Kultur

(Illustration: Rosemarie Zacher)

07.10.2011

"Mit Strauß kann man nicht fertig werden"

Beim Schreiben verwandelt man sich in den Beschriebenen: Albert Ostermaier über sein neues Stück "Halali"

In der Anstalt: Da ist einer, der erst glaubt, Jesus zu sein, dann Franz Josef Strauß. Es geht um Jäger und Gejagte – Halali heißt das neue Stück von Albert Ostermaier, das am heutigen Freitag im Staatsschauspiel seine Uraufführung erlebt. Der Autor erklärt, warum der einstige Ministerpräsident den Stoff für eine Shakespeare-Figur hergibt.

BSZ: Herr Ostermaier, Ihr Protagonist identifiziert sich mit Franz Josef Strauß. Mit „welchem“ Strauß in welcher Lebensphase, an welcher politischen Station denn?
Ostermaier: Plisch, der Protagonist von Halali eignet sich naturgemäß den ganzen Strauß an, sprich: Alles, was er von ihm weiß, gelesen, gehört hat, usurpiert er. Aber es ist auch ein Stück im Angesicht eines angekündigten Todes, es spielt also vorwiegend in der Phase des letzten Atemzugs.

BSZ: Zuvor war er auch Jesus. Glaubt er, auch als FJS eine Art „Heilsbringer“ zu sein?
Ostermaier: Nein, er ist kein Heilsbringer, denn wer glaubt, das Heil zu bringen, stiftet nur Unheil, bzw. unsere Sehnsucht nach Heilsbringen ist nur, um es mit einem schlimmen Wort zu sagen, das Outsourcen unserer eigenen Verantwortung, das Negieren unserer demokratischen Pflichten. Je mehr wir nur von Köpfen träumen, desto kopfloser werden wir. Wobei uns dennoch solche Köpfe wie Strauß heute fehlen, über die man sich die Köpfe zusammenschlagen kann, das heißt mit Meinung streiten kann. Dafür braucht es aber Politiker, die sagen, was sie denken.

BSZ: Sie meinten in einem Interview mit dem „Donaukurier“, dass Strauß eine wunderbare Metapher für Politik und Macht sei, ja, dass er eine Figur von Shakespeare’schem Format böte. Das klingt nach Überhöhung, gar nach einem „Denkmal Strauß“. Was macht Strauß so singulär, etwa im Vergleich zu Helmut Kohl, dessen Privatleben als „Machtmensch“ ja auch gerade in den Gazetten diskutiert wird?
Ostermaier: Ich baue keine Denkmäler, da ich kein Bildhauer bin. Und ein Denkmal ist ja statisch, das Drama aber lebt vom Konflikt, der Beweglichkeit des Geistes und der Beine. Das Theater muss überhöhen, denn Überhöhung schafft Fallhöhe, ohne die es nicht geht. Deshalb muss auch der eingebildete Strauß auf Kothurnen stehen. Vergleicht man ihn mit Kohl, dann sieht man, dass Strauß nicht der Stratege war, der eiskalte Machtpolitiker. Strauß ist in seinem Gelingen wie in seinem Scheitern menschlich fassbar. Er hatte Träume, die sich nicht erfüllt haben. Er ist immer höchstes Risiko gegangen, war immer am Anschlag, an den Spitzen. Er war ein Grenzüberschreiter. Das macht ihn dramatisch interessant. Kohl wäre weniger Drama, sondern Prosa. Außerdem ist Strauß jemand, auf den ständig alles Mögliche projiziert wurde, bis zum Bayernkönig.

BSZ: Soll der „private“ Strauß den politisch oft umstrittenen Strauß „rehabilitieren“? Sollen wir Mitleid bekommen?
Ostermaier: Ich weiß nicht, wer der private Strauß war. Mitleid ist immer die Versicherung, dass es einem anderen schlechter geht, sagt Max Frisch. Mir geht es mehr um Perspektivenwechsel, genaues Hinschauen und nicht die Wahrnehmung auf Talkshowniveau herunterzudimmen. Das Faszinierende an Strauß sind seine Widersprüche, die Vielseitigkeit. Er war als Persönlichkeit zu komplex. Und da werde ich auch nur einen Ausschnitt erfasst haben. Außerdem bin ich als Autor ja keine Berufungskommission oder gebe Haltungsnoten.

BSZ: Was ist denn Ihrer Meinung nach das Charakteristische für das Private im Politiker Strauß?
Ostermaier: Ich glaube, dass er Politik persönlich genommen hat und dass er sich als Mensch nicht verstellt hat, sondern all seine Widersprüche und Emotionen gelebt hat. Er war jemand, der eine irrsinnige Disziplin hatte, aber zugleich sich nicht kontrolliert hat und sich in keinen Rahmen pressen lassen wollte. Und ich halte ihn für sehr verletzbar, für eine dünnhäutige Elefantenhaut. Und wenn jemand eine solche Machtfülle besitzt wie er, dann lösen sich die Grenzen auf oder sind nicht mehr sichtbar, wo dann gerade die Gefahr liegt. Es hätte ihm sicher gut getan, wenn er auch in Bayern einen Gegner gehabt hätte, den er respektiert hätte.

BSZ: Kommt auch seine Frau Marianne vor?
Ostermaier: Nein.

BSZ: Hatten Sie beim Schreiben Kontakt zu den Kindern von Strauß?
Ostermaier: Ich habe Max Strauß als eine berührende Persönlichkeit kennengelernt mit einer großen Neugier und Offenheit für das Theater. Man müsste allein den Prozess gegen ihn auf die Bühne bringen, in O-Ton. Da muss man nichts hinzufügen.

BSZ: Wie haben Sie selbst Franz Josef Strauß noch politisch wahrgenommen? Hat sich Ihr Bild von ihm im Laufe der Arbeiten am Stück verändert?
Ostermaier: Natürlich verändert das Schreiben den Blickwinkel, verschiebt die Perspektiven. Man will ja verstehen, über wen man schreibt, es ist ja ein wenig wie Method Acting, man verwandelt sich beim Schreiben in den Beschriebenen. Man kann nicht mehr schwarz-weiß denken, sondern sieht alle Schattierungen, es wird immer schwieriger, zu vereinfachen. In Vielem habe ich mein Urteil korrigiert, weil ich Kontexte besser verstand, weil die historische Distanz den Blick breiter, aber auch schärfer gemacht hat. Vieles bleibt mir unerklärlich, manches mag ich mir nicht erklären, anderes klärte sich auf. Er ist eben ein Mann in seinem Widerspruch und das empfinde ich angesichts unserer Fernsehformatierung von Politik als Qualität. Die Inszenierung zeigt natürlich ihre Sicht, interpretiert für sich, hat verändert, in Theater übersetzt. Ich denke, mit Strauß kann man nicht fertig werden.

(Interview: Karin Dütsch)

 

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