzregent Luitpold).

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