Kultur

Aufgspuit wird: Moni, Christoph und Michael Well an den Kammerspielen. (Foto: Andrea Huber)

10.02.2012

Oberbayerische Hillbillys

Fein sein, beinander bleibn: Die Well-Familie ulkt an den Münchner-Kammerspielen

Fein sein, beinander bleibn an den Münchner Kammerspielen Ja da schaug her, die Burgi und die Moni, die Bärbi und der Karli! Nein, die gehören weder zur Krabbelgruppe, noch sind sie Insassen der Trachtenvereins-Kita, sondern vielmehr ausgewachsene Musiker – und heißen mit Nachnamen alle Well.
Das genügt in Bayern schon, damit man an den Münchner Kammerspielen auftreten darf. Zumindest wenn Christoph, genannt Stofferl, und Michael Well dabei sind. Die beiden gehörten schließlich zur legendären Biermösl-Blosn, die sich kürzlich gerade noch rechtzeitig aufgelöst hat, ehe sie für ihr kreuzbraves Muckertum heiliggesprochen oder zumindest mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet worden wäre.


Der Bibabutzemann


Vor diesem Hintergrund könnte der Titel Fein sein, beinander bleibn gar nicht besser gewählt sein, unter dem sich jetzt die genannten Mitglieder der insgesamt siebzehnköpfigen Großfamilie Well auf der Bühne versammeln: Zum Trost für alle Freunde wahnsinnig kritischer Volksmusik veranstalten die wackeren Töchter und Söhne des Dachauer Hinterlandes einen „Hausmusikabend“, bei dem aufgspuit wird, bis das Hackbrett raucht.
Von der Tuba bis zur Nonnentrompete bedienen die quirligen Geschwister (nebst ihrer Zither-spielenden, 92-jährigen Mutter) mit naturwüchsiger Musizierfreude und beachtlichem Talent alle bekannten und unbekannten Instrumente, die vor einem idyllischen Bergwiesen-Prospekt vom Schnürboden herunterhängen. Da werden auf dem Dudelsack die „Lustigen Holzhackerbuam“ intoniert und auf Alphörnern echte Klassiker von Beethovens Neunter über „We will rock you“ bis zum „Bibabutzemann“ getrötet.
Dazwischen gab’s bei der Premiere einen kurzen Gastauftritt von Gerhard Polt (als Nikolaus), der mit seiner Bühnenpräsenz richtig wohltuend wirkte im Kontrast zum Gezappel der Wells. Die das Publikum auch noch an allerlei wahren oder erfundenen Familiengeschichten teilhaben ließen (unglaublich interessant), ehe sie den Andachtsjodler zelebrierten oder Ravels Bolero schuhplattelten.


Ein Anti-Musikantenstadl


So geriet die Well-Show phasenweise zum zünftigen Heimatabend, bei dem man nicht nur „Zuchtperlen der Volksmusik“ bewundern konnte, sondern auch darüber staunen, wie dieser vermeintliche Anti-Musikantenstadl dem karikierten Vorbild strukturell doch gleicht: Da machen sich ein paar oberbayerische Hillbillys in der Landeshauptstadt zum Kasperl, indem sie ihren einheimischen Exotismus zu Markte tragen – und ihre harmlose Renitenz: Ein Nebenwirkungs-Gstanzl lässt die Bosse der Pharma-Industrie bestimmt vor Angst schlottern, und der Gamsbart-Rap über den Milchpreis behandelt die drängendsten Probleme des Großstadtpublikums.
Vielleicht hätte Franz Wittenbrink, der sonst für geistreiche Liederabende berühmt ist, als Regisseur dieses formlosen „Hoagascht“ doch etwas stärker eingreifen und – wie ganz am Schluss – für dramaturgische Zuspitzungen sorgen sollen. Aber was kann einer allein schon gegen die Gruppendynamik einer Großfamilie ausrichten.
(Alexander Altmann)

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